Der Förster traut seinen Augen nicht und zieht die Kamera – ein Bär! –, es ist Samstag vor Ostern 2012, 15.41 Uhr, hell, kalt, der 7. April. Arglos geht das Tier durchs Engadin, fast 2000 Meter über dem Meer, gelbes Plastik im rechten Ohr.

M bedeutet männlich, male, mascolino, 13 ist eine Laufnummer, M13 kommt aus Italien, Region Trentino-Südtirol, wo es einige Dutzend Bären gibt. Auch Peter Hilber stammt von dort, 176 Zentimeter groß, verheiratet, Vater eines Sohnes.

Seit er vor einer Woche, durch nichts zu erklären, nachts in eine Leitplanke fuhr, hat Herr Hilber, Feinkosthändler am deutschen Rand des Bodensees, 96 Kilo schwer, einen Toyota Verso gemietet, Kennzeichen EU-CM 1953.

Am Ostermorgen lärmt Die Südostschweiz auf Seite drei: Bär in der Nähe von Scuol gesichtet! Bisher, tröstet das Blatt, verhalte das Tier sich unauffällig, 8. April 2012.

Hilbers Frau, auch sie aus Südtirol, heißt Tanja B., sie ist Operationsschwester in Friedrichshafen, alle paar Wochen zieht die Familie um, man lebt in Ferienwohnungen, Ailingen, Kluftern, jetzt in Langenargen, Gräbenen 28.

In der Nacht zum Ostermontag leckt M13 einen Bienenstock aus, in der Nacht zum Dienstag schon wieder, Ursus arctos arctos aus der Familie der Ursidae.

Am 10. April gegen 8.30 Uhr fährt Hilber im Mietwagen von Eriskirch nach Langenargen, Bodenseekreis, jemand, der ihm folgt, ruft die Polizei, da sei einer betrunken unterwegs, der wechsle ständig die Spur, dann kracht Hilbers Toyota in einen Zaun, Rosenstraße 1, Peter Hilber, unverletzt, kann kaum gehen, kaum reden, nach Bregenz, lallt er, habe er gewollt. Da sei er aber, sagt der Polizist, in die falsche Richtung gefahren, Herr Hilber, zwei Unfälle in elf Tagen, was ist los?

Klinikum Friedrichshafen, Blutabnahme.

Und Die Südostschweiz schreit auf: Engadiner Bär verfolgt deutsche Familie! Was eine gemütliche Wanderung im Val S-charl hätte werden sollen, hat sich am Ostersamstag für die Familie H. aus Tübingen zur Flucht entwickelt. Bis auf fünfzig Meter habe sich das Tier genähert.

0,0 Promille Alkohol.

Dann untersuche man, bittet der Staatsanwalt aus Ravensburg, Hilbers Blut ein weiteres Mal: auf Arznei-, Betäubungsmittel, Sonstiges.

In der Nacht auf Mittwoch, 11. April, bricht M13 ins Gehege eines Reitstalls ein und holt sich eine Ziege, RTL schickt Reporter ins Hochtal, die Süddeutsche Zeitung erinnert an JJ1, auch Bruno genannt, der im Juni 2006 Bayern heimsuchte. Und der Jagdinspektor des Kantons Graubünden beruhigt, M13 sei halt jung und neugierig, zwei Jahre alt, unerfahren und verspielt, aber wohl nicht ganz so scheu, wie man ihn gern hätte, trotzdem kein Problembär und schon gar kein Risikobär. Die Volkszeitung Blick streut die Vorschläge des Bundesamts für Umwelt, es sei weder ratsam, auf den Bären zuzulaufen noch sich ihm, wenn er am Fressen sei, zu nähern, am besten mache man ein Geräusch und erkläre dem Tier so die eigene Existenz, man rede zum Beispiel oder singe leise, und greife der Bär dennoch an, lege man sich auf den Boden, die Hände im Nacken schützend verschränkt, und warte ab, Gegenwehr zwecklos.

Tanja B., 37, Ehefrau von Herrn Hilber, wildes, rot gefärbtes Haar, hat zwei Handys. Eines, 0151/18 69 03 81, benützt sie nur, um mit Christoph M. zu verkehren, 0151/18 69 14 01, der auch zwei Handys hat. Meistens tauschen sie Nachrichten via Skype, kostenlos, Tanja ist Orchidee1011, Christoph heißt Isabell7363: Für meine Sklavin!, Für meine Herrin!

Am Ostersamstag, 13.31 Uhr, eine Woche nach Hilbers erstem Unfall, dem Tag, als M13 in die Schweiz kam, schreibt Isabell7363 seiner Orchidee1011: Man könnte fast meinen, er sei immun gegen das Zeug.

Wieder stiehlt M13 im Reitstall von San Jon eine Ziege, es ist heller Abend, Menschen schreien und fuchteln, M13 trottet davon, sein Opfer im Maul, Jagdinspektor und Wildhüter lauern und warten, schießen dem Tier, als es wiederkommt, aus vierzig Meter Distanz ein Betäubungsmittel ins Blut, Medetomidin und Zoletil, es ist Donnerstag, 12. April 2012, +46° 47' 10.18", +10° 18' 31.30", sie fotografieren und vermessen, zurren dem Bären ein Halsband der Vectronic Aerospace GmbH Berlin um den Hals, zähes Polyurethan, daran zwei Geräte, einen VHF-Peilsender, Very High Frequency, Frequenzband 148 Megahertz, und einen GPS-Empfänger, Global Positioning System, der zu jeder vollen Stunde die Signale möglichst vieler Satelliten feststellt und so den Standort von M13 berechnet, dessen Koordinaten speichert und schließlich, alle sieben Stunden, sieben Angaben per SMS nach Berlin schickt, Carl-Scheele-Straße 12, wo die Botschaft, umgeschrieben in eine E-Mail, Sekunden später in die Schweiz abgeht, Bundesamt für Umwelt, Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Graubünden, KORA, Koordinierte Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management der Raubtiere in der Schweiz.

