Im Norden Pekings liegt der Stadtteil Zhongguancun, den chinesische Medien gerne das "chinesische Silicon Valley" nennen. Das klingt nach Verheißung, nach digitaler Zukunft und nach einem gewaltigen Markt.

Doch das kalifornische Silicon Valley steht noch für etwas anderes, für ein Ideal, das den chinesischen Machthabern als Bedrohung gilt: das der absoluten Informationsfreiheit.

China und Silicon Valley: Wie soll das zusammengehen?

An kaum einem Ort wird dieser Widerspruch so offenbar wie in dem mächtigen Glaskomplex, der sich mitten in Zhongguancun erhebt. Darin residiert Baidu, das größte Suchmaschinenunternehmen Chinas. 564 Millionen Chinesen nutzen das Internet, mehr als in jedem anderen Land auf der Welt, und Baidu beantwortet siebzig Prozent ihrer Suchanfragen.

Nun möchte der Gigant auch im Ausland Geschäfte machen. Doch bei diesem Vorhaben kämpft Baidu ob seiner Willfährigkeit im Umgang mit dem chinesischen Staat gegen einen zweifelhaften Ruf. Für viele Kritiker nämlich gilt das Unternehmen als Gehilfe der größten Internetzensurmaschinerie der Welt.

Jedes Internetunternehmen, das in China Geschäfte machen will, egal, ob ausländisch oder inländisch, hat den genauen Anweisungen des Regimes zu folgen – und sich damit an der Zensur zu beteiligen. Täglich, bisweilen stündlich geben staatliche Stellen Dekrete heraus, welche Begriffe zu sperren seien. Hunderttausende Zensoren durchforsten das Netz, suchen und löschen regimekritische Kommentare. Filtersoftware sperrt Seiten, manche sind nie aufrufbar, etwa jene tibetischer Exilgruppen, andere sind nur vorübergehend nicht zugänglich. Im Herbst erst ließen die Behörden Hunderte Blogger festnehmen, angeblich, um Gerüchte im Netz zu bekämpfen.

Baidus größer Konkurrent Google hat sich aufgrund dieser Umstände im Jahr 2010 aus China zurückgezogen. Seitdem ist Baidu unangefochtener Marktführer.

Wer arbeitet für so ein Unternehmen? Wer wird einen erwarten in der Zentrale: Erfüller der Wünsche des Regimes? Streiter für mehr Meinungsfreiheit? Oder findige Unternehmer, die sich mit politischen Fragen gar nicht erst aufhalten?

Baidus Direktor für Internationale Kommunikation ist Kaiser Kuo, eine Pekinger Institution, groß, stattlich, lange Haare und Heavy-Metal-Schmuck. Kuo, in Upstate New York geboren, war einst Mitglied der legendären Pekinger Rockband Tang Dynasty. Er betreibt einen Podcast, in dem er mit Gästen über Wirtschaft und Politik diskutiert. Er studierte sowjetischen Kommunismus in den USA, arbeitete in China als Technologiejournalist und fing im Juni 2010 bei Baidu an, kurz nachdem sich Google aus Festlandchina zurückgezogen hatte. "Danach bekam Baidu die Rolle des Bösen zugeschustert. Und ich hatte das Gefühl, es wurde missverstanden", sagt er. Seither erzählt Kaiser Kuo die Geschichte eines Unternehmens, das zwischen zwei Lebenswelten und Ideologien oszilliert, die unterschiedlicher nicht sein könnten: kalifornisches Silicon Valley und kommunistische Parteikonferenzen.

Zunächst war das Netz in China relativ frei – bis der Staat seine Macht erkannte

Die Unternehmensgründer Robin Li und Eric Xu studierten in den USA. Li entwickelte dort eine Suchmaschinensoftware, die er patentieren ließ. Xu drehte eine Dokumentation über den Unternehmergeist im Silicon Valley, wobei er Kontakte knüpfte. Nachdem ihn die Kommunistische Partei 1999 zur 50-Jahresfeier der Volksrepublik eingeladen hatte – was Politiker und Behörden damals zu ihm sagten, ist nicht überliefert –, entschloss Li sich, Baidu zu gründen, weil er das riesige Potenzial des chinesischen Marktes erkannte.

Es liegt nahe, dass die Politik die Gründung einer Suchmaschine unter der Hoheitsgewalt des chinesischen Staates zu dieser Zeit aus Eigeninteresse unterstützte. Bis zu diesem Zeitpunkt war das chinesische Netz relativ frei, chinesische Nutzer konnten auf taiwanesischen, amerikanischen oder Hongkonger Blogs diskutieren. Dann aber organisierte die Sekte Falun Gong eine Demonstration mitten auf dem Pekinger Tiananmen-Platz – ohne dass die Sicherheitsbehörden das Geringste davon mitbekamen. Erst Busfahrer hatten sie darauf aufmerksam gemacht, dass am Tiananmen-Platz besonders viele Menschen ausstiegen. Die Sektenanhänger hatten sich im Netz verabredet. Nach der Demonstration rüstete die Regierung den Zensurapparat auf.

