Die Bundeswehr gibt ihren Neuanschaffungen gern Namen, die nach Kraft und Ausdauer klingen. Einen neuen Panzer taufte sie Puma, einen Hubschrauber Tiger. Und für neue Informationstechnik wählten die Militärs den Namen eines griechischen Helden, der in den Olymp der Götter aufstieg: Herkules. Das Projekt umfasst 140.000 Computer, 7.000 Server, 300.000 Festnetz- und 15.000 Mobiltelefone an 1.500 Standorten. Vor sieben Jahren stellte die Truppe das Projekt vor und war stolz darauf, gemeinsam mit Siemens und IBM die größte öffentlich-private Partnerschaft (ÖPP) in Europa auf den Weg gebracht zu haben. Für Siemens war das 7,1 Milliarden Euro umfassende Projekt eines der größten Geschäfte der Firmengeschichte.

Für die Bundeswehr währte die Freude nur kurz. Der göttliche Name in der Truppe sorgt heute für Spott: Überirdisch an Herkules seien bestenfalls die zahlreichen Pannen und Fehler. "In der Truppe rumort es", schrieb das Bundeswehrmagazin Y noch zurückhaltend über die schlechte Ausstattung mit Informationstechnik. Das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr dokumentierte 2012 etliche Beschwerden über ausgefallene Server, Netzwerkverbindungen, Drucker und Anwendungen. Darüber hinaus entpuppt sich das Projekt Herkules nun auch noch als finanzielles Desaster. Das belegt ein interner Bericht des Bundesrechnungshofes, dessen Freigabe die ZEIT unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz erreichte.

Dieser Bericht über die "Zielerreichung und Wirtschaftlichkeit" von Herkules ist ein Dokument des Scheiterns. Die Rede ist von verfehlten strategischen Zielen, Verzögerungen und dem Verzicht auf vertraglich vereinbarte Leistungen. Zudem habe die Truppe womöglich gegen das Vergaberecht verstoßen: Das Budget sei nachträglich ohne Ausschreibung erhöht worden und damit "ohne die Möglichkeit des Wettbewerbs" zu nutzen. All dies habe dem Bundesrechnungshof zufolge zu viel höheren Kosten geführt als ursprünglich geplant.

Auch die hochgesteckten Erwartungen an die Kooperation mit der Privatwirtschaft seien enttäuscht worden. Eigentlich sollte Herkules durch diese besondere Konstruktion ja günstiger und schneller fertig werden als ein Projekt in Eigenregie. Doch die Prüfer befanden: "Diese frühere Verfügbarkeit und damit der höhere Nutzen blieben aus." Die überwiegende Mehrheit der Herkules-Nutzer glaubt mittlerweile sogar, die Bundeswehr hätte ihre Computertechnik ebenso gut selbst erneuern und managen können. Das hat das Sozialwissenschaftliche Institut herausgefunden. Weitere Nachteile der staatlich-privaten Zusammenarbeit lassen sich gar nicht mal in Geld beziffern. So verfüge die Bundeswehr "wegen der ÖPP nicht mehr über umfassende Erfahrungen im Betrieb der stationären IT", heißt es umständlich im Bericht. Im Klartext: Die interne Expertise im Umgang mit den Computersystemen geht stark zurück. Stattdessen ist die Truppe nun dauerhaft auf zivile Unterstützung von außen angewiesen.

Das Bundesverteidigungsministerium weist Kritik an dem Projekt gegenüber der ZEIT ganz allgemein zurück. In einem Schreiben an den Bundesrechnungshof wurden Mitarbeiter des Ministeriums konkreter. Herkules habe "die wesentlichen Ziele" erreicht, antworteten sie den Prüfern: "Unter Berücksichtigung der Dimension des Projektes sind die aufgetretenen Probleme nicht signifikant."

Derweil loben sich Ministerium, IBM und Siemens öffentlich selbst. "Mit Erreichung des sogenannten Zielbetriebs für die Integrationsprojekte verfügt die Bundeswehr über ein modernes, sicheres und performantes IT-System", heißt es in einer Mitteilung der BWI Informationstechnik, in der sich die drei Partner zusammengeschlossen haben. Überraschende Mehrkosten seien im Übrigen nicht entstanden.

Das sieht der Bundesrechnungshof offenbar anders. Dem Prüfbericht zufolge hat das Verteidigungsministerium den Finanzbedarf für Herkules zunächst mit 5,8 Milliarden Euro angegeben. Bei Vertragsabschluss stieg diese Summe um weitere 1,3 Milliarden Euro. 2010 kamen noch einmal 700 Millionen für die Leitungsnetze dazu. Deren Ausbau sei komplizierter als angenommen, teilt das Verteidigungsministerium mit.