SMS von Isabell7363 an Orchidee1011: Ich habe schon einen richtig großen, reißfesten Sack besorgt!

Tanja B. an Christoph M.: Ich hoffe von Herzen, dass mein Plan aufgeht.

Ende März fuhr Hilber seinen Audi 6 in eine Leitplanke, zehn Tage später den Toyota in einen Zaun, nun mietet er wieder einen Wagen. Die Feinkost, die er vertreibt, holt er in Südtirol, Brot, Wein, Trockenfleisch, und bietet sie im Internet an, auf Messen in Deutschlands Süden, Hilber steht am Stand, redet gern und lacht. Manchmal erzählt er laut, nun gründe er eine GmbH, das nötige Kleingeld, läppische 25.000 Euro, sei kein Problem.

Orchidee1011: Dieser Wichser, dieser Vollpfosten!

13. April 2012, Freitag, seit sechs Tagen ist M13 in der Schweiz, Reporter lungern im Engadin und bieten Geld für Hinweise, M13 kratzt Bienenstöcke aus, Mülltonnen, einmal jagt er Reiterinnen in die Flucht, dann Schafe. Wildhüter schießen Gummischrot, so lange, bis der Bär im Wald verschwindet.

Familie H. aus Tübingen stellt klar, sie habe sich von M13 nie bedroht gefühlt, bei dem, was in den Zeitungen zu lesen gewesen sei, handle es sich um gezielte Überzeichnung, eine reißerische Dramatisierung.

Und das Bundesamt für Umwelt, Sektion Jagd, Fischerei, Waldbiodiversität, lädt die Worte seines Vorstehers ins Netz, bafu.admin.ch, M13 werde nun eng überwacht, Bienenzüchtern rate man zu Elektrozäunen, Schafzüchtern zu Herdenschutzhunden. Vier Tage später die Erlösung in Blick: M13 ist jetzt in Österreich.

Die Wildhüter rennen und schießen

Christoph M., Isabell7363, 43 Jahre alt, wohnhaft in Wilhelmsdorf, Landkreis Ravensburg, ist Schreinermeister. Erst neulich an der Bandscheibe operiert, sitzt er im Büro einer Schreinerei in Berg-Ettishofen, rechnet Offerten, bestellt Holz, Leim, Schrauben. Jetzt zimmert er eine Kiste aus Mehrschichtplatten, 100 mal 70 mal 53 Zentimeter, kleidet sie mit Malervlies aus, wasserdicht, und als Kollegen, erstaunt, dass M. nicht im Büro hockt, ihn fragen, was das werde, sagt er, ein Scherz werde das, eine Kiste für eine Hochzeit. Gegen Abend rollt er das Möbel zu seinem schwarzen Škoda Octavia, Kennzeichen RV-MB 369, lädt es in den Kofferraum, passgenau.

In der Nacht, zurück in der Schweiz, macht M13 sich in den Dörfern Ardez und Scuol über Abfall her, die Wildhüter rennen und schießen, zuerst Gummischrot, dann amerikanische Bärenmunition, Schwarzpulverpatronen mit Aufschlagzünder, am nächsten Morgen, 19. April, reibt M13 sein junges Fell an der Leitplanke zwischen Martina und Vinadi.

Und Herr Hilber aus Langenargen wählt die Nummer einer Dirne, schickt ihr einige SMS, verspricht der Frau, die er nicht kennt, seinen Besuch, Wangen im Allgäu, Freitag, 20. April 2012, so gegen 19 Uhr, vielleicht ein bisschen später, Tschüssi.

Hilber erscheint nicht.

Christoph M., der Schreiner, steht kurz vor 21 Uhr an der Tankstelle der Firma Aral in Kressbronn, Blaue Lagune genannt, Lindenhof 8, und leitet 33 Liter Diesel in seinen schwarzen Škoda Octavia, er füllt den Tank und bezahlt mit einer Kreditkarte, 55 Euro, kauft dann eine Vignette für österreichische Autobahnen, gültig für die Dauer von zehn Tagen, acht Euro in bar.

Zwischen 21.13 Uhr und 22.18 Uhr empfängt sein Handy die Signale von Mobilfunkmasten in Langenargen, Friedrichshafen, Eriskirch, dann wieder Langenargen, wo Hilber wohnt und die schöne Geliebte, Tanja B., Operationsschwester mit gefärbtem Haar, es ist Freitagabend, kein Wind, kein Regen, 7 Grad Celsius.

Am anderen Morgen, kaum hell, Samstag, 21. April 2012, reist Tanja B., ihren sechsjährigen Sohn auf dem Rücksitz, nach Südtirol. In einem Mietwagen, Opel Meriva, MM-HH 607, ihre Mutter wundert sich, dass Tanja, die sich gern schminkt, ungeschminkt kommt und ohne Ehering.

Gegen Mitternacht, auf der Brennerstraße kurz vor Ponte Gardena, fährt ein Auto den Braunbären M14 tot, Bruder von M13.

M13 lebt jetzt in der Nähe von Pfunds, Bezirk Landeck, Tirol, Österreich, verspielt und hungrig.