Ein eigener Internetkosmos in China

Amerikanischen Internetunternehmen misstraut die Regierung zutiefst, Dienste wie Facebook und Twitter sind in China seit 2009 gesperrt. An ihre Stelle trat etwa der chinesische Twitterklon Sina Weibo. Die Strategie der chinesischen Regierung: Die Internetdienste, die es im Westen gibt, stellt sie auch in China bereit – nur in anderer Form, zugeschnitten auf chinesische Nutzer, vor allem aber für die Regierung kontrollierbar. In China ist so ein ganz eigener Internetkosmos entstanden.

Wie all die anderen Dienste in diesem Kosmos muss auch Baidu sich mit der Zensur arrangieren, Websites sperren, Suchbegriffe außer Kraft setzen, Nutzerdaten weitergeben. Gründer Robin Li sitzt zudem in der politischen Konsultativkonferenz, die Kommunistische Partei holt sich dort Vorschläge und Meinungen von Nichtparteianhängern ein.

Andererseits aber durchweht Baidu auch kalifornischer Geist. Als sie das Unternehmen gründeten, erhielten Li und Xu vor allem Startkapital von Investoren an der amerikanischen Westküste, unter anderem von Google. Und wie in jedem kalifornischen Internetunternehmen, das etwas auf sich hält, gibt es auch hier einen Schlafkubus und einen Massagesaal, einen Raum für stillende Mütter, einen Dachgarten im Zenstil, Basketballkörbe, Yoga-Angebote und firmeneigene Rockbands. Man wolle, sagt Kommunikationsdirektor Kuo, den 20 000 Mitarbeitern so viel Freiraum wie möglich gewähren. "Wir wollen Menschen, die dazu bereit sind, herausgefordert zu werden, und die bereit sind, Autoritäten herauszufordern. Chinesen sind normalerweise nicht so." Kuo hat auch Zahlen und Fakten, die das belegen sollen: Der durchschnittliche Baidu-Mitarbeiter ist zwischen 25 und 28 Jahre alt, die meisten kommen vom Festland, viele haben im Ausland studiert, einige sind aus Singapur, Hongkong, den USA und Irland. Nicht wenige haben früher bei Google China gearbeitet.

Das klingt erst einmal nach Image-Politur, als wolle sich ein staatshöriges Unternehmen liberal und kalifornisch geben. Tatsächlich aber ist das Verhältnis zwischen Regierung und chinesischen Internetunternehmen sehr viel komplexer als das zwischen Machthaber und willfährigem Erfüller.

Die Politik will Kontrolle, die Unternehmen wollen das Geschäft. Zensur ist teuer, die Firmen müssen Mitarbeiter abstellen, um Webseiten zu sperren und Suchanfragen zu vereiteln.

Zudem ist vollkommene Kontrolle nicht möglich. Trotz des größten Zensurapparates der Welt hat sich in China in den vergangenen Jahren eine lebhafte öffentliche Debatte entwickelt, vor allem seit es Sina Weibo und Weixin gibt. Die Kurznachrichtendienste für das Handy haben das Verhältnis von Volk und Regierung von Grund auf verändert. Korruption, Sexaffären und Machtmissbrauch, das Netz macht es publik.

Öffentlichkeit, Debatte, Kommunikation, das ist das Geschäft der Internetunternehmen. Der Nutzer will schreiben, posten, diskutieren, lesen, er will sich im Netz ausleben, das ist in China nicht anders als anderswo. Wird die Zensur zu streng, verliert er das Interesse, und das kann den Unternehmen nur schaden. "Wir stehen daher eindeutig auf der Seite des Fortschritts, der Offenheit", sagt Kuo. "Natürlich hätten wir lieber keine Zensur."

Das Netz mag der Regierung bisweilen schaden, tatsächlich nutzt es ihr aber auch. Es schafft nicht nur Wirtschaftswachstum, sondern es erleichtert das Regieren: Es verschafft der Regierung auch Einblicke in die Wünsche, Bedürfnisse und Sorgen der Bevölkerung – die sie dringend braucht in einer Welt ohne öffentliche Wahlen. Es ist eine Art Frühwarnsystem, das es der Regierung ermöglicht, Unzufriedenheit und Wut aufzufangen, bevor die sich in Volksbewegungen kanalisieren.

"Oft werde ich im Ausland gefragt, wer die chinesischen Internetnutzer eigentlich seien", sagt Kuo. Sind das latente Demokraten? Nationalisten? Leute, die in erster Linie Computerspiele spielen und süße Katzenvideos anschauen wollen? "Meist", sagt Kuo, "sind sie alles zugleich."

