Zwei Tage nachdem die Bombe geplatzt ist, steht Karl Dall im Flur seiner Wohnung in Hamburg und grinst zur Begrüßung wie immer, schief, ironisch und ein wenig unsicher. Während seine Frau Barbara in der Küche Kaffee aufsetzt, bittet Dall ins Wohnzimmer. "Ich war jetzt jeden Tag auf Seite eins und habe Sigmar Gabriel auf Platz zwei verwiesen." Er traut sich noch nicht vor die Tür, macht aber schon wieder Witze.

Was ihm vorgeworfen wird, ist alles andere als lustig: Vor knapp drei Monaten soll Dall eine 43-jährige Schweizer Journalistin vergewaltigt haben. Jetzt drucken Zeitungen sein Foto, sie fragen: Ist Dall ein Vergewaltiger?

Am 5. September war der 72-jährige Karl Dall zu Gast in der Talkshow Aeschbacher in Zürich, nach der Veranstaltung traf er sich mit der Journalistin zum Interview, trank mit ihr Wein, danach begleitete sie ihn aufs Zimmer im Renaissance-Hotel.

Dall sagt, man habe nur geredet. Die Journalistin stellt die Nacht anders dar: Im Hotelzimmer sei der Entertainer über sie hergefallen. Jetzt steht Aussage gegen Aussage. Noch ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Seit Jahrzehnten kultiviert Dall seinen Ruf als Macho: In seiner Sendung Jux und Dallerei saß 1993 einmal der heute 78-jährige Norbert Blüm, Dall beugte sich jovial zum Minister: "Wir beide können ja noch die jungen Weiber abknallen."

Beim später freigesprochenen Jörg Kachelmann und dem angeblichen Vergewaltiger Dominique Strauss-Kahn, in dessen Fall es nicht einmal zu einer Anklage kam, waren Journalisten und Öffentlichkeit ihres Urteils schnell sicher: Aufgrund ihres losen Umgangs mit Frauen traute man den Verdächtigen die Tat mühelos zu.

"Ich habe dieser Frau mit ihren Problemen stundenlang zugehört. Das war ein Fehler", sagt Dall. Er bestreitet nicht, dass es diese Nacht gegeben hat – aber was in dieser Zeit passiert sein soll, die Vergewaltigung, sagt er, stehe "wie ein schlechter Film im Raum". Eine Vergewaltigung, sagt Dall, "ist das schlimmste Gewaltverbrechen, das man einem Menschen antun kann, gleich nach Mord".

Karl Dall und seine Frau Barbara, seit 43 Jahren verheiratet, wirken wie Überlebende eines schweren Unfalls, sie helfen einander beim Erinnern: Alles habe im August angefangen mit einer harmlosen Anfrage per E-Mail. Die Schweizer Journalistin hatte zu Dall über seine Homepage Kontakt aufgenommen. Da war das Ehepaar gerade in Kanada bei der dort lebenden Tochter. Dall bereitete damals gleich vier Shows in der Schweiz vor, und die Journalistin wollte ihn dazu befragen. Dall gab ihr die Nummer seines Ferienhauses, "dann haben wir gequatscht". Nach dem ersten Artikel kündigte sie einen zweiten an, man müsse noch einmal reden. Sich treffen – am besten in der Schweiz.

Ihr sei die Frau gleich komisch vorgekommen, ruft Barbara Dall von nebenan herüber: "Als wir in Kanada waren, hatte sie immerzu gemailt und wollte auch Fotos haben." Ach, habt ihr’s da schön!, habe die Frau geschrieben. Und: Gehört euch das Haus im Hintergrund? Karl hat ja eine Rolex um! "Die hat doch irgendwie eine Macke, haben wir zu unseren Nachbarn gesagt. Sie war sehr anhänglich. Wir hatten gleich das Gefühl, dass die zu viel von uns will", sagt Barbara Dall.

DIE ZEIT: Herr Dall, warum haben Sie sich überhaupt auf so einen E-Mail-Wechsel eingelassen?

Karl Dall: Sie klang zunächst vernünftig, nicht unsympathisch. Bloß irgendwann fing sie an, mir erotische Sachen zu schreiben, und zum Teil bin ich darauf eingegangen. Pubertäre Scheiße. Mir wurde das zu viel, ich hab dann alles gelöscht und abgeblockt.

ZEIT: Und dann?

Dall: Sie hat eine einzige E-Mail aufgehoben und die jetzt der Staatsanwaltschaft übergeben. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen.

"Sie klang zunächst vernünftig"

ZEIT: Kamen Ihnen nie Bedenken?