Um 04.04 Uhr schreibt Christoph M. seiner Tanja, Ehefrau des Peter Hilber, per Skype: Habe alles erledigt und bekommen, habe PH dabei und fahre nach A. Ich liebe dich so sehr.

Stunden später sitzt der Schreiner, obwohl es Sonntag ist, 22. April, im Büro der Schreinerei L. in Berg-Ettishofen vor dem Computer und googelt: handy ortung polizei verbrechen.

Und in Schalkl, einem Weiler, der zur Gemeinde Nauders gehört, stiehlt M13 schon wieder Honig, der Besitzer schreit und fuchtelt, M13 nimmt sich Zeit, verschwindet endlich im Gehölz.

Am Morgen des 23. April 2012, Montag, 7.30 Uhr, ruft Tanja B., aus Italien zurück, die Polizeidirektion Friedrichshafen an, 07541/70 10, seit Freitagabend vermisse sie ihren Mann, Peter Hilber, 40 Jahre alt, wohnhaft in Langenargen, Gräbenen 28. Sie setzt sich in den Opel und fährt zur Wache, Ehlersstraße 15, ihr Mann, sagt sie, sei 176 Zentimeter groß und vielleicht 90 Kilo schwer, graues Haar, am Freitagabend habe er Besuch von einem gewissen Sandro bekommen, einem Italiener, der, so habe ihr Hilber bedeutet, Kontakt zur Mafia habe, danach seien die beiden verreist, nach Südtirol, seither, sagt Tanja B., habe sie ihren Mann nicht mehr gesehen.

Jetzt fährt sie nach Immenstaad zur Volksbank eG, Meersburger Straße 1, und bittet um Auskunft über die Konten des Peter Hilber. Dazu dürfe er nichts sagen, meint der Mann am Schalter. Schließlich sagt er, das Girokonto, das sie und ihr Mann gemeinsam hätten, sei 17 000 Euro im Minus, nichts als Schulden.

Wir dürfen keine Fehler machen – Orchidee1011 an Isabell7363, 1. Januar 2012, 16.14 Uhr.

Tanja bittet eine Freundin, ihren Sohn eine Nacht lang zu sich zu nehmen, sie brauche Zeit, um die Papiere des Vermissten zu sichten, Wichtiges zu trennen von Nichtigem.

23.18 Uhr, die Handys von Tanja B. und Christoph M. verlassen gleichzeitig das deutsche Mobilfunknetz.

Zwei Minuten später, beim Citytunnel in Bregenz, empfangen sie den Willkommensgruß des österreichischen Anbieters, gleichzeitig.

Tanjas Handy empfängt nun Signale entlang der Autobahn A 14, die nach Tirol führt, Funkmasten Nüziders, Funkmasten Klösterle.

Ab Landeck keine Verbindung mehr.

Am frühen Dienstagmorgen, nach einer Spanne von viereinhalb Stunden in Österreich, sind die Handys von B. und M. wieder in Deutschland, 3.53 Uhr, Lindau-Weissenberg.

5.37 Uhr, Ich liebe dich!

Die Südostschweiz fragt: Wer bezahlt für die bärensicheren Abfallbehälter? Im Val Müstair und auf dem Ofenpass stellte das Bündner Tiefbauamt im April 2009 dreißig Kehrichtbehälter auf, Modell Animalproof, versehen mit einem bärensicheren Schließmechanismus dank Zieh- und Drehöffnung sowie mit einer automatischen Verriegelung beim Schließen des Deckels. Wolle man den Bär von menschlichen Siedlungen fernhalten, müssten wohl oder übel solche Behältnisse her, 1800 Franken das Stück.

Der Mittwoch, zwar kühl und windig, ist ein trockener Tag, 25. April 2012. Um 17.14 Uhr geht bei der Feuerwehr der Gemeinde Spiss, Bezirk Landeck, Tirol, die Meldung ein, an der Spisser Landesstraße, L348, die ins schweizerische Samnaun führt, brenne Gras, Gebüsch, ein Flächenbrand kurz nach dem Annatunnel. Mit zwei Tanklöschfahrzeugen rücken sie aus, neun Mann, zwei Polizisten aus Pfunds eilen herbei, einer regelt den Verkehr, der andere, ein Fernglas vor den Augen, schaut sich die Gegend an, die Berge, die Schlucht. Die Feuerwehr beginnt ihr Werk und findet, quer über eine Stromleitung gestürzt, einen Baum: Kurzschluss, Funken, Brand.

Jemand sagt: Das war bestimmt der Bär!

Und der Polizist, sein Fernglas vor den Augen, entdeckt, 18.13 Uhr, eine Leiche, ein Mensch, kaum sichtbar, liegt 17 Meter unterhalb der Straße im Geröll, wahrscheinlich vom Parkplatz am Ostende des Tunnels in die Schlucht gekippt, das Gstalda Tobel, Neigungswinkel 45 Grad. Strauchwerk machte, dass er nicht weiter in den Abgrund rutschte, die Schlucht ist hier 84,4 Meter tief.

Kurz nach 20 Uhr treffen aus Innsbruck zwei Beamte ein, Bezirksinspektor und Chefinspektor, sie zwängen sich in weiße Kleider aus Kunststoff, steigen, an Seilen gesichert, in die Schlucht und stellen Schweinwerfer auf, sie fotografieren die Leiche, die, nur mit einer Unterhose bekleidet, auf dem Rücken liegt, ein Mann, den Kopf in Richtung Bach, das rechte Knie angewinkelt, keine Maden, keine Fliegen, kein Ehering, einer notiert: Totenflecken nicht lagerichtig. Sie kleben, um Spuren zu sichern, den feuchten Körper mit Bändern ab, jedes mit einer Nummer, M1 bis M78, vom Kopf, der blutig verschmiert ist, bis zu den Füßen, es ist finster und windig im Gstalda Tobel, +46° 57' 22.02", +10° 27' 21.88".

