Der Amazon-Chef Jeff Bezos © David Ryder/Getty Images

Es war eine kleine Anzeige in der Valentinsausgabe einer kleinen Seattler Zeitung, die im Jahr 2002 den Sieg der Maschine über den Menschen verkündete. "Liebster Amabot", stand da, "hättest du nur ein Herz, um unseren Hass zu spüren. Danke für nichts, du zusammengeschusterter Rosthaufen." Amabot hieß der Algorithmus, den die amerikanische Internetfirma Amazon programmiert hatte, um automatisch Produktempfehlungen für jeden einzelnen Nutzer zu generieren. Der Verfasser des Dreizeilers war einer der letzten Redakteure, die Amazon beschäftigte. Als Zahlen bewiesen, dass der Algorithmus mehr Käufe generierte als die selbst ausgesuchten und selbst geschriebenen Empfehlungen, schmiss Jeff Bezos, Gründer von und Alleinherrscher über Amazon, seine Mitarbeiter raus.

Überflüssige Elemente kann er nicht gebrauchen. Schließlich geht es beim 60-Milliarden-Dollar-Konzern Amazon nicht um ein normales Unternehmen mit normalen Zielen und mit normalem menschlichen Umgang. Amazon will der Weltladen für alles sein, der Superstore. "Amazon ließ beim Einsatz seiner Marktmacht weder Umsicht noch Nachsicht walten", schreibt der amerikanische Journalist und Autor Brad Stone, "solange sich damit seine Margen vergrößern und die Einsparungen an den Kunden weitergeben ließen, war Bezos jedes Druckmittel recht."

Stone hat ein Jahrzehnt lang über den Konzern berichtet, hat Hunderte von Interviews mit Mitarbeitern und Exbeschäftigten geführt, mehrmals mit Jeff Bezos gesprochen und aus seinen beeindruckend detailreichen Recherchen ein Buch gemacht: Der Allesverkäufer, das gleichzeitig eine Jeff-Bezos-Biografie und eine Firmengeschichte von Amazon ist. Bezos und Amazon sind, mehr noch als alle anderen Firmengründer und Firmen der Digitalmoderne, eine symbiotische Einheit. Das ganze Unternehmen, schreibt Stone, sei eine um Bezos’ Verstand herum errichtete Maschinerie – eine Art Verstärker zur Verbreitung seiner Genialität über den größtmöglichen Radius.

Bezos, 1964 geboren, wuchs in Texas auf, mit Mutter und Stiefvater, einem Exilkubaner, der in der Ölindustrie arbeitete. Als Dreijähriger zerlegte er mit einem Schraubenzieher das Gitter seines Bettes, er wollte in einem richtigen Bett schlafen. Sport konnte er nicht leiden, aber in allen anderen Schulfächern war er herausragend. Alles, was er dachte und tat, war auf ein Ziel ausgerichtet: Erfolg.

Nach dem Studium in Princeton arbeitete Bezos in New York für die erste Firma, die mit Algorithmen Geld verdiente. Er arbeitete sich rasend schnell auf einen Chefposten hoch. Das reichte ihm nicht. Er entdeckte das Internet, berechnete, dass es jährlich um 230.000 Prozent wächst, und fragte sich: "Welches Unternehmenskonzept ist im Kontext eines solchen Wachstums sinnvoll?" Bücher, war seine Antwort. Weil jeder weiß, was er bei einer Buchbestellung bekommt. Weil es damals, Anfang der Neunziger, in den USA nur noch zwei große Distributoren gab. Vor allem aber, weil weltweit drei Millionen Bücher online lieferbar waren – unerreichbar für jede normale Buchhandlung.

Bezos gründete seine Firma. Zunächst wollte er sie Relentless.com nennen, "gnadenlos". Dann entschied er sich für Amazon. Der Amazonas sei nicht nur der größte Fluss der Welt, sagte Bezos, er sei um ein Vielfaches größer als der nächstgrößere. Das war die Kategorie, in der er sein Unternehmen sah.

Brad Stone hat den Aufstieg des Bezos-Amazon-Amalgams Schritt für Schritt rekonstruiert. Er schildert ihn als den Amerikanischen Traum eines Mannes, der auszog, um die Welt zu verändern.