Dieses war von Anfang an ein Propagandainstitut; das blieb es auch in den Jahrzehnten nach Leopolds Tod 1909. Ein Jahr zuvor war aus dem königlichen Freistaat Kongo eine belgische Kolonie geworden. Im historischen Teil der Ausstellung werden Uniformen der Force Publique gezeigt, einer Söldnertruppe, die erstmals im Namen Leopolds auftrat. Auf einer vergilbten Informationstafel – sie stammt von 1957 – erfährt der Besucher, dass die Force Publique "eine zentrale Rolle bei der Befriedung des Landes und der Verteidigung des kongolesischen Territoriums" gespielt hätte. In Wahrheit zeichneten die europäischen Offiziere und ihre afrikanischen Soldaten für den Tod ungezählter Kongolesen verantwortlich.

In jeder Familie gibt es mindestens einen Großvater, Vater oder Onkel, der als Arzt, Lehrer oder Missionar dort gearbeitet hat.
Guido Gryseels, Direktor des Königlichen Museums für Zentralafrika

Leopold hatte in Berlin zwar versprochen, den afro-arabischen Sklavenhandel im Kongo zu bekämpfen. "Doch statt dessen führte er ein noch schrecklicheres System ein", bilanziert der belgische Historiker David Van Reybrouck in seinem vor drei Jahren erschienenen Buch Kongo. Eine Geschichte. Genau lässt sich die Zahl der Menschen, die Leopolds Schreckensherrschaft zum Opfer fielen, nicht beziffern. Der sorgfältige Van Reybrouck schreibt von einer "Hekatombe, ein(em) Blutbad von unglaublichem Ausmaß". In der Ausstellung in Tervuren findet sich eine andere Erinnerung. Auf einer Gedenktafel sind die Namen von rund 1.200 Belgiern aufgelistet, die zwischen 1876 und 1908 im Kongo gestorben sind, von A. G. Abeel bis P. J. Zutter.

Keine Aufarbeitung der Kolonialzeit

In Belgien gab es lange Zeit kaum eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und der eigenen Geschichte. Noch heute wird in den Schulen mit Büchern unterrichtet, in denen Leopold als erfolgreicher Kämpfer gegen die Sklaverei gefeiert wird. Jeder Hinweis auf die Opfer seines Kolonialregimes fehlt. "Der Kongo ist für die Belgier bis heute ein sehr emotionaler Gegenstand", versucht Museumsdirektor Gryseels eine Erklärung. "In jeder Familie gibt es mindestens einen Großvater, Vater oder Onkel, der als Arzt, Lehrer oder Missionar dort gearbeitet hat."

Die Entwicklung, welche der Kongo nahm, nachdem er unabhängig geworden war, machte es vielen Belgiern zudem leicht, die Vergangenheit zu verklären. Das Land, das sie 1960 verlassen hatten, zählte in Afrika zu den wohlhabenden. Doch die über dreißigjährige Herrschaft seines Diktators, des Generals Mobutu, die bis zu dessen Tod 1997 währte, hat es wirtschaftlich und moralisch ruiniert.

So dauerte es in Belgien bis Ende der 1990er Jahre, bis eine öffentliche Debatte in Gang kam. Befeuert hatte sie der amerikanische Autor Adam Hochschild 1998 mit seinem Buch Schatten über dem Kongo, das von Leopolds Grausamkeiten berichtet. Dass Hochschild die Verbrechen in die Nähe des Holocaust rückte, hat die Auseinandersetzung zwar erschwert. Dennoch ging seine Kritik auch an Tervuren nicht spurlos vorüber. 2005 organisierten Gryseels und seine Mitarbeiter erstmals eine Ausstellung über die Kolonialzeit.

Ein Blick aus dem Park auf das königliche Kolonialmuseum.

Vieles, was bis dahin beschwiegen worden war, wurde nun thematisiert: die Ausbeutung des Landes; die systematischen Misshandlungen (etwa mit der Chicotte, einer Peitsche aus Nilpferdhaut); die fragwürdige Rolle des Museums selbst. Auch der damalige Kronprinz Philipp, seit Juli König, kam und setzte sich öffentlich mit dem Erbe seines Vorfahren auseinander. Die Ausstellung sei ein "Wendepunkt für die belgische Gesellschaft" gewesen, sagt Gryseels nicht ohne Stolz. Sie war zudem ein erster, vorsichtiger Schritt auf dem Weg zur Erneuerung des Museums.

Das Museum kann seiner Geschichte nicht entfliehen

Andere sind gefolgt. Zuletzt waren siebzig Künstler und Kunststudenten mehrere Wochen lang eingeladen, sich mit dem Ort auseinanderzusetzen. Das Ergebnis sind 24 kurze Videofilme, die in der Ausstellung gezeigt wurden und auf der Internetseite des Museums angesehen werden können. In einem der Clips läuft ein junger farbiger Mann mit einer Holzmaske in den Händen durch die Kellerräume des Museums, vorbei an einer schier endlosen Galerie von präparierten, düster auf ihn herabblickenden Tierköpfen, bevor er, nun mit der Maske auf dem Kopf, atemlos ins Freie, in den Barockgarten entkommt. Die Geister werden zwar beschworen, aber nicht gebannt. Der Ausweg, den der junge Mann im Film wählt, steht dem Museumsdirektor und seinen Mitstreitern nicht offen.

Wie vertreibt man die Geister, ohne die Geschichte zu verleugnen? Wie sehen die Pläne für die Erneuerung des Museums aus? Gryseels legt Wert auf den Hinweis, dass der Museumsbetrieb nur ein Viertel der gesamten Aktivitäten seines Hauses ausmacht. Außerdem, Gryseels würde vielleicht sagen: vor allem, ist das Königliche Museum für Zentralafrika ein Forschungsinstitut. 85 Wissenschaftler erkunden in Tervuren die Biologie, Geologie und Ethnografie Zentralafrikas. Immer mehr rückt dabei die Gegenwart in den Mittelpunkt. Eine Perspektive, die auch das Museum prägen soll, wenn es in einigen Jahren neu eröffnet wird.

"Wir waren ein Museum des kolonialen Afrikas", sagt Gryseels, "wir wollen ein Museum des zeitgenössischen Afrikas werden." Auch der Blick auf die Sammlungen soll von der Gegenwart bestimmt werden. Erst einmal aber muss das gesamte Bau-Ensemble selbst renoviert und restauriert werden. Die Geschichte des Hauses soll dann – gleich zu Beginn jedes Rundgangs – in einer unterirdischen Passage dokumentiert werden, die das alte Gebäude mit einem neuen Eingangspavillon verbindet.

Entkommen kann man der Geschichte an diesem Ort ohnehin nicht. "Schauen Sie", sagt Gryseels, steht auf und zeigt aus dem Fenster auf die Fassade des neoklassischen Gebäudes. In regelmäßigem Abstand sind dort jeweils zwei L in den hellen Stein gemeißelt. Sie stehen für Leopold II. Es gibt Spuren, die lassen sich nicht einfach tilgen.