Meine Orks haben ein Problem: Sie sind zu emotional. "Ein Ork, der um seine Mutter trauert – das ist unglaubwürdig", sagt Michael Peinkofer. Er muss es wissen, schließlich ist er ein ausgewiesener Ork-Experte. Drei Bücher hat Peinkofer über die Kreaturen geschrieben, die der Autor der berühmten Herr der Ringe- Triologie, J. R. R. Tolkien, erfunden hat. Mit seinen Geschichten über die beiden Ork-Krieger Balbok und Rammar ist Peinkofer in den vergangenen Jahren zu einem der erfolgreichsten Fantasyautoren Deutschlands geworden. Gleich mehrere seiner Bücher sind Bestseller.

Das will ich auch schaffen. Deswegen habe ich mich für das Seminar "Zwerge, Orks und Co – Wie Sie einen großen Fantasyroman schreiben" angemeldet. In zwei Tagen werde ich bei Michael Peinkofer eine Schnellausbildung absolvieren. Das Genre erscheint mir vielversprechend.

Seit der Verfilmung von Herr der Ringe und dem Erfolg von Harry Potter verkaufen sich Fantasybücher hervorragend. Auf den Tischen in den Buchhandlungen türmen sich Geschichten von Vampiren, Zauberern und Elfen. Rund 166 Millionen Euro haben Buchhändler im vergangenen Jahr mit Fantasy und Science-Fiction umgesetzt, zeigen die Statistiken des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Die Romanreihe Das Lied von Eis und Feuer des britischen Schriftstellers George R. R. Martin und die darauf aufbauende Fernsehserie haben den Boom noch einmal kräftig angefacht.

Allein der Verlag Bastei Lübbe, der das Seminar anbietet, bringt pro Jahr rund 80 neue Fantasyromane auf den Markt. Bekannt geworden ist Bastei Lübbe vor allem durch Heftromane wie Jerry Cotton und John Sinclair. Im März hat der Verlag die Bastei Lübbe Academy gegründet, eine verlagseigene Autorenschule. Schriftsteller wie Michael Peinkofer sollen neue Autoren für den Verlag ausbilden und damit weitere Einnahmequellen erschließen. Knapp 400 Euro kostet das zweitägige Seminar am Verlagssitz in Köln und ist damit noch eines der günstigeren. Für vier Tage mit dem erfolgreichen Thriller-Autor Andreas Eschbach am Pembroke College in Oxford hätte ich rund 1.500 Euro bezahlen müssen.

Tipps vom erfahrenen Autor für 400 Euro

Dafür bekommt man aber nicht nur Tipps von einem erfahrenen Autor, sondern lernt auch, wie man sein Buch richtig verkauft. Neben Michael Peinkofer sitzt an den zwei Seminartagen die Lektorin Sabine Biskup, die sich bei Bastei Lübbe um Fantasyromane kümmert. Wenn ich mich anstrenge, habe ich am Ende des Kurses vielleicht einen Buchvertrag in der Tasche. Bei anderen hat das schließlich auch geklappt. Gerade hat eine ehemalige Seminarteilnehmerin den Erotikroman Fesseln der Freiheit veröffentlicht.

Ich bin also hoch motiviert und will endlich meine Orks, Zauberer und Zwerge aufeinander loslassen. Doch erst mal muss ich mir einen Titel und einen Klappentext für mein Werk ausdenken. Michael Peinkofer will so testen, ob meine Geschichte überhaupt das Zeug zum neuen Fantasybestseller hat. Ich lege los.

Die unheilige Allianz

Seit Jahrtausenden sind sie Erzfeinde. In den vier großen Bergkriegen kämpften Zauberer und Orks verbittert um die Vorherrschaft in Etruthien. Doch plötzlich erhebt sich eine neue Macht im Norden. Ein namenloses Böses, das seinen Schatten über das riesige Land wirft ...

"Starker Titel", lobt Peinkofer, und auch Lektorin Sabine Biskup findet den Stoff gut. Ich sehe mich schon Bücher signieren. Aber die Konkurrenz ist hart. Mit mir im Seminar sitzen Steuerberaterinnen, Lehrerinnen, Marketingexperten und ehemalige Fernsehredakteure – alle mit blühenden Fantasien. Meine Sitznachbarin legt ein aufsehenerregendes Kurzexposé vor: Twilight in München, aber mit Sex. Beim nächsten Teilnehmer spielt Gott Billard, lässt so zwei Parallelwelten kollidieren, in denen faule, sächsisch sprechende Drachen leben. Und bei der Autorin gegenüber muss ein Mönch in einer postapokalyptischen Welt gegen telepathische Raubtiere um die Liebe seines Lebens kämpfen. Dagegen wirkt meine Geschichte fast bieder. Aber Michael Peinkofer ermuntert mich weiterzumachen. Auch für die klassischen Fantasystoffe gebe es weiterhin einen Markt. "High Fantasy" nennt man dieses Marktsegment, das sich meistens eng an Tolkiens Herr der Ringe orientiert und in mittelalterlichen Zauberwelten spielt.

Wie man sich diese ausdenkt, darum geht es im nächsten Schritt. Die Welt sei einer der wichtigsten Bausteine für einen Fantasyroman. "Man muss seine Welt sorgfältig planen, denn man kann sie später nicht mehr verändern", erklärt Peinkofer. Fantasyleser sind sehr detailversessen und mögen es nicht, wenn plötzlich irgendwo ein Berg auftaucht, der vorher nicht da war.