Endlich legen sie die Leiche auf Plastik, hüllen sie ein, laden sie in einen Bergesack, groß und reißfest, befestigen ihn an einem Seil aus Nylon und ziehen den Toten auf der Leiter, die die Feuerwehr hierließ, zur Straße herauf, 96 Kilo, es ist Mitternacht.

Die APA, Austria Presse Agentur, meldet: Mordalarm in Tirol: Bär M13 führte Polizisten zu Leiche!

Obduktion in Innsbruck, 26. April 2012, 9 Uhr, Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität, Müllerstraße 44, Fäulnis am Unterbauch links.

Gebückt, das Gesicht verzerrt, legt sich Christoph M. gleichentags unter die Hände einer Physiotherapeutin, 12.40 Uhr, Georgstraße 24, Ravensburg. Was denn passiert sei, fragt die Frau, dass er nun wieder so Schmerzen habe. Er habe, sagt M., eine Dummheit gemacht: Kisten geschleppt.

Wer hat Peter Hilber noch gesehen?

Es wird Nachmittag, die Mutter von Tanja B., wie sie es fast täglich tut, liest stol.it, Südtirol online, und erfährt von der Leiche aus dem Gstalda Tobel bei Spiss, sie ruft ihre Tochter an, die in Deutschland lebt und seit Freitag ihren Mann vermisst. Tanja hört sich die Rede an, wählt dann die Nummer der Polizeidirektion Friedrichshafen, ob der Tote aus Tirol vielleicht gar ihr Mann sei.

Am späten Abend, Südtirol, fährt ein Polizist zur Schwester von Peter Hilber und bittet sie auf die Wache nach Brixen, dort zeigt er ihr die Bilder einer Leiche, sie erkennt zuerst ihren Bruder nicht.

Tanja B., Witwe, wohnt jetzt bei Christoph M. in Wilhelmsdorf, den Beamten erzählt sie, ihre eigentliche Liebe, seit sie den Mann vor einem Jahr bei FriendScout24 entdeckte, sei der Christoph, Schreinermeister. Heute vor einer Woche, am vergangenen Freitag, sei also dieser Sandro zu Hilber gekommen, Gräbenen 28, Langenargen, ein Mafioso, sie glaube, der habe ihr etwas in den Kaffee getan, auf jeden Fall, sagt Tanja B., sei sie plötzlich eingeschlafen und dann, gegen drei Uhr nachts wieder wach, seien Hilber und Sandro verschwunden gewesen. Ja, sagt sie, sie habe nichts als Schulden, manchmal sogar kein Geld, um den Kindergarten zu bezahlen.

Sie begreife sicher, sagt der Polizist, dass man nun die Wohnung in Langenargen durchsuche, die sie bis Freitag noch mit Hilber teilte.

Ich habe nichts zu verbergen, sagt Witwe B.

Die Schwäbische Zeitung fragt: Wer hat Peter Hilber im Zeitraum zwischen Freitag, 20. April, und Dienstag, 24. April, noch gesehen? War Peter Hilber zu diesem Zeitpunkt in Begleitung? Hat er zu diesem Zeitpunkt ein Auto benutzt, oder war er Mitfahrer in einem Auto? Wie war er zu diesem Zeitpunkt bekleidet? Zeugen, die sachdienliche Hinweise hierzu geben können, werden gebeten, sich mich der Ermittlungsgruppe Tirol, Telefon 07541/701 24 34, in Verbindung zu setzen.

Adressiert an die Staatsanwaltschaft Ravensburg, Seestraße 1, bringt das Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Ulm das Ergebnis seiner Analyse zur Post: Im Blut des Peter Hilber, abgenommen nach seinem Unfall vom 10. April 2012 in Langenargen, sei, wie bereits mitgeteilt, kein Alkohol zu finden gewesen, 0,0 Promille, wohl aber Midazolam, ein Arzneistoff aus der Gruppe der Benzodiazepine, ein verschreibungspflichtiges Betäubungsmittel, Handelsname Dormicum, sedativ, hypnotisch, amnestisch, und zwar in deutlich übertherapeutischer Dosierung, 180 Nanogramm pro Milliliter Blut.

Hilber, den Kopf kahl rasiert, liegt in Innsbruck bei minus dreißig Grad.

Wieder wechselt M13 das Land.

Am Abend des 29. April nascht er in den Engadiner Dörfern Ramosch, Strada, San Niclà vom Kompost, der vor den Häusern liegt, M13 reißt Zäune ein, drückt seine Nase an die Scheiben der Fenster.

Der Ermittlungsgruppe Tirol, Telefon 07541/701 24 34, hilft Tanja B., ein Phantombild des unbekannten Mafioso Sandro zu fertigen: südländisches Aussehen, insgesamt gepflegte Erscheinung, etwa 45 Jahre alt, 1,80 Meter groß, schwarzes Haar, dunkle Kleidung.

Zehn Menschen rufen an, als der Südkurier und die Schwäbische das Bild verbreiten, und meinen, den Mann zu kennen, irgendwie.

