Zwischen den Teenagerhorden, denen mit den dicken Jacken und Kopfhörern, nahm im Cinemaxx-Kino ein Paar um die sechzig Platz, das mit ein wenig Fantasie als Lehrerpaar zu identifizieren war (feine Brillen, beigefarbene Ledertaschen). Es hatte den Vorspann aus kreischbunten Graffiti-Bildern und einem Elektrobeat über sich ergehen lassen und, als die ersten Schimpfworte und Sprachgrobheiten flogen, diesen "Wir versuchen zu verstehen"-Blick aufgesetzt: rührender Anblick.

Die Teenagerkomödie Fack ju Göhte, der neue Film des Türkisch für Anfänger-Regisseurs und Drehbuchautors Bora Dagtekin, geht in die fünfte Woche. Die Zuschauerzahlen stehen bei sensationellen 3,8 Millionen Zuschauern – das ist, natürlich, der erfolgreichste deutsche Film des Jahres. Und nun, da Deutschlands Teenager die Dialoge in weiten Strecken schon Wort für Wort mitsprechen können, kommen die Berufe und Bildungsschichten ins Kino, die in der Klamotte am gnadenlosesten und lustigsten eins drübergezogen bekommen: Erzieher, Lehrer, Teenagerversteher. Tatsächlich lässt sich Fack ju Göhte auch als soziologischer Crashkurs anschauen: Bildungsmisere, Migrantenthematik, Mobbing und Gewalt an Schulen, Sprachverrohung, Rechtschreibreform. Am Ende wird dieser Film es hinbekommen, dass die Teenager durch heftiges Klatschen ihre Zustimmung preisgeben und das Lehrerpaar immer wieder in herzliches Gelächter ausbricht.

Nehmen wir als gegeben, dass der Hauptdarsteller Elyas M’Barek (der schon als junger Bushido und in Türkisch für Anfänger zu sehen war) mit seinem gekonnt genervten Gesichtsausdruck, einem astreinen Oberkörper und einer wirklich charmanten Junge-Männer-Lässigkeit über eine Starpower verfügt, die es in Deutschland sonst nur noch bei Matthias Schweighöfer gibt. Und vernachlässigen wir die Handlung, die ein routiniert gebauter Schwachsinn ist (Ex-Knacki lässt sich an einer Schule anstellen, um dort einen unter der Turnhalle vergrabenen Schatz zu heben, und wird als Aushilfslehrer nach Einsatz äußerst fragwürdiger Erziehungsmethoden zum Liebling aller Lehrer und Schüler). Wie kommt der Film dann zu seinem Drive, seiner Kraft und Dynamik?

Es sind, natürlich, die Wucht, die Härte, der Bums, die absolute Zeitgemäßheit und Gegenwärtigkeit der Sprache. Vielleicht weiß zurzeit kein zweiter deutscher Autor neben Bora Dagtekin so genau, wie auf deutschen Schulhöfen, in U-Bahnen und auf Tankstellen gesprochen wird. Es ist ein grobes, derbes, plastisches, wunderbar falsches Deutsch, das aber auf Anhieb einleuchtet und richtig klingt: Kiezdeutsch, cooles Deutsch, Locker-Deutsch, Asi-Deutsch, Multikulti-Deutsch, Balkan-Deutsch, kreolisches Deutsch. Es ist, genau genommen, natürlich noch besser: Der Autor Bora Dagtekin weiß, wie man für einen Kinofilm ein Deutsch erfindet, das ihm sein Publikum, die Überzwölfjährigen, als wahrhaftig und authentisch abnimmt und über das studierte Bildungsbürger amüsiert staunen können.

Schon der erste Gag! Der Kleingangster Zeki Müller (Elyas M’Barek) verlässt den Knast, als sein Kumpel ihm zum Abschied die schönen und freundschaftlich gemeinten Worte "Halt’s Maul. Und fick ’ne Nutte für mich mit" zuruft. Auf einer Tankstelle besorgt Müller sich eine Palette Dosenbier. Seine Freundin, die Prostituierte Charlie (Jana Pallaske), begrüßt der Held mit den Worten: "Heb dir das Gelutsche für die Kundschaft auf. Wo ist die Kohle?"

Diese wörtliche Rede verfügt über keinerlei Witz, und es ist offensichtlich, dass sie genau das, Charme, Finesse und Humor, gerade nicht haben soll. Vielmehr geht es den Autoren des Films darum, beim Zuschauer mit der denkbar brachialsten Sprache um Vertrauen zu werben. Die Botschaft an den jugendlichen Zuschauer lautet: "Wir kennen dich. Wir wissen, wie du und deine Freunde miteinander reden, und wir sprechen dieselbe Sprache. Also lehn dich zurück, und genieß diesen Film." Fack ju Göhte setzt am untersten Sprachniveau an, um im Laufe der nächsten neunzig Minuten Slapstick, Humor und Selbstironie einzuführen und verbale Grobheiten immer wieder als Tusch und Fanfare einzusetzen.

