Der Unternehmer Wolfgang Grupp ist äußerst lebendig. Aber immer, wenn ich nach Burladingen fahre, besuche ich als Erstes sein Grab. Es liegt direkt neben dem Friedhof, ein von Mauern eingefasstes Areal mit Rasen. In eine verputzte Wand sind Grabtafeln eingelassen.

Immer wieder habe ich mich mit der kleinen Regionalbahn auf nach Burladingen gemacht. Von Stuttgart aus mit dem Schienenbus, der sich die Schwäbische Alb hochquält. Vorbei an Orten wie Hausen-Starzeln und Killer. Als ich das erste Mal in Burladingen ausstieg und am Friedhof vorbeiging, waren von der Grabstätte nur die weiß gekalkten Mauern zu sehen. Beim zweiten Besuch war an einer Tafel schon sein Name angebracht: "Wolfgang Grupp * 04.05.1942". Beim dritten Besuch stand dort ein eisernes Wegekreuz.

Seit Jahren versuche ich, eine Geschichte über den Textilunternehmer Wolfgang Grupp zu schreiben. Und immer wieder brach ich den Versuch ab. Stets war ich mit einem festen Bild von Grupp nach Burladingen gekommen – und wenn ich ihn verließ, hatte er dieses Bild wieder umgestoßen. Und doch hatte er mich nicht losgelassen.

Das erste Bild, das ich hatte, war das, das wohl die meisten haben: der Fernseh-Grupp. Wolfgang Grupp, der Chef und als "eingetragener Kaufmann" allein haftender Besitzer der Marke Trigema, ist einer der bekanntesten Unternehmer des Landes. Er diskutiert in Menschen bei Maischberger über Hartz IV, streitet bei Anne Will über die Kredite für Griechenland. Er poltert bei Markus Lanz gegen die Gewerkschaften. Wenn Grupp redet, dann hält er beide Handflächen parallel und zerhackt mit ihnen die Luft. Als wolle er seine Argumente in verkraftbare Portionen zerteilen. So fordert er mal den Mindestlohn, oder er verlangt, dass Manager für ihre Fehlentscheidungen haften müssen, für die Pleiten, die sie im Größenwahn produzieren. Größenwahn, Haftung, Verantwortung, Anstand: Das sind die Lieblingswörter von Wolfgang Grupp. Und eine Zahl: 1200. Das sind die Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze er garantiert. In Burladingen, einer Kleinstadt auf der Schwäbischen Alb. Dort, wo vor Jahrzehnten noch die Textilindustrie blühte, von der jetzt fast nur noch Trigema übrig ist. Das sagt Grupp auch im Trigema-TV-Spot, der regelmäßig vor der Tagesschau kommt und bei dem ein Affe, der aussieht, wie aus Ronnies Pop Show geliehen, die Zuschauer mit "Hallo Fans" begrüßt.

Wenn man Grupp in seiner Firma besucht, wird man von einem Bild des Schimpansen empfangen, nicht von einer Empfangsdame. Der Chef bezahlt schließlich niemanden fürs Herumsitzen. Außer dem tierischen Pappkameraden ist da noch ein Telefon. Damit ruft man in Grupps Büro an und wird anschließend von einer Mitarbeiterin abgeholt. Man muss eine Treppe hinauf, vorbei an Bildern von Wolfgang Grupps Hochzeit und von verschiedenen Firmenjubiläen. Es ist auch eine Familiengalerie. Der Patriarch mit seiner Frau Elisabeth und den Kindern Wolfgang junior und Bonita. Von Bild zu Bild werden die Kinder größer und älter, bis sie als junge Erwachsene in die Kamera lächeln. Nur ihr Vater altert nicht. Da lächelt immer derselbe drahtige Grupp, Grupp, Grupp. Als wäre er mit einer Zeitmaschine durch die Jahrzehnte gereist. Nach der letzten Treppenstufe betritt man ein Großraumbüro mit blau gestrichenen Wänden. Auf den meisten Tischen stehen Computer. Auf einem nicht. Das ist der von Wolfgang Grupp.

Es ist Sommer 2009, Grupp ist allein. Es ist ein ganz normaler Werktag, aber der Chef ist so korrekt gekleidet, als käme er gerade vom Tee mit der Queen. Maßanzug mit Krawatte, das Hemd von einer goldenen Kragennadel in Form gehalten. Alle Mitarbeiter der Verwaltung sind in der Mittagspause, Grupp steuert die Firma im Alleingang. Wenn ein Telefon klingelt, irgendwo in den Weiten des Raumes, drückt er auf die Konsole seiner Telefonanlage und nimmt den Anruf entgegen. "Trigema. Grupp", meldet er sich knapp und beantwortet Fragen zu T-Shirt-Größen, Ärmellängen, Farben von Stoffen. Wolfgang Grupp kann hier offenbar jeden ersetzen.

Die ersten Mitarbeiter kehren aus der Mittagspause zurück. Grupp erzählt, dass er jeden Morgen schwimmen geht, im Pool in seinem Garten. Selbst im Winter bei zehn Grad Minus, er kennt da nichts. Er sei in der gesamten Zeit in der Firma noch keinen Tag krank im Bett geblieben, sagt er. "Der Krankenstand bei Trigema ist sicher niedriger als im Schnitt der Branche. Das ist eine Frage der Motivation." Die Maßstäbe, die er an sich anlegt, gelten auch für andere. Als er einen Brief von einem Kunden bekommt, der sich beschwert, dass eine Angestellte lieber ihre Vesper gegessen habe, als ihn zu bedienen, diktiert der sofort einen Brief an die Dame, den man wohl harsch nennen kann. Er schließt mit den Worten: Nur wenn er sich auf seine Angestellten verlassen könne, könne er auch weiterhin in Deutschland 1200 Arbeitsplätze garantieren.

Da sind sie wieder, die 1200 Arbeitsplätze, von denen er so oft spricht. Um die alle seine Talkshow-Botschaften kreisen: Wenn es ihm, Grupp, gelinge, in Deutschland 1200 Arbeitsplätze zu garantieren, dann müssten das andere auch können. Dann gäbe es weniger Arbeitslosigkeit, denn diese komme vor allem daher, dass die Arbeit das Land verlasse – die Sorgen aber zu Hause blieben. Solche Formulierungen liebt der Unternehmer: "Leistung muss honoriert werden – und Nichtleistung darf nicht honoriert werden." Eine andere: "Alle großen Probleme haben mal als kleine Probleme angefangen." Nur kümmert sich um diese kleinen Probleme niemand. Außer natürlich Grupp.