30. April 2012, es ist längst finster, 21.40 Uhr, als der Spätzug der Rhätischen Bahn, unterwegs von Scuol nach Klosters, kurz vor dem Bahnhof Ftan auf M13 stößt, +46° 47' 15.53", +10° 15' 28.76", der Bär, vom Schlag vielleicht benommen, wankt in die Nacht, legt sich, nur 300 Meter neben der Unfallstelle, ins Gehölz.

Am nächsten Abend, 1. Mai, lädt das Kompetenznetz Kleinviehschutz Graubünden zur Versammlung nach Scuol, 60 Bauern und Imker sitzen im Saal, einer sagt: Wer mit Natur und Landwirtschaft zu tun hat, ist nicht für den Bären!, ein anderer fragt: Was muss denn noch passieren, bis jemand etwas macht?

Für uns, spricht der Präsident des Bündner Schafzuchtverbandes einer Reporterin in den Block, für uns wäre es am besten, er wäre weg!, Blick , 5. Mai 2012.

Keine Signale mehr von M13.

Ein Beamter in Friedrichshafen, damit beschäftigt, den elektronischen Austausch zu prüfen, den Tanja B. und Christoph M. im Lauf der vergangenen Monate pflegten, Orchidee1011 und Isabell7363, füllt 607 Seiten.

24. Dezember 2011, Heiligabend, 15.10 Uhr – ach Schatz, ich kann dir gar nicht sagen, wie ich den Tag X herbeisehne ... wie ich ihn hasse, Tanja, das kann ich dir gar nicht sagen, mein Liebling, purer blanker Hass ...

1. Januar 2012, 15.45 Uhr, Neujahr – erst wenn er tot ist, haben wir Ruhe.

Eben, sonst haben wir ja auch kein Leben.

Oder ich steche ihn ab.

Das ist so blutig 

Ist mir egal, habe mir auch überlegt, eine Armbrust zu kaufen.

Im Computer, den Schreinermeister M. bei der Arbeit benützt, finden Fahnder den Hinweis, dass Christoph M. am 4. Oktober 2011 kurz vor 21 Uhr das Stichwort Ampulle eingab, dass er, 30. Oktober 2011, die Website von diagnosia.com aufrief, am 24. November 2011 jene von vitalsana-apotheke.de

google.com: perfekt mord

Es ist der 9. Mai 2012, ein Mittwoch, M13 ist am Ofenpass, wechselt nach Valdidentro, Italien, Provinz Sondrio.

Peter Hilber sei, schreibt das Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck, mit einem kantigen Gegenstand 14 Mal auf den Kopf geschlagen worden, was zu länglichen Quetschrissverletzungen geführt habe und zu einer Schwellung des Oberlides links, zu einer Gehirnschwellung und zum Bruch des Schädelknochens in der rechten Scheitelgegend, am Hals habe man doppelte Strangulationsmerkmale festgestellt, als ob die Täterschaft eine Schlinge benützt hätte, an einer Hand seien Abwehrspuren zu entdecken gewesen, wie wenn Hilber die ersten Schläge noch pariert hätte, in seiner Lunge habe man Erbrochenes gefunden, im Blut Midazolam, allerdings in untertherapeutischer Konzentration, also weniger als zehn Nanogramm pro Milliliter, insgesamt seien die Schläge auf den Kopf nicht tödlich gewesen, sondern erst der Drosselungsvorgang, das Strangulationswerkzeug sei mindestens zwölf Stunden lang um Hilbers Hals befestigt gewesen, mindestens einen Tag lang habe das Opfer, seitlich gelagert, im eigenen Blut gelegen, und sein Ehering sei ihm, noch zu Lebzeiten, mit solcher Kraft übers Ringfingermittelgelenk rechts gezogen worden, dass die entsprechenden Bänder zerrten.

Tanja B. ist in der zehnten Woche schwanger, als die Polizei sie holt, 16. Mai 2012, Mittwoch, es ist 9 Uhr, ihr Sohn im Kindergarten. Man bringt sie zur Polizeidirektion Friedrichshafen, Ehlersstraße 15, drei Stunden lang gibt sie nicht zu, zwei Handys zu besitzen, endlich sagt sie, ihr Beziehungshandy, von dem nur Christoph wisse, 0151/18 69 03 81, habe sie längst entsorgt.

Wo?

In der Altstadt!

Wo in der Altstadt?

In einen Mülleimer habe ich es geschmissen!

In welchen?

In einen gelben oder orangen!

Es gibt in der Altstadt weder gelbe Mülleimer noch orange!

Die Polizei entscheidet auf dringenden Tatverdacht

Der Polizist liest laut den Satz, den Christoph M. ihr vor gut drei Wochen schrieb, am frühen Morgen des 22. April: Habe alles erledigt und bekommen, habe PH dabei und fahre nach A. Ich liebe dich so sehr 

PH gleich Peter Hilber, nicht wahr?, fragt der Beamte.

PH bedeute Penny-Handy, sagt Tanja B., denn diese Beziehungshandys, am Anfang ihrer Liebe, hätten Christoph und sie gemeinsam im Penny-Markt gekauft, in Wilhelmsdorf, Welfenstraße.

Wir haben auch Christoph M. befragt, sagt der Polizist.

Der lügt, sagt sie.

Sie legt die Hände vors Gesicht: Ich habe nichts verbrochen. Ich habe den Hilber nicht erstochen. Ich habe dem nichts gemacht.

Herr M., am Abend des 20. April tankten Sie in Kressbronn an der Blauen Lagune Ihren Škoda voll. Das haben wir auf Video. Welche Strecken sind Sie in den folgenden drei Tagen gefahren?

Hierhin, dorthin, in der Gegend rum.

