Am frühen Sonntagmorgen klingelt der Boulevard-Reporter. Vor ihm ein zerstörter Halb-Promi, der in der Nacht seine Frau und seinen besten Freund durch einen Unfall verloren hat. Wie er sich nun fühle, fragt der Gefühllose. Ein anderer Höhepunkt des Journalismus: Die "Wegelagerer" (Helmut Schmidt) warten auf Gerhard Schröder. Einer, der sich besonders gut vorbereitet hat, schiebt ihm das Mikro vors Gebiss und stellt die brillant formulierte Frage: "Und?"

Deshalb wollen wir heute eine kleine Lanze brechen für den SPD-Parteichef Sigmar Gabriel. Der hatte im Interview mit Marietta Slomka die Frechheit, Fragen als "Quatsch" und "Blödsinn" zu stempeln, die nicht von tiefster Durchdringung des Grund- und Parteiengesetzes zeugten. Die ZDF-Frau wollte wissen, und dann gleich viermal, ob nicht die Mitgliederbefragung zur Großkoalition Verfassungsrecht breche. Sich dabei auf den Staatsrechtler Christoph Degenhart zu berufen machte die Fragen nicht klüger. Der gewiefte Jurist hatte seine Kritik klugerweise mit einer Kompanie von Kautelen umstellt. Die Befragung sei vom GG "nicht verboten", aber "aus meiner Sicht" sei sie doch "nahe" dran an der Verletzung des Art. 38, wonach Abgeordnete "an Weisungen nicht gebunden" sind. Diese Causa wird nicht in Karlsruhe landen.

Aber wie dem auch sei, wünscht man sich, dass Gabriel mit seinem "Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden" Schule macht. Wobei sich Slomka mit ihrem argumentativen Angriff immerhin von den Heerscharen der Kollegen unterscheidet, die nicht mehr nach dem Was, Wie und Warum fragen. Hören wir uns die Fragen des Neuen Journalismus an, herausgegriffen aus einem typischen Politiker-Interview der jüngsten Zeit. "Wie geht es Ihnen nach Ihrem Rücktritt?", "Halten Sie sich für gescheitert?", "Was war Ihr größter Fehler?". Letztere gehört in die Kategorie: "Wann haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu schlagen?". Die Antwort kann nur Selbstbezichtigung sein, was der Sinn der Sache ist.

Das ist "nahe" dran, um unseren Professor zu zitieren, an jenem weltlichen Autodafé der öffentlichen Selbstkritik, welche die russischen und chinesischen Kommunisten den Delinquenten aufzwangen. Für heutige Politiker ist der Preis der Aufmerksamkeit die gnadenlose Selbstentblößung, die Beichte, die Unterwerfung unter das Gericht der Medien. "Wie gehen Sie damit um?", "Hat Sie die Häme verletzt?", "Bedrückt Sie das?", "Hatten Sie Angst?". Solche Fragen sind die neue Routine, und die Politiker fügen sich, um ja nicht ihren Moment in der Sonne zu gefährden. Das ist nicht Journalismus, sondern Voyeurismus – so, als sei die Seelenlage der Volksvertreter zehnmal wichtiger als deren Politik. Das Verhör verkommt zur Küchenpsychologie.

Auf jeden Fall sei Gabriels ziviler Widerstand zu loben, auch wenn seitdem die üblichen Verdächtigen mit den üblichen Argumenten die Empörungsmaschinerie befeuern – als hätte der SPD-Chef gegenüber Slomka die Pressefreiheit attackiert oder Rachegelüste befriedigt. Seehofer nörgelt pro Gabriel, und der ZDF-Chef mault zurück.

Pressefreiheit heißt: Die "Vierte Gewalt" muss bohren, Worthülsen knacken, Widersprüche aufspießen, Verschleierung aufdecken, nicht den Großinquisitor oder Seelendoktor geben. Und Sachkenntnis hilft. Politiker sind keine Ketzer, und Küchenpsychologie gehört in die Küche.