Es gibt einen Satz, für den bekam Bernd Lucke, der Chef der Alternative für Deutschland (AfD), im Bundestagswahlkampf besonders viel Applaus: "Wir müssen auch über unkonventionelle Meinungen ergebnisoffen reden können." Ein Satz, mit dem sich Wähler fangen lassen. Mit Euro-Skeptikern sprach Lucke ergebnisoffen über den Ausschluss Griechenlands aus der Euro-Zone. Mit Sarrazin-Fans sprach er ergebnisoffen über Migration. Und mit Sozialstaatkritikern sprach er ergebnisoffen über Arbeitslose. Bernd Lucke holte diese Leute in die AfD, ohne sich ideologisch verorten zu müssen. Als "Partei des gesunden Menschenverstands" hatte er die AfD im Wahlkampf verkauft.

Jetzt muss er erklären, was er damit meint.

Die AfD hat gute Chancen, im kommenden Jahr ins Europaparlament einzuziehen. Sie könnte in Dutzende Kreistage gewählt werden. Und sie könnte in Sachsen, Thüringen und Brandenburg in den Landtag kommen. In allen drei Ländern erhielt sie bei der Bundestagswahl mehr als sechs Prozent der Stimmen. Aber wer wird dann bestimmen, wofür die AfD steht? Marktliberale wie Hans-Olaf Henkel, der Spitzenkandidat für die Europawahlen werden könnte? Ultrakonservative Adelige um die Berliner AfD-Politikerin Beatrix von Storch, die auf Abtreibung und Homosexuelle schimpfen? Islamfeindliche Populisten, die gegen den Bau von Moscheen hetzen? Selbst ernannte "Leistungseliten", die offen darüber nachdenken, Hartz-IV-Empfängern das Wahlrecht zu entziehen?

Sie alle haben in den vergangenen Monaten in der AfD ihren Platz gefunden. Sie wollen mitreden, wenn um Posten, Listenplätze und Inhalte gestritten wird. Doch was die offizielle Linie der AfD ist, entscheidet momentan vor allem einer: Bernd Lucke selbst. Im Alleingang veröffentlicht er Thesenpapiere (über den Islam), Benimmkataloge (für Parteigenossen) und Gesinnungsfragebögen (für neue Mitglieder). Die Parteimitglieder dürfen seinen Vorschlägen per E-Mail zustimmen oder sie ablehnen. Mitgestalten dürfen sie nicht.  "Schlimmer als in der SED", nennt das ein ostdeutscher Landeschef. Gerhard Nadolny, AfD-Mitglied aus Nordrhein-Westfalen, der im August aus der Partei ausgetreten war, bezeichnet Bernd Lucke als einen "autoritären AfD-Führer".

Als die AfD vor zehn Monaten gegründet wurde, wollte sie eine Partei der Mitbestimmung sein. "Das Volk soll den Willen der Parteien bestimmen, nicht umgekehrt", stand in ihrem Wahlprogramm. Heute hat sie rund 17.000 Mitglieder, 88.000 Facebook-Freunde und mehr als zwei Millionen Wähler. Aber im Grunde ist sie eine One-Man-Show. Die Show des Euro-kritischen Wirtschaftsprofessors Bernd Lucke. Und das ist gefährlich. Denn solange sich Lucke in den Vordergrund drängelt, sieht man nicht, wer im Hintergrund die Fäden zieht.

In den Ländern und Kommunen zum Beispiel, in denen die AfD gerade Dutzende Orts- und Bezirksverbände gründet. In zehn Bundesländern wird es 2014 Kommunalwahlen geben. Dann wird es nicht um Europapolitik gehen und auch nicht um Bernd Lucke. Dann wird es um Themen gehen, die vor der Haustür der Wähler liegen. Um die Ahmadiyya-Moschee in Leipzig zum Beispiel. Die Moschee soll demnächst im bürgerlichen Leipziger Stadtteil Gohlis gebaut werden. Moscheegegner haben eine Bürgerinitiative gegründet und auf dem Baugelände Schweineköpfe aufgespießt. Die Initiatoren bekommen nicht nur Zulauf von der NPD, sondern auch von Leuten wie Achim Solbach. Auf der Internetseite der Moscheegegner warnt er vor der "Flutung Europas mit orientalischen und negroiden Stämmen" und vor einer "Kulturvernichtung durch Kulturvermischung". Solbach ist Mitglied der AfD.

Bernd Lucke behauptet bis heute, die AfD sei keine rechtspopulistische Partei. Als Beweis dafür hatte er kurz nach der Bundestagswahl verkündet, Mitglieder der islamfeindlichen Partei Die Freiheit dürften nicht mehr in die AfD aufgenommen werden. In den Zeitungen stand, Bernd Lucke grenze sich damit klar ab gegen rechts. In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg aber sitzen ehemalige Mitglieder der Freiheit schon lange im Landesvorstand. Lucke tut etwas gegen schlechte Presse. Aber er tut nichts gegen die Rechtspopulisten in seiner Partei. Er weiß, dass er sie braucht. Er muss sie sich nur offiziell vom Leib halten, damit die AfD wählbar bleibt für das liberal-konservative Milieu, das Bernd Lucke vertritt. Der rechte Flügel der Partei könnte Lucke deshalb schon bald Probleme machen.

Monatelang hat sich Lucke für die AfD durch Talkshows gelächelt

Im November waren Landesvorstandsmitglieder aus Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern nach Brüssel gefahren. Sie trafen dort den britischen Rechtspopulisten Nigel Farage, um mit ihm über eine Zusammenarbeit im Europäischen Parlament zu sprechen. Bernd Lucke sagte daraufhin, das sei "nicht die offizielle Parteilinie". Stattdessen werde die AfD bei einem Einzug ins Europäische Parlament mit den britischen Konservativen zusammenarbeiten. Dafür wird Lucke in den eigenen Reihen bis heute angefeindet. Denn der Chef der Tories, David Cameron, hatte vor Kurzem die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei forciert – einem Land, das der islamkritische Flügel der AfD auf keinen Fall in der EU haben will.

Fragt man Lucke nach parteiinternen Machtkämpfen, gibt er sich gelassen. "Bei den großen Themen sind wir uns einig", sagt er. "Bei der europäischen Finanzpolitik zum Beispiel." Die Basis allerdings interessiert sich nicht nur für die Finanzen der Europäischen Union, sondern auch für die Finanzen der AfD.

Für ein Darlehen von 500.000 Euro zum Beispiel, das Bernd Lucke im Sommer von einem privaten Gönner angenommen hat – offenbar ohne die Partei zu informieren. Erst Ende Juli bat Lucke die Landesvorstände in einer E-Mail, dem Darlehen zuzustimmen, so wie es die Parteisatzung vorschreibt. Ein Auszug des Parteikontos zeigt aber, dass das Geld schon zwei Wochen vorher überwiesen worden war. Das Dokument liegt der ZEIT vor.

Schaden werden Lucke all die Querelen vermutlich nicht. Monatelang hat er sich für die AfD durch die Talkshows gelächelt und sich damit unentbehrlich gemacht. Er ist das Gesicht der Partei. Als er im Sommer auf die Wahlkampfbühnen stieg, jubelten die AfD-Anhänger länger als bei allen anderen. Die kommenden Wahlkämpfe sind ohne ihn schwer vorstellbar.