Wie viele Kilometer insgesamt?

Vielleicht 80, vielleicht ein bisschen mehr, sagt Christoph M.

Am 23., nur drei Tage später, sagt der Polizist, tankten Sie in Horgenzell schon wieder, 44 Liter. Wir haben ein Foto davon. Sie verbrauchten in diesen Tagen also mindestens 44 Liter. Damit kommt ein Škoda wie Ihrer fast 600 Kilometer weit.

Ich war es nicht!

Was waren Sie nicht?

Ich habe ihn nicht umgebracht! – Wie soll ich ihn denn lupfen?

Auf dem Dachboden seiner Wohnung in Wilhelmsdorf, 16. Mai 2012, finden Polizisten eine Handtasche, darin zwei geköpfte Ampullen mit Resten von Midazolam.

Am nächsten Morgen, Christi Himmelfahrt, stehen Tanja B. und Christoph M. vor dem Haftrichter in Tettnang. Der entscheidet auf dringenden Tatverdacht, Untersuchungshaft, eine Zelle in der Justizvollzugsanstalt Ravensburg für sie, eine in Ulm für ihn, Talfinger Straße 30.

M13 gefällt es in Italien.

B. und M. verweigern die Aussage.

Ein Großratsstellvertreter der Schweizerischen Volkspartei des Kantons Graubünden schimpft in Die Südostschweiz, die Bärenpolitik der Behörde richte sich gegen das Volk, der Obrigkeit gehe es ja nur darum, eine internationale Konvention umzusetzen, und wem dies nicht passe, dem bleibe nur eins: auswandern.

Südkurier, 19. Mai 2012: Existenz von Sandro fraglich.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Juni, auf der Schnellstraße zwischen Meran und Bozen, Südtirol, fährt ein Auto M12 tot, den zweiten Bruder von M13.

Nach den Angaben der Kollegen, die Christoph M. beim Zimmern seiner Kiste zusahen, lässt die Ermittlungsgruppe Tirol das Möbel nachbauen, Mehrschichtplatten, 100 mal 70 mal 53 Zentimeter, ausgelegt mit Malervlies, ein Polizeibeamter, fast zwei Meter groß, legt sich hinein, die Knie an der Brust, findet darin gut Platz.

Ermittler trennen die Möbel auf, die, als Hilber verschwand, in Hilbers Wohnung standen, einen Sessel, ein Zweiersofa, ein Dreiersofa, alle dunkel und blau, sie suchen Spuren von Blut, schicken Stoff und Polster ans Landeskriminalamt in Stuttgart, ans Institut für Rechtsmedizin, Ludwig-Maximilians-Universität München.

Am Morgen des 23. Juni 2012 ist M13 zurück in der Schweiz. Beim Albignastausee, Bergell, liegt er unter der Sonne, größer und schwerer als im Mai, der Blick schickt zwei Reporter ins Hochland. Man belohne, ermuntert das Blatt seine Leser, jedes publizierte Bild von M13 mit mindestens 25 Franken, sehr außergewöhnliche und exklusive Bilder sogar mit bis zu 3000 Franken.

Eine Woche später schießt ihm der Wildhüter Medetomidin und Zoletil ins Blut, Val Müstair, ein Tierarzt krümmt sich über das Tier, prüft seine Augen, seine Zähne, die Pfoten, dann zurren sie ein neues Halsband fest, nicht zu eng, VHF, GPS, SMS.

Am 9. Juli, nun im Puschlav, an der Südseite des Berninapasses, holt M13 sich ein Schaf, am nächsten Tag ein zweites.

18. Juli 2012, Mittwoch, das Landeskriminalamt Baden-Württemberg, Taubenheimstraße 85, Stuttgart, teilt mit, dass die Blutspuren aus Hilbers Wohnung, Gräbenen 28, Langenargen, zumal jene auf Teppich, Sessel und Sofas, immer und eindeutig dem verstorbenen Peter Hilber zuzuordnen seien und zwar mit einer relativen Häufigkeit von eins zu drei Quadrillionen, Hilbers Blut finde sich auch an der Spitze eines Bügeleisens sowie an dessen Bügelfläche, DNA aller Beteiligter, von Hilber, von B. und von M., wenngleich mit geringerer relativer Häufigkeit, sei am Kabel des Bügeleisens festzustellen, Hautabriebe.

19. Juli 2012, Donnerstag, ein Bestattungsunternehmer fährt beim Institut für Gerichtliche Medizin vor, Müllerstraße 44, Innsbruck, mit der Hilfe eines Kollegen legt er Hilbers Leiche in den Sarg, bestreut sie mit Pulver, desinfizierend, geruchsbindend, schraubt den Deckel fest und schiebt das Gefäß in seinen Wagen, sie queren den Brennerpass, die Grenze zu Italien, und erreichen Hilbers Mutter, die eine Pension betreibt, Brennerstraße 113, am Abend. Die Männer stellen den Sarg ins Wohnzimmer, Hilbers Schwestern kommen, die Nichte, Nachbarn, man sitzt neben dem Toten und betet den Rosenkranz, gegrüßt seist du, Maria, es ist dunkel in Vahrn, Südtirol.

Kurz nach 12 Uhr am anderen Tag trifft sich das Dorf am Sarg und betet, um 14.15 Uhr beginnt der Leichenzug hinauf zur Kirche des heiligen Georg, hält vor einem Kreuz, der Pfarrer, ein Augustiner vom nahen Chorherrenstift, segnet den Toten, schließlich erreichen sie die Kirche, und der Priester spricht: Gott allein weiß, warum.

