So ungemütlich war die Weihnachtszeit im Vatikan noch nie – jedenfalls für einige jener Herren, die dort bislang die Macht hatten und glaubten, die Pracht des Petersdoms diene ihnen bloß als Kulisse. Nun, am ersten Samstag im Advent, predigte der lächelnde Papst "Barmherzigkeit". Und um zu zeigen, dass für Christen allein der Dienst am Nächsten zählt, hatte er sich angezogen wie ein Dorfpfarrer: Anstatt des im Advent üblichen goldbestickten Messgewandes trug Franziskus einen schlichten Chormantel in Violett, der Farbe, die der Kirchenkalender für den Dezember vorsieht. Das Prozessionskreuz war aus Holz.

Holz! Die Glamourfans in der Kurie, diesem gigantischen Verwaltungsapparat des Vatikans, waren entsetzt. Wo soll das hinführen, flüstern manche, wenn wir auf die Insignien der Macht verzichten?

Diese Flüsterer sind von Papst Franziskus schon einiges gewöhnt: den matten Blechschmuck, als gäbe es keinen kostbaren Kirchenschatz. Die speckig-schwarze Aktentasche, als sei der Nachfolger Petri ein einfacher Angestellter. Die alten Schnürschuhe, als sei der Stellvertreter Gottes auch nur ein Mensch. Vor einem Jahr noch – zur Adventsvesper unter dem Vorgänger Benedikt XVI. – funkelte der Petersdom vor Brillanten, und der alte Papst war geschmückt wie ein, nun ja: Weihnachtsbaum.

Seit neun Monaten ist der Argentinier Jorge Mario Bergoglio, 76, das geistliche Oberhaupt der Katholiken. Er ist der erste Papst seit Langem, der die Welt irritiert. Jene kleine innerhalb der Mauern des Vatikans. Und jene große außerhalb.

Er hat ja nicht nur seine alten Schuhe anbehalten. Er hat Interviews gegeben, die auch Laien verstehen. Er ist zu den Bootsflüchtlingen nach Lampedusa gereist, hinein in eine von vielen dringlichen Gegenwarten. Er hat externe Experten eingestellt, um Licht ins Dunkel der Vatikanfinanzen zu bringen. Er hat Fragebögen in alle Welt verschickt, um zu erfahren, was die Katholiken zu Liebe, Sex und Partnerschaft denken. Und er hat Zigtausenden Menschen auf dem Petersplatz ein Medikament verordnet. Als weiße Figur hoch oben im Fenster des Apostolischen Palastes rief er neulich beim Angelusgebet in die Menge: "Jetzt möchte ich euch zu einer Medizin raten!" Dann hielt er eine Arzneischachtel hoch, darauf der Schriftzug: "Misericordia". Kein neuer Markenname, sondern altes Latein für Barmherzigkeit. Unten auf dem Platz verteilten Nonnen 25.000 dieser Schachteln, darin jeweils ein kleiner Rosenkranz. Die Menge lachte und applaudierte. Ein Papst mit Humor. Oder alles nur Marketing?

Dagegen sprechen 256 Seiten, die der Papst geschrieben hat, ein Apostolischer Brief, ein neues Vatikanisches Manifest: Evangelii Gaudium, "Freude des Evangeliums". Nicht die zuständige Glaubenskongregation hat den Wälzer verfasst, sondern der Papst persönlich. Anstatt im August nach Castel Gandolfo zu verschwinden, in seine waldumstandene Residenz hoch über dem Albaner See, blieb der Papst im 35 Grad heißen Rom und schrieb an gegen die Gewissheit, dass eine zweitausend Jahre alte Kirche sich nicht ändern darf.