Dall: Man duzte sich irgendwann, 10.000 Kilometer weit weg kam mir das unproblematisch vor. Was mir auffiel: Die mailte zu jeder Nachtzeit, sie hat praktisch gar nicht mehr geschlafen. Kurz vor unserem Treffen schrieb sie, dass sie ihren Freund heiraten will. Da schrieb ich: "Schön, gratuliere." Aber als ich sie dann nach der Talkshow traf, eröffnete sie mir, sie habe die Hochzeit abgesagt. Meinetwegen. Ich hatte Rotwein getrunken, sah das als Witz. Ich habe nicht wirklich gecheckt, dass die ein ernsthaftes Problem hatte.

ZEIT: Sie haben Sie also trotz dieser Vorgeschichte zum Interview getroffen. Wie ging es weiter?

Dall: Zu der sogenannten Tatnacht darf ich nichts sagen. Nur so viel: Es war ein Riesenfehler, dass ich bei diesem "Interview" allein war. Ich Idiot!

ZEIT: Wieso haben Sie sie überhaupt im Hotel getroffen?

Dall: Sie wollte ursprünglich mit mir essen gehen, in die Kronenhalle. Das war mir aber zu anstrengend. Ich war in der Nacht zuvor aus Kanada gekommen, deshalb wollte ich im Hotel bleiben, hatte einen Jetlag.

ZEIT: Was war denn das Thema des Gesprächs?

Dall: Sie wollte mit mir in der Schweiz leben. Sie hatte mich auch schon um Geld angehauen. Sie hatte jede Menge Schulden, war spielsüchtig. Und ich sollte ihr ein Häuschen kaufen im Berner Oberland. Ich sagte: Hör mal zu, ich bin seit 42 Jahren glücklich verheiratet. Dazu sie: Das kannst du ja auch bleiben, wir können ja mit deiner Frau reden. Kommste am Wochenende immer zu mir. Es war unglaublich.

Barbara Dall: Sie hatte auch schon angefangen, unsere Tochter zu nerven. Sie solle mich doch bitte überreden, meinen Mann zu verlassen. Sie rief ständig an, teilweise mit technisch veränderter Stimme.

Dall: Sie hat technisch einiges drauf. Bei Jürgen Drews hat sie es vor zwei Jahren geschafft, mit Hackersoftware von seinem Handy aus eine Mail an dessen Frau Corinna zu schicken: "Ich liege gerade mit deinem Mann im Bett." Jetzt rufen alle hier an: Jürgen Drews, Udo Jürgens, auch Wolfgang Stumpf. Alle wollen helfen.

Die freischaffende Journalistin, die vor allem für bunte Blätter arbeitet, hat mehrfach beschrieben, was Dall nun zur Last gelegt wird: den Übergriff. In einem Roman erzählt sie von einer verbotenen Liebe zwischen Arzt und Patientin; in einem anderen Text schildert sie, wie sie von einem bekannten Sänger zum Interview nach Hause eingeladen wird: "Hier also wohnt der Superstar der deutschen Show- und Schlagerszene. Der Mann, der scheinbar alterslos die Kunst kalkulierter Träume in Dur und Moll beherrscht ..." Der Abend endet wie erwartet: zudringlich.

In der Presse äußern sich jetzt täglich Prominente, die auch von der Journalistin gestalkt worden sein wollen. Der Sänger Jürgen Drews gibt an, im Jahr 2009 von ihr verfolgt worden zu sein, er erstattete Anzeige. Die Frau habe ihm Fotos ihrer nackten Brüste geschickt und mit Mord gedroht.

2006 war sie bei einem Konzert von Udo Jürgens verhaftet worden. Zuvor soll sie den Sänger mit Anrufen belästigt, auch ihm mit Mord gedroht haben. Er habe mehrmals seine Nummern geändert, bis zu 50 Anrufe in der Stunde seien es gewesen. Auch der Komiker Beat Schlatter und der Bobfahrer Hausi Leutenegger gaben an, die Reporterin sei hinter ihnen her gewesen. Leutenegger sei sie erst losgeworden, als er mit der Polizei gedroht habe.

ZEIT: Herr Dall, wussten Sie von dieser Vorgeschichte?

Dall: Nein. Nur von Udo Jürgens wusste ich, der ist ihre Lebensmacke, vor 20 Jahren hatten die mal was. Das hat sie mir selbst am Telefon erzählt. Mensch, Udo Jürgens ist 80, ich bin 72, da hab ich ja noch Chancen, sagte ich daraufhin flapsig. Das war so einer meiner Sprüche. Aber der muss bei ihr was ausgelöst haben.

