Meterdicke Rohrleitungen führen über die mit Schirmakazien bewachsenen Hänge ins Tal. Auf halber Höhe machen sie einen auffälligen Schlenker nach oben und wölben sich wie überdimensionale Torbögen über den Erdboden. "Dort haben die Giraffen ihren Wildwechsel", erklärt Henry Wesula. "Wenn sie nach der Mittagshitze zum Äsen kommen, sollen sie nicht von unserer Technik behindert werden." Der bedächtige Ingenieur mit der randlosen Brille leitet eines der größten Kraftwerke in Kenia. Es liegt mitten in einem Nationalpark – und es nimmt nicht nur Rücksicht auf Giraffen, sondern dient auch dem Klimaschutz.

Olkaria heißt die Region, in der Afrikas ältestes und bis heute größtes Geothermiekraftwerk steht. Der Dampf, der seine Turbinen antreibt, kommt direkt aus der Tiefe der Erde. Dicke weiße Wolken steigen aus Erdspalten empor, es stinkt nach faulen Eiern. Hells Gate – Tor zur Hölle – wird dieser Teil des Ostafrikanischen Grabens genannt. Diese länderübergreifende Bruchzone gehört neben dem Pazifischen Feuerring und einigen vulkanischen Inseln zu den Regionen, an denen die Gluthitze des Erdinneren fast bis an die Oberfläche dringt. Das macht die Nutzung der Erdwärme vergleichsweise einfach und den damit erzeugten Strom unschlagbar günstig. Während Geothermie in Deutschland von allen erneuerbaren Energien die höchsten Kosten hat, erzeugen die Generatoren in Olkaria Strom für weniger als zwei Cent pro Kilowattstunde – so billig produziert kein anderes Kraftwerk im Land.

Noch liegt Kenia in der Weltrangliste der geothermischen Stromerzeuger nur auf Platz zehn – nach den USA, den Philippinen, Indonesien, Mexiko, Italien, Neuseeland, Island, Japan und El Salvador. Doch in den nächsten 15 Jahren will sich der ostafrikanische Staat an die Spitze setzen. Das Potenzial dafür ist vorhanden, nicht nur in Olkaria.

13 weitere Standorte für die Geothermienutzung hat die Regierung entlang des Ostafrikanischen Grabens erkunden lassen, Kraftwerke mit einer Kapazität von mindestens 10 Gigawatt können dort gebaut werden. Schon in fünf Jahren sollen sie die Hälfte des kenianischen Strombedarfs decken, und der wächst rasant. Der mehrheitlich staatliche Energieversorger Kengen rechnet für die kommenden 15 Jahre mit einer Verzehnfachung der Energienachfrage: Bisher erreicht das Stromnetz nur ein knappes Viertel aller Haushalte, doch nun soll das Netz massiv ausgebaut werden. Das Land hungert nach Strom.

Energieträger wie Erdgas, Öl und Kohle müssen teuer importiert werden, dasselbe gilt für Windräder und Solaranlagen. Auch für neue Wasserkraftwerke gibt es in dem häufig von Dürren betroffenen Staat am Rand der Sahelzone kaum noch erschließbare Standorte. Bleiben die Geothermiekraftwerke. Sie haben viele Vorteile: Einmal installiert, liefern sie über Jahrzehnte hinweg preisgünstigen Strom, benötigen kaum Treibstoff und Personal und stehen rund um die Uhr zur Verfügung. In Olkaria erreichen die Generatoren im Jahresdurchschnitt weit über 90 Prozent ihrer Nennleistung.

"Wir sprechen völlig zu Recht von erneuerbarer Energie", sagt Henry Wesula. Denn der Dampf, der mit hohem Druck aus den Bohrlöchern schießt, geht nicht verloren. Nachdem er die Turbinen angetrieben hat, wird er in einem großen Kühlturm kondensiert und – bis auf kleine Verluste – zurück in den Untergrund gepresst. Dort heizt sich das Wasser wieder auf 151 Grad auf, der Kreislauf beginnt von vorn. "Und um die Hitzequelle im Erdmantel müssen wir uns erst mal keine Sorgen machen", ergänzt der Ingenieur, "die hält mindestens noch ein paar Millionen Jahre."