Tanja B. im fünften Monat.

Sie schweigt.

M13 geht durch den Weiler Sfazù, furchtlos, hungrig, es ist Abend, dämmerig, Ende Juli, im Garten des Hotels Zarera schnuppert er an Blumen, eine Frau, die meint, der Bär sei ein Pferd, rennt auf ihn zu, merkt jetzt, wer er ist, sie erschrickt und schreit, M13 trottet weiter, tötet Stunden später sieben Schafe im Val di Campo, Puschlav.

Und die Staatsanwaltschaft Ravensburg meldet, man gehe davon aus, noch im Lauf des Jahres Anklage zu erheben.

Offensichtlich gebe es Kreise, knurrt der Präsident des Vereins Amici degli alpeggi e della montagna, "Freunde der Alpen und der Berge", ein Anwalt aus Brusio, einem Journalisten ins Gerät, offensichtlich gebe es Kreise, die die Alpen entvölkern und nur noch Naturparks dulden wollten. Werde der Bär nicht abgeschossen, ginge eine tausendjährige Geschichte der Bewirtschaftung der Alpen kaputt. Wir kämpfen bis zum bitteren Ende.

M13 wechselt die Talseite.

Zwei Schafe auf der Alp Albertüsc, 6. September.

Es war einmal ein Bär

Eine trächtige Eselin im Val d’Ursé, 20. September.

Der Blick fotografiert drei Puschlaver Bauern, Gewehre vor der Brust: Entweder der Bär oder wir!

Ein Schaf in Sandrena, 28. September.

M13 zertrümmert ein Entenhaus, frisst auch Entenfutter, tötet zwei Schafe in Cologna, 9. Oktober, Dienstag, das Amt für Jagd und Fischerei befiehlt weitere Wildhüter ins Puschlav.

Die Staatsanwaltschaft Ravensburg teilt mit, sie werde jetzt also Ende des Monats bei der Ersten Großen Schwurgerichtskammer des Landgerichts Anklage gegen Tanja B. und Christoph M. erheben, zwar arbeite sie nur mit Indizien, zumal die Verdächtigen schwiegen, aber der Bericht der Ermittlungsgruppe Tirol umfasse 135 Seiten.

Am frühen Morgen des 10. Oktober 2012, am Rand von Poschiavo, Hauptort des Tals, wenige Meter neben dem Schulhaus Santa Maria, räumt M13 zwei Bienenhäuser aus, endlich reist aus Chur, Stadtgartenweg 11, der Vorsteher des kantonalen Bau-, Verkehrs- und Forstdepartments an, 11. Oktober, der Regierungsrat kommt über den Julierpass, dann über die Bernina, vier Stunden lang redet er mit Bauern, Imkern, Müttern, er sagt, noch sei M13 nur ein auffälliger Bär, kein problematischer, aber man sei bereit, dieses Urteil, falls nötig, rasch zu ändern. Ein Schafzüchter bringt sein zerrissenes Tier auf den Dorfplatz, zwei tote Lämmer im Bauch, er sagt, er könne nicht mehr schlafen, höre mittlerweile nachts den Bären, auch wenn der nicht da sei.

Und schließlich müht sich auch das Parlament des Kantons Graubünden, der Große Rat, mit M13 ab, Ursus arctos arctos aus der Ordnung der Carnivora. Der Präsident der Gemeinde Poschiavo, Großrat der Christlichdemokratischen Volkspartei, heißt die Regierung, sich mit Norditalien ins Vernehmen zu setzen und dafür zu sorgen, dass die Bären dort blieben, wo sie herkämen, er wolle hier nur Bären, die wüssten, wie sie sich zu benehmen hätten, mit Anstand, Höflichkeit, Sauberkeit, Distanz.

8. November, auf Anfrage des Südkuriers macht die Staatsanwaltschaft bekannt, man habe über 100 Zeugen befragt und 20 Aktenordner gefüllt, noch stünden ein Fasergutachten aus und eine Blutspurenmusteranalyse.

9. November, am Dorfrand von Poschiavo findet ein Jäger Teile einer Rinderlunge, versetzt mit Rattengift.

12. November, am Monte Rosa bricht M13 in ein Ferienhaus ein, er zertrümmert Kästen, zerfetzt den Staubsauger, gräbt im Garten Kartoffeln aus.

Ihr hätten, schreibt eine Biochemikerin des österreichischen Bundeskriminalamts aus Wien, insgesamt 53 Klebebänder zur Verfügung gestanden, die alle am Abend des 26. April 2012 noch am Fundort an den Leichnam des Herrn Peter Hilber angebracht worden seien. Besonders aufschlussreich seien zwei davon, die Bänder M28 und M42, beide von der linken Fußsohle des Toten. Dort habe sie 14 verschiedene Fasertypen gefunden, identisch mit Fasern jenes Malervlieses aus der Schreinerei in Berg-Ettishofen. Weil ihr in 15 Berufsjahren eine derartige Übereinstimmung noch nie begegnet sei, habe sie sich, um Zweifel auszuräumen, ans deutsche Bundeskriminalamt in Wiesbaden gewandt, mit dem Resultat, dass dieses, seiner Verwunderung Ausdruck gebend, ihr Ergebnis bestätigte.