ZEIT: Ziemlich unvorsichtig.

Dall: Hätte ich all diese Sachen bloß vorher erfahren! Erst jetzt hat Udo Jürgens angerufen, erst jetzt werden mir manche Dinge klar. Ich habe in den 1970er Jahren zwei gute Freunde durch Selbstmord verloren. Beide haben kurz zuvor mit mir geredet. Ich bin deshalb hoch sensibilisiert. Nur deshalb hab ich dieser Frau doch zugehört. Die hat gesagt: Ich springe aus dem Fenster. Wir waren im siebten Stock!

ZEIT: Warum riefen Sie nicht die Polizei?

Dall: Im Nachhinein kommen einem die Dinge anders vor. Ich merke jetzt, dass sie das alles geplant hatte. Sie hat hinterher auch versucht, mich zu erpressen.

ZEIT: Wie ging es nach dieser Nacht weiter?

Dall: Da ging der Terror los, via E-Mail und Handy. Dann kam eine verfremdete Nachricht von einem Schweizer Handy auf meine Mobilbox, so eine Micky-Maus-Stimme sagte was von Vergewaltigung und Erpressung. Ich konnte es mir aber nur zweimal anhören, dann war die Nachricht weg.

Barbara Dall: Sie ist unsere Tochter angegangen. Janina war fix und fertig. "Dein Vater ist ein Vergewaltiger!", sagte sie ihr bei einem Telefonat.

Dall: Es wurde immer schlimmer. Unsere Tochter sagte: Wehr dich! Ich hatte die Frau inzwischen verbal heftig attackiert. Aber ich wollte sie nicht anzeigen. Einerseits hatte ich ein gewisses Mitleid mit ihr. Andererseits wollte ich auch nicht auf den Titelseiten landen – was ja jetzt passiert ist. Meine Prominenz war ihr Schutz.

Viele Vorwürfe, viele Behauptungen

ZEIT: Sie haben nichts unternommen?

Dall: Doch, ich habe ihren Chefredakteur angerufen. Ich habe ihm gesagt, seine Mitarbeiterin solle aufhören, meine Tochter zu belästigen. Das hat ihr wohl Ärger eingebracht, denn er wollte sie nicht mehr beschäftigen. Das war Ende Oktober. Das hat ihr den Teppich unter den Füßen weggezogen, war vielleicht der Auslöser für die Anzeige.

Viele Vorwürfe, viele Behauptungen. Dall redet, die Klägerin schweigt. Über ihren Anwalt lässt sie ausrichten, sie widerspreche "sämtlichen von Herrn Dall in der Sache bisher gegenüber der Presse gemachten Darstellungen und Verlautbarungen". Was tatsächlich in dieser Nacht passiert ist, bleibt vorerst unklar. Allerdings scheint die Journalistin eine Stalkerin zu sein. Stalker haben oft kein gesundes Selbstvertrauen, keine festen Bindungen, sie hungern nach Aufmerksamkeit. Der Berliner Psychologe und Stalker-Experte Wolf Ortiz-Müller sagt: "Prominenten-Stalker leiden oft an einer narzisstischen Störung. Ein Idol wird angehimmelt, und wenn es Aufmerksamkeit gewährt, etwa durch Mails, wird eine Bedeutungssteigerung empfunden. Die Aufmerksamkeit wird in Gedanken übersteigert, und die Beschäftigung mit dem Promi bekommt etwas Obsessives. Wird der Stalker dann zurückgewiesen, fühlt er sich gekränkt, schwankt zwischen Hoffnung und Wut."

Stalker können ihr Handeln oft nicht mehr steuern – müssen ständig anrufen, simsen, mailen. Ein Prominenter kann kaum etwas tun, außer enge Kontakte zu Fans und Journalisten zu meiden. Eine drastische Gegenwehr kann helfen, das Stalking aber manchmal noch befeuern. Dann antwortet der Stalker mit einem Rachefeldzug.

