Zu Nikolaus, am 6. Dezember, erschien posthum das Tagebuch von Wolfgang Herrndorf. Der Schriftsteller hatte sich im Alter von 48 Jahren am 26. August, dreieinhalb Jahre nach der Diagnose Hirntumor, in Berlin erschossen. Schon jetzt sind seine Aufzeichnungen das literarische Thema des Winters, was nicht nur daran liegt, dass man den Text im Netz lesen kann (www.wolfgang-herrndorf.de). Auch die gedruckte Version von Arbeit und Struktur, dem Online-Tagebuch, das Herrndorf unmittelbar vor seinem Tod verfasste, steht wegen zahlloser Vorbestellungen bei Amazon bereits auf den Bestsellerlisten.

Was detoniert hier? Wie hat Herrndorf es unwillentlich, mit einem Text über das Leben mit dem sicheren Sterben, geschafft, so viel mehr als Autorenkult und Mitgefühl zu wecken? Oder, anders gefragt: Was sagt dieses Tagebuch eines Einzelnen, der sterben musste, über uns, die anderen, aus, die ihm alle folgen werden?

Arbeit und Struktur trifft Deutschland zur Adventszeit. Nicht nur zur kalendarischen, sondern zu einer gefühlt schon viel zu lange andauernden emotionalen Festzeit, in einem Zustand kollektiver Weihnachtsmarktverfettung, in dem das Land es sich gemütlich gemacht hat, ohne sich dabei selbst ganz geheuer zu sein. Wie ein Weckruf schrillt die Ich-Geschichte durch die "Deutschland geht es gut"-Melodie, diese ewig frohe Lähmungsbotschaft der Kanzlerin. Gibt es hierzulande vielleicht doch mehr Menschen, als man denkt, die das Einbetoniertsein im Positiven als Stillstandshorror empfinden?

Belletristik - ZEIT-Literaturchef Ijoma Mangold über das Vermächtnis von Wolfgang Herrndorf Wolfgang Herrndorf war einer der witzigsten Chronisten der nuller Jahre. In seinem Internet-Tagebuch "Arbeit und Struktur" hat er sein Sterben dokumentiert. Jetzt erscheint dieses einzigartige Werk auch als Buch.

Herrndorfs dringlicher, ruhiger, analytischer Schreibfluss jedenfalls tritt der Merkel-Ruhe wie eine Antithese entgegen. Hier schreibt jemand, der mit dem sedierten Zeitgeist nichts mehr zu tun hat. Das Blog ist ein Dokument höchster Intensität, weil es schon "auf der anderen Seite" spielt, quasi rückwärts vom Tod aus geschrieben ist. Bei den Lesern löst es damit einen Sog aus, mehr noch, einen existenzialistischen Schub, der völlig quer steht zu den Einlullungen einer Zeit, in der alles gut zu sein scheint und womöglich deshalb vieles nicht in Ordnung ist.

Dabei sah es doch gerade nach einem guten Ende aus: Nach den Gräueln der Kriege, den Neurosen der 68er war sogar die Beschleunigungsgesellschaft eben dabei, in ihrem Rasen nachzulassen. So langsam vertraute man der Sicherheit des Wohlstandsspecks. Nach all dem Stress und den Neurosen nun also: Ingwertee und Achtsamkeit, das Zeitalter der Postneurose. Genau hier tritt Herrndorf von der Bühne.

Was wir lesen, ist ein Leben, das die Stagnation hinter sich gelassen hat. Für den Sterbenden gibt es sie nicht mehr, die ungut über den Köpfen schwebende Frage "Und jetzt?", die immer dann wieder laut wird, wenn gerade kein Erregungsüberschuss (Wulff, Brüderle, Slomka) oder keine internationale Empathie (Gezi-Park-Solidarität, Fluthilfe, Taifunspenden) sie übertönen.

"Ich habe keine Zeit", schreibt Herrndorf oft. Der Tod löst bei ihm keinen Reset im Sinne eines Ausbrechens aus, sondern einen Zustand, in dem alles egal wird – und gerade deshalb gar nichts mehr egal ist. Sein Blog ist eine radikale Verneinung von Indifferenz. Was er in den letzten Jahren, Monaten, Wochen, Tagen erfährt, ist die absolute Hinwendung zu den Dingen, den Menschen, der Arbeit, zur Natur. Sein Ich ist dabei weder durchtherapiert noch ausbalanciert.

Je weniger Herrndorf (im Unterschied zu Christoph Schlingensief) seine Krankheit hinausschreit, vor aller Augen heult, kotzt und rast, sondern im Schreiben ruhig bleibt, desto mehr kippt die Frage "Und jetzt?" in ein unbedingtes "Los jetzt!". Und so sind es gerade nicht die traurigen Stellen, die Momente der Angst, des Verzweifelns an den körperlichen Veränderungen, die Herrndorfs Bericht so wirksam machen. Was uns den Stecker zieht, sind Szenen des Glücks, des manischen Arbeitens an unfertigen Manuskripten, die in rasender Schnelligkeit fertig und zu Bestsellern werden. Im Angesicht des Sterbens wird Herrndorf zu jemandem, der wieder absolut mit sich selbst rechnen kann.

Was daran mehr ist als privater Rückzug im Nahen des eigenen Todes? Ein solches Ich, das wieder ganz für sich da ist, zählt mehr als alle Appelle von oben, die neue Ideen, Zusammenhalt, politisches Programm fordern. Wenn der Einzelne aufwacht, kann es auch das Ganze.

Glioblastom, ein tödlicher Tumor – im Gegensatz zu den meisten von uns kannte Herrndorf schon den Namen seines Todes. Eine schreckliche Bedrohung, ein irrsinniger Motor. Er ist uns allen eingebaut.

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