Der Jagdinspektor des Kantons Graubünden und sein Vorgesetzter, der Vorsteher des Bau-, Verkehrs- und Forstdepartments, warten am Bahnhof von Chur, bitten dann, als er endlich aus dem Zug steigt, den Jagdinspektor der Schweizerischen Eidgenossenschaft in den Bündner Dienstwagen. Zu dritt fahren sie hinauf zum Julier, dann über den Berninapass ins Puschlav, besprechen das Werk von M13, der keine Angst vor Menschen hat, und kommen zum Schluss, den Bären, nun ein Risikobär, bei nächster Gelegenheit, wenn er sich wieder einer Siedlung nähert, zu erschießen. Noch, so kommen sie überein, soll niemand davon erfahren, nicht einmal der Bürgermeister von Poschiavo, den sie heute um 16 Uhr treffen, um mit ihm die Angst im Tal zu bereden.

Auf Facebook rufen Bärenfreunde zum Mitleid auf, die Seite Emme Tredici, in italienischer Sprache, hat 8400 Fans, die Seite M13 – der Engadiner Bär 450, Rettet den Bündner Bär hat 113 Fans, M13 – Ein Bär bewegt die Schweiz 22.

Leserbrief in Die Südostschweiz: Ich schlage vor, M13 von sofort an zu füttern. Supermarkt- oder Restaurantabfälle, aus einem Helikopter abgeworfen, könnten so in intelligenter Weise rezykliert werden, 20. November.

Am 11. Dezember, 8.15, Uhr bringt Tanja B. im Krankenhaus Sankt Elisabeth, Ravensburg, das Kind ihres Geliebten zur Welt, 2460 Gramm, 45 Zentimeter.

Am 12. Dezember stellt das Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München ihre Blutspurenanalyse 12-06-0551 fertig: Das Blutspurenbild deute auf ein dynamisches Tatgeschehen hin, das mit ziemlicher Sicherheit im Bereich der beiden Sofas stattgefunden habe, der erste Schlag auf den Kopf des Opfers sei möglicherweise erfolgt, als dieses sich noch in stehender oder sitzender Position befunden habe, die weiteren Handlungen müssten dann, gemäß Spurenbild, bodennah geschehen sein.

M13 ist im Winterschlaf.

Tanja B. gibt ihr Kind in Pflege, sie verlässt das Krankenhaus, zieht wieder in die Justizvollzugsanstalt, Hinzistobel 34, 14. Dezember 2012.

Der Südkurier berichtet, die Anklageschrift im Tötungsdelikt Hilber, das am 19. Februar 2013 vor der Ersten Großen Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ravensburg erstmals verhandelt werde, sei 28 Seiten lang.

Es ist Samstag, der 16. Februar 2013, trocken, hell, am Ufer des Lago die Poschiavo folgt M13 zwei Touristen aus Brescia, dann, auf dem Weg zu einem Bienenhaus, das er schon einmal heimsuchte, stößt er im Dorf Miralago auf eine junge Frau, sie zittert vor Angst, versteckt sich hinter einer Mauer, rennt schließlich nach Hause und erbricht, ihr Vater bringt sie nach Poschiavo ins Ospedale San Sisto.

Wildhüter schießen, zuerst Gummischrot, dann Brandsätze, dann, in die Erde vor seinen Tatzen, scharfe Munition, M13 weicht, das Fernsehen rast ins Hochtal.

Würde man sich diese Geschichte ausdenken, meldet bild.de, brauchte man viel Fantasie: In Tirol hat ein Bär die Leiche eines Mannes gefunden, der als vermisst galt – und somit die mutmaßlichen Mörder überführt. Morgen, Dienstag, steht die Frau mit ihrem Liebhaber vor Gericht. Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie bitte weiter!

Fünf Männer folgen M13 durch die Nacht, der Jagdinspektor und seine Helfer, Frequenzband 148 Megahertz, 18./19. Februar 2013, Montag auf Dienstag, sie folgen ihm durch die Weiler am Südende des Sees, Garbela, Motta, Selvaplana, 1100 Meter über dem Meer, unwegsam, kein Wind, kein Schnee, minus 8 Grad Celsius, endlich wird es hell, 9 Uhr, kein freier Stuhl im Sitzungssaal 1 des Landgerichts Ravensburg, Neon, Lautsprecher, schwere beige Vorhänge, an der Wand ein Wappen, drei Löwen darin, Tanja B. und Christoph M., Ketten an den Füßen, schauen sich nicht in die Augen, Aktenzeichen 1 Ks 34 Js 7621/12, Tanjas Haar ist lang und rot, beide sagen kein Wort, als der Richter sie fragt, dann holt der Staatsanwalt zur Anklage aus, Mord aus niederen Beweggründen, aus Heimtücke und aus Habgier, jetzt ist es 9.30 Uhr, 19. Februar 2013, Dienstag, die Kugel, 800 Millimeter pro Sekunde, dringt durch das Fell, ein Teilmantelgeschoss mit Bleikern, 7 mal 64 Millimeter, es pilzt sich auf, rast durch Fett und Muskeln ins Herz, Blattschuss aus Dienstwaffe, M13 geht noch einige Schritte, er wankt, dann liegt er im steilen Geröll über dem Lago di Poschiavo, sie befestigen ihn an einem Seil aus Nylon und ziehen den Toten zur Straße hinauf, 141 Kilo, Kaffeepause in Ravensburg.

18. Juni 2013, Dienstagvormittag, der Staatsanwalt beginnt sein Plädoyer: Es war einmal ein Bär, M13, immer hungrig, ständig unterwegs. Wie Herr Hilber. Lebenslang für B. und M.

Lebenslang für M13 im Museo poschiavino, 46° 19' 35.61" nördliche Breite, 10° 3' 23.81" östliche Länge, die Augen aus Glas, seine Seele aus Gips.