Falschbeschuldigung ist eine wirksame Rache, insbesondere bei Prominenten. Sie ist risikolos, nur selten wird ein falsches Opfer strafrechtlich verfolgt. Studien zufolge ist rund ein Drittel der Anzeigen wegen Vergewaltigung oder sexueller Nötigung "zweifelhaft". Der Rechtsanwalt Rüdiger Deckers, der jedes Jahr eine Fachtagung zum Thema "Zeugenaussagen im Strafprozess" organisiert, auf der führende Wissenschaftler, Sachverständige und Bundesrichter das Problem der Zeugenzuverlässigkeit beraten, schätzt den Anteil der zu Unrecht Beschuldigten unter jenen Mandanten, die die Tat bestreiten, auf etwa 40 bis 50 Prozent. Nach Ansicht des Hamburger Strafverteidigers Johann Schwenn, der den ARD-Promi Jörg Kachelmann verteidigt und zahllose Falschbeschuldigte aus dem Gefängnis geholt hat, wächst die Bereitschaft, auf Falschaussagen hereinzufallen. "Wenn eine Zeugin weint, dann wird ihr auch geglaubt. Man will es ihr nicht antun, ihre Angaben auf Plausibilität zu untersuchen oder gar zu überprüfen. Defizite der Aussage werden mit der Traumatisierung der Zeugin durch die Tat erklärt – ein klassischer Zirkelschluss, der immer wieder vorkommt und zu Fehlurteilen führt."

Es ist der 3. November 2013, als Karl Dall abgeführt wird. Er hatte in der Tonhalle St. Gallen sein Solostück Der Opa gegeben und sich danach noch mit Paola, der Witwe von Kurt Felix, getroffen. Um 23.15 Uhr griffen die Polizisten zu.

ZEIT: Herr Dall, was ist an diesem Tag passiert?

Dall: Ich dachte, wo ist die Kamera? Ich hatte ja mit Paola noch ein paar Gläschen getrunken. Ich war völlig ahnungslos. Schließlich musste ich mit zwei Polizisten mein Hotelzimmer ausräumen, da hab ich das alles noch gar nicht richtig begriffen. Erst als die Handschellen klickten, wurde mir blümerant.

ZEIT: Sie wurden in Handschellen abgeführt?

Dall: Ja. Auf dem Revier dann das volle Programm: nackt ausziehen, auf Drogen durchsuchen. Ich kam in die Arrestzelle, nichts drin außer Klo ohne Deckel. Ich musste mit Klamotten auf einer Pritsche schlafen, unter so einer Jugendherbergswolldecke. Nach zwei Tagen durfte ich das erste Mal duschen.

ZEIT: Was ging Ihnen durch den Kopf?

Dall: In zwei Monaten werde ich 73, dachte ich. Vielleicht kommt es zum Prozess, vielleicht nicht. Aber es bleibt was kleben. Andreas Türck von ProSieben: Freispruch, Karriere kaputt. Kachelmann: trotz Freispruch erledigt. Ich möchte so nicht abtreten.

ZEIT: Da war das alles noch nicht öffentlich.

Dall: Ja, aber ich wusste, das passiert irgendwann. Als ich wieder zu Hause war, habe ich 300 Briefe aufgesetzt, an Freunde und Bekannte. Und als ich dann vergangene Woche merkte, jetzt legt das Schiff ab, hab ich die alle losgeschickt.

"Pling" macht das iPad auf dem Wohnzimmertisch. Alle paar Minuten empfängt Dall eine E-Mail. Er überfliegt sie: Solidaritätsbekundungen von Fans. Sein Anwalt. Dauernd klingelt sein Telefon. Kachelmann will Dall sein Buch schicken. Gestern rief Jan Fedder an: "Karl, ich steh zu dir!" Dall will jetzt in die Offensive gehen, das hat ihm auch sein Anwalt geraten. Die ZDF-Talkshow von Markus Lanz soll es sein. Er sagt: "Ich will mich nicht mehr verkriechen. Ich mach auf der Bühne auch weiter Witze unter der Gürtellinie. Vielleicht den: Vergewaltigt wird erst nach 23 Uhr."

Dall bekämpft seine Panik mit Trotz. Seine Frau Barbara, eine ehemalige Krankenschwester, sagt leise: "Dass uns das in der Rente noch passieren muss." Obwohl sie an seine Unschuld glaubt, wird auch sie sich fragen, wie es so weit kommen konnte: Warum geht ein Veteran der Unterhaltungsindustrie mit einer Fremden allein aufs Hotelzimmer? Warum reagiert er auf schlüpfrige E-Mails? Wer mit dem Ehepaar Dall redet, kann Antworten vermuten: weil auch ein Prominenter sich geschmeichelt fühlt durch die Avancen einer jungen Frau. Weil ein 72-Jähriger die Bedeutung eines E-Mail-Wechsels falsch einschätzt. Weil Dall ein Mensch ist, der die Grenzsituation sucht – und dabei glaubt, mit seinem Mundwerk jederzeit alles im Griff zu haben. Gibt es in einem Vergewaltigungsfall keine Beweise, hängt es vor allem von der Glaubhaftigkeit der Aussage der Klägerin ab, ob es zum Prozess kommt. Vielleicht ist das Dalls Glück.

Mitarbeit: Peer Teuwsen