Baidu will all diese Menschen bedienen mit allen erdenklichen Dienstleistungen, die über die Angebote einer Suchmaschine weit hinausweisen. Auf Baidu kann man Videos schauen, sich kostenfrei Lieder anhören, für deren Produktion das Unternehmen die Studios bezahlt hat. Man kann seine Daten speichern, Spiele spielen, Fotos verwalten, Auszüge aus Büchern lesen, anderen Nutzern in Foren Fragen stellen. Es gibt eine Art Wikipedia, einen Kartendienst, einen Nachrichten- und Übersetzerdienst und vieles mehr.

Baidu will nun ins Ausland – vor allem Entwicklungsländer sind interessant

Baidu arbeitet mit 140 000 Entwicklern zusammen. Viele andere Unternehmen bieten ihre Dienste direkt in der Suchmaschine an. Wer etwa "Peking-Shanghai" eingibt, kann auf der Baidu-Plattform ein Ticket für den Schnellzug buchen und muss dafür nicht wie bei Google auf eine andere Website. Einige Dienstleistungen zielen direkt auf die Bedürfnisse des chinesischen Marktes. Menschen, die nicht schreiben können, sprechen ihre Suchaufträge etwa in eine Art Spracherkennungssystem. Und als der Soziologe Yu Jianrong ein Blog startete, in dem Passanten die Fotos von bettelnden Straßenkindern posten konnten – oft handelt es sich dabei um Kinder, die ihren Eltern gestohlen und dann verschleppt wurden –, startete Baidu einen Gesichtserkennungsdienst. Im Gegensatz zu Europa sei die Aufregung darum nicht sehr groß, sagt Kuo. Chinesische Nutzer sind bei Privatsphärefragen offenbar nicht sehr sensibel, was nicht verwundert in einem Überwachungsstaat.

Es gibt auch Vorwürfe gegen Baidus Suchmaschine, etwa, dass sich Unternehmen gute Platzierungen bei Suchergebnislisten kaufen könnten, was Kuo bestreitet. Auch Baidus Umgang mit Nutzerprofilen steht in der Kritik. "Wir schauen uns die Suchergebnisse an, doch wir speichern sie nicht alle. Wir löschen sie regelmäßig, doch wir sagen nicht, in welchem Umfang", sagt Kuo. Im Gegensatz zu westlichen Industrieländern könne man in China ohnehin nicht sehr präzise Nutzerprofile erstellen, da anders als im Westen, in Japan oder Südkorea, noch lange nicht jeder Nutzer einen Computer habe. Gerade auf dem Land teilen sich viele einen Familiencomputer oder gehen ins Internetcafé.

Die Zukunft sieht Baidu vor allem auf dem Mobilmarkt, denn ein immer größer werdender Teil der Nutzer geht mit dem Handy online. Das gilt vor allem für die Wanderarbeiter, die keinen Computer, aber ein Smartphone besitzen, das billigste kostet in China etwa 60 Euro. Darüber hinaus plant Baidu die Auslandsexpansion. In Japan betreibt es schon seit Längerem eine Suchmaschine. Jetzt möchte das Unternehmen sich auf Länder konzentrieren, die China in ihrem Entwicklungsstatus ein wenig ähneln: Vietnam, Thailand, Ägypten, Brasilien. "Wir sind sehr gut darin, Produkte für Entwicklungsländer anzubieten. Für Menschen, die nicht richtig schreiben können, etwa", so Kuo. Das Besondere des chinesischen Marktes sei, dass er aus unterschiedlich entwickelten Gegenden bestehe: "In den Großstädten des Ostens, in Peking und Shanghai etwa, haben wir den Fuß in der entwickelten Welt. Und dann gibt es die nicht so entwickelte Welt im Westen des Landes und in den ländlichen Gebieten." Mit dieser Erfahrung könnte Baidu in anderen Entwicklungsländern punkten, glaubt Kuo.

Wie aber will Baidu sich im Ausland verkaufen als Internetunternehmen, das aus dem Land mit der schärfsten Zensur weltweit kommt? "Unser Image ist nicht schlecht", glaubt Kuo, "außer in den USA." Dort haben etwa im Jahr 2011 acht Demokratieaktivisten, Schriftsteller und Videoanbieter Baidu verklagt, weil ihre Internetseiten auf der Suchmaschine zensiert wurden. Im März dieses Jahres wurde das Verfahren eingestellt, auch weil Peking klagte, durch das Verfahren werde die Souveränität Chinas verletzt. In jedem Land werde Baidu die dort geltenden Gesetze respektieren, sagt Kuo, auch wenn es in Vietnam gerade tatsächlich Schwierigkeiten gebe, weil das Verhältnis beider Länder so angespannt sei. "Mit der Marke China müssen wir leben", sagt Kuo.