Eine Prostituierte in Paris © Christian Hartmann/Reuters

Jeder macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt: Es ist nichts Ungewöhnliches daran, dass bei gesellschaftlichen Großkontroversen jede Seite diejenigen Zahlen anbringt, die zu ihren Argumenten passt. An der Prostitutionsdebatte der vergangenen Wochen allerdings fällt auf, wie wenige Fakten überhaupt genannt werden – und wie beständig die immer gleichen Zahlen kursieren, ohne dass klar ist, woher sie kommen.

Angeblich gibt es in Deutschland, so liest und hört man immer wieder, 400.000 Prostituierte. Die Anstifterin der Debatte, Alice Schwarzer, sprach zu Beginn von 700.000 Huren, hat sich aber nach unten korrigiert. Sie bleibt jedoch bei der Feststellung, dass die allerwenigsten Prostituierten ihre Arbeit freiwillig machten – bis zu 90 Prozent seien als Kind missbraucht worden.

Die letztgenannte Prozentzahl stammt immerhin aus der Farley-Studie, die Schwarzer in der ZEIT (Nr. 49/13) erwähnte und die 2009 in neun Ländern durchgeführt wurde. Damals wurden in Kanada, Kolumbien, Deutschland, Mexiko, Südafrika, Sambia, Thailand, in der Türkei und in den USA Prostituierte befragt. In Deutschland waren es, wie in der Studie nachzulesen ist, ganze 54 Prostituierte in Hamburg, darunter zumindest ein Teil aus einer Unterkunft für Drogenabhängige. Von diesen in Hamburg vor mehreren Jahren interviewten 54 Prostituierten gaben genau 26 an, als Kind missbraucht worden zu sein, also 48 Prozent. Das ist grauenhaft genug – aber wie repräsentativ ist es?

Gegenüber anderen in der Rotlichtdebatte kursierenden "Fakten" ist noch größere Vorsicht geboten, und die Herkunftsanalyse gestaltet sich viel komplizierter. Das gilt insbesondere für die Zahl der Prostituierten. Wie errechnen sich die oft zitierten 400 000? Neu ist diese angeblich "seriöse Schätzung" nicht, sie wurde bereits 2001 in der offiziellen Begründung für das damals beschlossene Prostitutionsgesetz genannt. Wie ein hartnäckiger Reporter der Welt am Sonntag herausfand, nutzt auch das Statistische Bundesamt intern die Größenordnung 400 000 als "Zuschätzung", um zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik Deutschland zu berechnen. Denn zum BIP gehören laut europäischer Definition auch jene volkswirtschaftlichen Leistungen, die (legal oder illegal) im Rotlichtmilieu erbracht werden. Die Wiesbadener Statistiker betonen aber in einer schriftlichen Erklärung, dass ihren Zahlen zur Prostitution keine statistischen Erhebungen zugrunde lägen und man sie deshalb eigentlich nicht veröffentliche – die "üblichen Qualitätsmaßstäbe" gälten hier explizit nicht.

Alle nutzen diese Zahl, gefühlt schon immer – aber wer hat sie erfunden? Die Soziologinnen Barbara Kavemann und Elfriede Steffan erforschen seit Jahren die Situation der Prostituierten in Deutschland. In einem Anfang des Jahres veröffentlichten Aufsatz schreiben sie, die Zahl der Prostituierten in Deutschland werde "weit überschätzt". Die Zahl von etwa 400 000 Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen mit einer Million Kundenkontakten pro Tag sei bereits Ende der 1980er Jahre in der Aktivistinnen-Szene entstanden und entbehre jeder "wissenschaftlichen Grundlage". Seriöse Hochrechnungen seien damals auf 64 000 bis 200 000 Prostituierte gekommen. Neuere Schätzungen dieser Art lägen nicht vor. "Insgesamt ist festzustellen", schreiben Kavemann und Steffan, "dass zum Thema Prostitution in Deutschland zu wenig Erkenntnisse vorliegen."

Die Öffentlichkeit diskutiert also mit aller Leidenschaft über ein Gewerbe, von dem wir noch nicht einmal wissen, wie viele Frauen und Männer es betrifft. Alice Schwarzer schreibt, in 90 bis 95 Prozent der Fälle würden die Freier "auf billige, verfügbare Frauen" treffen, die "oft kein Wort Deutsch können", und beruft sich dabei auf Polizeischätzungen. Das europäische Netzwerk Tampep kam durch Befragungen insbesondere von Sozialarbeitern 2008 auf einen Migrantenanteil von 65 Prozent unter den Prostituierten in Deutschland. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Vielleicht auch nicht. Der Migrantenanteil wird regional und in den verschiedenen Bereichen der Prostitution unterschiedlich hoch eingeschätzt. Es gibt eine Art Grundkonsens, wonach wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Prostituierten ausländischer Herkunft ist. Aber genau weiß es niemand.

Die Frage, wie viel Prozent der Prostituierten zu ihrer Arbeit gezwungen werden, lässt sich vor diesem Hintergrund kaum beantworten – zumal es keinen Konsens darüber gibt, wo Zwang in der Prostitution anfängt und wo er aufhört. Es gibt lediglich Zahlen des Bundeskriminalamts, wonach im Jahr 2011 640 Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ermittelt wurden.

Das Familienministerium nimmt das Zahlenwirrwarr offenbar hin. Auf der Homepage ist nachzulesen: "Zur Anzahl der Prostituierten in Deutschland gibt es keine fundierten statistischen Daten." Nur, warum eigentlich nicht? Eine "zuverlässige Einschätzung", heißt es auf der Ministeriumswebseite, werde auch dadurch erschwert, dass viele Frauen "dieser Tätigkeit nur nebenbei, gelegentlich oder für einen kurzen Lebensabschnitt nachgehen". Die Soziologie-Professorin Kavemann von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin fügt auch die Mobilität der Prostituierten an: Nur wenige hätten einen festen Standort. Wer zählen will, läuft also Gefahr, doppelt zu zählen. Kavemann weist außerdem darauf hin, dass sich die Prostituierten nicht amtlich registrieren müssten – was angesichts der gesellschaftlichen Stigmatisierung auch nicht wünschenswert sei.

Ist es also schlicht unmöglich, herauszufinden, wie viele Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter es gibt? "Nichts ist unmöglich!", antwortet Barbara Kavemann. Vielmehr sei die Prostitution "kein Thema, das die Politik gern aufgreift". Im Klartext: Für Studien über Prostitution will niemand Geld ausgeben. Elfriede Steffan vom Forschungsinstitut SPI betont, es gebe nur "sehr eingeschränkt" Daten zur Prostitution, in jeglicher Hinsicht. Ihr sei beispielsweise keine einzige repräsentative Befragung über die Einstellung der Bevölkerung zur Prostitution in Deutschland bekannt.

Nach all den Debatten scheint das Rotlichtmilieu also noch immer eine Art Sperrbezirk zu sein. Zumindest für die Wissenschaft.