Es war einmal ein Land, in dem die Schulen gut und die Schüler noch besser waren. Ein Land, das bei der ersten Pisa-Studie ganz weit vorn lag, im Rechnen, im Lesen und im naturwissenschaftlichen Verständnis. Das Land hieß Schweden, und man schrieb das Jahr 2000.

Aus dem von miesen Pisa-Ergebnissen geschockten Deutschland pilgerten Scharen von Bildungspolitikern, Erziehungswissenschaftlern und Journalisten ins gelobte Land der Pädagogik und besuchten Modellschule um Modellschule. Sogar die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn brach 2002 gen Norden auf und kehrte mit Argumenten für die Ganztagsschule zurück. Die Pilger aus Deutschland fanden Schulen, in denen die Klassenverbände aufgelöst worden waren und in denen die Schüler selbst Verantwortung für ihr Lernen übernehmen sollten, ohne dafür unter Druck gesetzt zu werden. Sie fanden ein Schulsystem, in dem erst ab der achten Klasse benotet wurde. Und eine Schule, in der alle Schüler bis zur neunten Klasse gemeinsam lernten. Schweden war der deutsche Sehnsuchtsort der Pädagogik.

Ein gutes Jahrzehnt später steht Schweden unter Schock. Aus dem ehemaligen Musterschüler wurde ein Problemschüler. Gleich, ob es um Lesen, Mathematik oder Naturwissenschaften geht – die 15-jährigen Schweden erreichen bei der aktuellen Pisa-Studie nicht einmal mehr das Mittelfeld. Gleichzeitig hat sich der Abstand zwischen leistungsschwachen und leistungsstarken Schülern vergrößert, und der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf den Lernerfolg der Schüler ist gewachsen. Geahnt hatte man es schon, auch im ersten Fernsehduell zwischen dem amtierenden schwedischen Premierminister Fredrik Reinfeldt und seinem sozialdemokratischen Herausforderer vor der Wahl 2014 ist die Misere der schwedischen Schule Thema.

Wie konnte es nur dazu kommen?

Der Schuldirektor Wolfgang Johansson gehört zu den Leuten, die schon länger davon überzeugt sind, dass etwas im schwedischen Bildungssystem gründlich aus der Bahn geraten ist.

Wenige Wochen vor dem Pisa-Schock sitzt Johansson in seinem Rektorenzimmer an der Grundschule von Farsta, einem Stadtteil im Süden Stockholms. Seit einigen Monaten macht er diesen Job, und wenn man ihn fragt, was das grundlegende Problem seiner Schule ist, würgt er eine Zahl hervor: 66. So hoch ist die Prozentzahl der Kinder aus dem Einzugsgebiet seiner Schule, die sich gegen ebendiese entschieden haben. Weil sie lieber auf eine andere Schule gehen wollen oder weil ihre Eltern das wollen. "Das regt mich wirklich auf." Für ihn liegt die Wurzel des Übels in einem Schlagwort: "Det fria skolvalet" – die freie Schulwahl. Seit Beginn der 1990er Jahre darf in Schweden jedes Kind, beziehungsweise jede Familie, selbst entscheiden, auf welche Schule es gehen möchte. Was erst einmal gut klingt, untergräbt die Chancengleichheit. An Johanssons Grundschule zeigt sich das besonders deutlich.

Im Schuljahr 2002/03 besuchten in ganz Schweden 136 000 Kinder mit einer anderen Muttersprache die Grundschule, 2011/12 waren es knapp 184 000. Ihr Anteil stieg von 12,85 Prozent auf 20,67 Prozent. Der Anteil derer, die zu Hause Arabisch, Englisch oder Somali sprechen, wächst, der Anteil derjenigen, die mit den Eltern Schwedisch sprechen, sinkt. An der Grundschule in Farsta kommen knapp zwei Drittel der Schüler aus anderen Kulturen. Im Stadtteil haben aber nur 40 Prozent der Kinder bis 17 Jahre einen ausländischen Hintergrund. Schwedischsprachige Eltern schicken ihre Kinder lieber auf eine andere Schule als die in ihrer direkten Umgebung. Das ist die freie Schulwahl, die Wolfgang Johansson so auf die Palme bringt und die nicht nur von ihm als ein Grund dafür ausgemacht wird, dass es vorbei ist mit einer wirklichen Schule für alle. "Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern werden nicht mehr mitgezogen, und Schüler aus bildungsnahen Elternhäusern lernen nicht, mit Andersartigkeit umzugehen, das ist verheerend", sagt Wolfgang Johansson.

Und das in einem Land, in dem Chancengleichheit zur Staatsräson gehört.

Die Gemeinschaftsschule bis zur neunten Klasse gibt es in Schweden seit 1962. Eingeführt wurde sie von der sozialdemokratischen Regierung, die schwedische Industriegesellschaft basierte auf der Verständigung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, auf umfassenden Tarifverträgen, das "Volksheim" Schweden versprach den Menschen Sicherheit und Chancengleichheit unter dem Dach des Staates. In den sechziger Jahren erlebte Schweden seinen Höhenflug mit einem enormen Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und einem umfassenden Sozialsystem, das durch hohe Steuern finanziert war und den Staat als Wächter und Kontrolleur der Gesellschaft sah. Es war die Zeit, in der das Volksheim Schweden am heimeligsten war. Die aber auch ein zu großes Sicherheitsgefühl entstehen ließ.

Dieser Meinung ist Hans Albin Larsson, Bildungshistoriker und ehemalig stellvertretender Direktor der Schulinspektion. "Aus der Hybris heraus, dass sich die schwedischen Schulen gar nicht verschlechtern könnten", sagt er, "wurde das System in den neunziger Jahren entscheidend verändert." Es war ein Systemwechsel, dessen Durchschlagskraft sich erst Jahre später zeigte – und der mit fundamentalen gesellschaftlichen Veränderungen einherging.