Das neue Deutsch

In der Goethe-Gesamtschule, in der Zeki Müller sich zwischen schwer erziehbaren Schülern als Aushilfslehrer bewähren muss, wird der Zuschauer Zeuge von ganz wunderbaren Schülerdialogen, Wortgefechten, Wort-Battles, ja einem sprachlichen Nahkampf. Ist es zu wohlfeil, darauf hinzuweisen, dass der Sound, Rhythmus, Flow, die Musikalität dieser Sprache natürlich von der amerikanischen Popkultur, den Wort-Battles des Hip-Hop, abstammen? Linguisten haben beschrieben, wie sich die deutsche Sprache auch unter dem Einfluss der Einwanderung aus der Türkei, dem Maghreb, aus Russland und dem Balkan verändert hat: Der große Trend ist die Vereinfachung, gesprochen wird ein grammatisch sehr entspanntes Idiom (Artikel werden weggelassen, Fallendungen abgeschliffen, der Konjunktiv wird gar nicht, Präpositionen werden beliebig verwendet). In der Popkultur haben Hip-Hopper wie Bushido und Komiker wie Bülent Ceylan das neue Deutsch durchgesetzt, im Film Fack ju Göhte kann man es noch mal aufs Schönste hören:

"Gib zwei Euro. Ich muss Guthaben kaufen."

"Wusstest du, dass sie Push-up trägt?"

"Ey, red ma’ höflich, du Opfer."

"Halt Fresse und gib mir den Nagellack."

"Fuck you, fuck you, fuck you."

"Geh putzen, und danach kannst du mir einen blasen."

Seine Autorität bezieht der Aushilfslehrer, der nur bis zur achten Klasse zur Schule ging ("Das war meine Crackphase"), daraus, dass er, wenn die Konflikte hart auf hart kommen, die härtere, bösere, asozialere, verbotenere Sprache spricht als die Schüler selbst. Die Maßregelung eines Krawallbruders lautet: "Achte auf deine Ausdrucksweise, du Wichser." Einer pubertären Schülerin empfiehlt er: "Friss nicht so viel. Oder willst du als Jungfrau sterben?" Der Lehrer, der kein Lehrer ist, sagt seiner Schulklasse: "Ihr seid Abschaum. Und jetzt Fresse halten und sitzen bleiben, bis es vorbei ist." Das Ideal zivilisierten pädagogischen Umgangs wird so ad absurdum geführt: Der Lehrer schießt mit einer Paintball-Kanone auf seine Schüler. Durchsetzen kann sich in dieser Welt der deutschen Problemschule nur der, der über die schwerste sprachliche Schusswaffe verfügt und nicht zögert, sie einzusetzen.

Seine Kraft bezieht Fack ju Göhte genau aus der brutalen Direktheit des Ausdrucks – und aus den Momenten, in denen jene brutale Direktheit über die Mittel der Übertreibung und Ironie in eine höhere Wahrheit kippt. Ganz wunderbar sind die Kabbeleien, die sich der Aushilfslehrer mit der Großstadtgöre Chantal (Jella Haase) liefert, einer der schönsten Figuren des deutschen Kinos der letzten Jahre. "Chantal, heul leise", sagt der Aushilfslehrer und: "Du stinkst derbe nach CK1." Chantal schlägt zurück: "Ganz ehrlich, Herr Müller, sind Sie geborderlinert oder was? Müller, ey, Sie Geisterkranker!" Es ist, Entschuldigung, großes Kino, dass Chantal "Geisterkranker", nicht "Geisteskranker" sagt, denn so unergründlich falsch und rätselhaft schön sprechen deutsche Jugendliche. In ihrer streetwisen Cleverness sagt Chantal, die deutsche Britney Spears, die – so kokett, überschminkt, präpotent – in vielen deutschen Klassenzimmern sitzt, dem Lehrer auf den Kopf zu, wer er ist: "Sie sind ein Faschist, Herr Müller, ich hasse Sie."

Gegen Ende des Films mag nicht nur das Lehrerpaar im Cinemaxx-Kino sich ein wenig darüber gelangweilt haben, dass der größte Rabauke der Schulklasse doch nur wieder bei Romeo und Julia mitspielt (Balkonszene: "Lass ma’ chillen, Julia") und der asoziale Aushilfslehrer nach seiner Wandlung zum nützlichen Mitglied der Gesellschaft ("Ich will nicht mehr kriminell sein") mit der Kollegin (Karoline Herfurth) ein Liebespaar bildet, aber das ist völlig egal: Der Zuschauer erhält eine sagenhaft hochprozentige Injektion deutscher Poesie, deutschen Alltags, deutscher Wirklichkeit. Wir alle sollten noch oft über diesen Film sprechen.

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