Steuerhinterziehung : Bitte selbst anzeigen!

Schweizer Banken sortieren Steuerhinterzieher gnadenlos aus. Die Geschichte eines Neubeginns.

Gerade mal fünf Jahre ist es her, da verteidigte Konrad Hummler, einer der bekanntesten Schweizer Privatbankiers, das Bankgeheimnis vehement. Es sei eine Art "Asylrecht" für ausländische Anleger, die ihr Kapital vor dem heimischen Steuerstaat in Sicherheit bringen wollten, sagte er. Inzwischen ist der streitbare Hummler aus dem Geschäft: Sein Bankhaus Wegelin stellte den Geschäftsbetrieb ein, nachdem es vor wenigen Monaten in den USA 74 Millionen Dollar Strafe zahlen musste – wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung.

Heute treten namhafte Bankiers nicht mehr für das Bankgeheimnis ein. Im Gegenteil: Auf dem Bankentag in Bern dominierte im September die Selbstkritik. Das Geschäft mit Schwarzgeldanlegern aus dem Ausland sei "falsch" gewesen, sagte Patrick Odier, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) und Teilhaber der Privatbank Lombard Odier. In Zukunft, versprach er, würden die Banken "internationale Standards einhalten". Doch beim Versuch, den Finanzplatz zu säubern, müssen sich die Bankiers eine Lösung für ihr Dilemma einfallen lassen: Wie werden sie die Hinterzieher unter den Kunden los und sorgen gleichzeitig dafür, dass ihnen auch ohne Bankgeheimnis frisches Kapital zufließt?

Bei dem Vorhaben, die einst hofierte Schwarzgeldkundschaft loszuwerden, geben sich die Schweizer wild entschlossen. Die Bankiers setzen Tausende deutsche Kunden unmissverständlich unter Druck: Entweder ihr meldet eurem Finanzamt eure Konten – oder ihr fliegt raus. Die UBS etwa verschickt seit Jahresbeginn ein Formular mit der Überschrift "Bestätigung Nacherklärung/Teilnahme an Amnestie", auf dem der Steuerberater des Kunden bestätigen soll, dass dessen Kapital in der Schweiz beim heimischen Finanzamt "offengelegt" wurde. Mit anderen Worten: Die UBS verlangt von ihren Kunden eine Selbstanzeige. Betroffen sind sogar Anleger, deren Vermögen von der UBS-Filiale in Singapur verwaltet werden, also auch die besonders cleveren Steuertrickser, die ihr Geld schon vor Jahren nach Fernost verschoben hatten, weil sie sich dort sicherer wähnten.

"Die Banken in der Schweiz sind sich einig, dass sie künftig versteuerte Vermögen verwalten wollen", heißt es bei der SBVg. Deutlicher wird die Crédit Suisse: "Von Kunden, die ihre Steuersituation nicht bereinigen, werden wir uns trennen müssen." Wann das Ultimatum abläuft, verrät die Bank nicht. Und die UBS teilt mit, man gehe "davon aus, dass bis Ende 2014 alle Kunden den Nachweis erbracht haben". Nach Informationen aus Finanzkreisen soll ein Großteil der Kunden allerdings schon bis Ende 2013 liefern – 2014 wollen die Banken offenbar nutzen, um verbleibende Problemfälle zu lösen.

Die meisten Selbstanzeigen stammen von Sündern mit Schweizer Konten

Die Betroffenen spuren. Darauf deutet jedenfalls die Zahl der Selbstanzeigen hin. Laut einer Umfrage des Handelsblatts bei den Landesfinanzministerien hatten sich bis Ende Oktober mehr als 20.000 Steuerhinterzieher geoutet – mehr als doppelt so viele wie 2012. Und die meisten der Selbstanzeigen stammen von Steuersündern mit Schweizer Konten. "Viele Anleger haben schon lange über eine Selbstanzeige nachgedacht und die Aufforderung durch die Schweizer Banken nun zum Anlass genommen zu handeln", sagt Gerd Kostrzewa, Steueranwalt im Züricher Büro der deutschen Kanzlei Heuking. Derzeit seien zahlreiche Selbstanzeigen in Vorbereitung. Für die deutschen Finanzbehörden ist die Weißgeldstrategie der eidgenössischen Banken also äußerst erfreulich. Doch was bedeutet das für den Finanzplatz Schweiz?

Bis 2016 dürften ausländische Anleger rund 200 Milliarden Franken an nicht deklariertem Vermögen aus der Schweiz abziehen, hat die Unternehmensberatung zeb/rolfes.schierenbeck 2012 in seiner "Private-Banking-Studie" prognostiziert. Besonders kleine Banken treffe das hart, sagt Norman Karrer, Geschäftsführer der Schweizer zeb-Dependance. Er rechnet damit, "dass in einigen Jahren bis zu 40 Prozent der Privatbanken und Vermögensverwalter nicht mehr existieren". Die Konsolidierung hat längst begonnen: Im Oktober kündigte die Bank Frey das Aus an, Mitte November die Bank Gutenberg. Und schon bald werden jene Banken unter Druck geraten, die in den USA die Zahlung hoher Geldbußen erwartet. 

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Schwere Zeiten für die Schweiz

Die eidgenössischen Banker rühmen sich ihrer guten Beratung, die ihnen auch künftig ein auskömmliches Geschäft sichern werden. Vielleicht ein etwas verzerrter Blick. Wem sich internationale Kunden in der Vergangenheit wegen genau EINES Vorteils an den Hals geworfen haben, fühlt sich ziemlich sicher zu Unrecht umfassend geliebt. An den im internationalen Vergleich jämmerlichen Zinsen kann es jedenfalls nicht gelegen haben.

Die Umetikettierung der Alpenrepublik vom Paradies der Diskretion zum Hort der Sicherheit ist jedenfalls kein Automatismus. Denn wer sich vor der bösen internationalen Finanz- und Währungswelt schützen möchte, muss dafür auch weiterhin die bekannt niedrigen Zinsen der Schweiz in Kauf nehmen. Bisher für ausländische Kunden ein gutes Geschäft, weil sie fast ausnahmslos die fiskalische Kostenersparnis gern mitgenommen haben. Doch ab sofort...?

Wir werden sehen...