Es ist später Morgen, als Vitali Klitschko blass und unrasiert die massive Holztür zu einem Nebengebäude des ukrainischen Parlaments aufdrückt. Der Wind weht schneidend, Klitschko tritt ein und nimmt es mit einer Treppe auf, als ginge er zum Boxring. Sein Oberkörper wippt gleichmäßig, rechte Schulter vor, linke Schulter vor, federnd nimmt er eine Stufe, zwei. Rechte vor, linke vor.

Aber dies ist kein Boxkampf. Im Leben des 42-jährigen Schwergewicht-Weltmeisters hat etwas Neues begonnen. Er ist zum Anführer einer pro-europäischen Revolte in seinem Heimatland, der Ukraine, geworden. Seit der Präsident Viktor Janukowitsch vor einer Woche das Angebot der EU ausgeschlagen hat, die Ukraine Europa anzunähern, gehen Tausende in Kiew und anderen Städten auf die Straßen. Und Vitali Klitschko ist das Gesicht des Aufstands geworden.

An diesem Montag trägt Klitschko keinen Anzug, er hat sich angezogen wie jemand, der Stunden auf eisigen Straßen verbringen wird: Jeans, Hemd, Kapuzenpullover, ein heller, dick gefütterter Parka und schwere, schwarze Stiefel. Der Teppich auf den Stufen dämpft die Wucht seines Körpers, diese erstaunliche Masse, die Respekt einflößt und manchen auch Furcht. Er ist noch nicht ganz oben, als ihm die ukrainischen Journalisten ihre Kameras und Mikrofone zudrehen.

Erst vor ein paar Wochen hat sich Vitali Klitschko entschieden, 2015 für das Präsidentenamt der Ukraine zu kandidieren. Er wollte eigentlich den Weg eines Sportlers gehen: Der Erfolg kommt nicht über Nacht. Du musst trainieren, dich vorbereiten, kämpfen. Niederlagen kassieren, weitermachen. Zweimal hat er in den letzten sieben Jahren als Bürgermeister für Kiew kandidiert und verloren. Dann hat er seine Partei Udar (Schlag) gegründet und mit ihr vor knapp einem Jahr einige Sitze im Parlament gewonnen. Seine Sportlerkarriere ist fast am Ende, und nun kommt seine entscheidende Stunde als Politiker.

Vitali Klitschko lächelt nicht. Er lächelt so gut wie nie in diesen Tagen, wenn die Kamera läuft. Später werden mit jeder Stunde mehr und mehr internationale Journalisten eintreffen, und wenn sie Vitali Klitschko, den Unübersehbaren, entdecken, umringen sie ihn. Früher kam er in den internationalen Medien als Weltmeister im Schwergewicht vor; jetzt fragen ihn Reporter von CNN und BBC, was er tun werde, wenn die ukrainische Regierung seinen Forderungen nicht nachkommt.

In einer Nacht der vergangenen Woche wurde das politische Leben von Vitali Klitschko vorgespult: Am Freitag kehrte er wütend vom EU-Gipfel in Litauen zurück, wo der ukrainische Präsident das Assoziierungsabkommen mit den Europäern nicht unterzeichnet hatte. Am selben Abend hielt Klitschko eine emotionale Rede vor Tausenden, die sich auf dem Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz mitten in Kiew, versammelt hatten: Unsere Hoffnung wurde verraten, ein modernes europäisches Land zu werden, frei von Korruption, mit Arbeitsplätzen für die Menschen und mit unabhängigen Gerichten, rief Klitschko. Und die Masse antwortete: Schande! Schande! Schande! Die Autoritäten wollen ein Blutvergießen provozieren, warnte er. Passt auf! Ruhm der Ukraine!, rief er. Ruhm den Helden!, rief die Masse. Dann ging Vitali Klitschko schlafen.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, hatten ukrainische Sondereinsatzkräfte, die berüchtigten Berkut, friedliche Demonstranten brutal zusammengeschlagen.