DIE ZEIT: Herr Kardinal, ist Ihnen Barmherzigkeit schon einmal schwergefallen?

Walter Kasper: Natürlich. Es gibt ja immer wieder Menschen, die einem nicht so sympathisch sind, dann muss man sich anstrengen, nachgiebig und gütig zu sein. Das ist von allen Werken der Barmherzigkeit das schwierigste: die "Unangenehmen" zu ertragen.

ZEIT: Das Wort Barmherzigkeit ist jetzt in aller Munde, weil der neue Papst es so oft predigt. Manche glauben, es bedeute Mitleid mit den Armen.

Kasper: Es bedeutet auf jeden Fall mehr als reines Mitleid. Wir sollen nicht kalt sein gegenüber anderen Menschen. Aber zur Barmherzigkeit gehört ein aktives Element: dass man sich für etwas einsetzt. Die Gerechtigkeit ist das Minimalmaß, wie man sich verhalten muss gegenüber anderen. Die Barmherzigkeit ist das Maximum.

ZEIT: Während der Finanzkrise gab es in Deutschland einen Streit darüber, ob es besser sei, barmherzig oder gerecht zu sein. Da haben wir so getan, als sei Gerechtigkeit die Maximalforderung.

Kasper: Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit gibt es nicht. Aber Barmherzigkeit geht über Gerechtigkeit hinaus, indem sie auf die Person schaut und ihr immer wieder eine Chance gibt. Das ist entscheidend. Gott verdammt den umkehrwilligen Menschen nicht, auch nicht, wenn er große Fehler begeht.

ZEIT: Warum prangert der Papst die Ungerechtigkeit mit so harten Worten an?

Kasper: Er sieht, dass in unserer Wirtschaftsordnung etwas nicht stimmt. Er sagt nicht, alle sollen gleich viel haben, aber alle sollen genug zum Leben haben. Ich finde, er erhebt zu Recht seine Stimme.

ZEIT: Es gibt nach christlichem Verständnis sieben leibliche und sieben geistige Werke der Barmherzigkeit. Dazu gehört unter anderem, die Hungrigen zu speisen, die Fremden aufzunehmen, die Betrübten zu trösten, die Lästigen geduldig zu ertragen. Warum denken wir heute bei Barmherzigkeit vor allem an das Verteilen von Almosen?

Kasper: Weil das am einfachsten ist. Geld in den Klingelbeutel hineinzutun ist besser, als nichts zu tun, aber die Barmherzigkeit schaut dem anderen auch ins Auge. Wenn ich hier in Rom vor meine Haustür trete, sehe ich viele Bettler. Ich kann ihnen nicht endgültig helfen, aber muss außer einem Almosen auch ein gutes Wort geben. Der Papst sagt: nicht bloß geben, auch berühren.

ZEIT: Kann man das lernen?

Kasper: Ein bisschen Lebenserfahrung hilft sicher. Mir fällt es heute leichter als früher, einen armen oder sehr kranken Menschen immer wieder neu anzuhören. Barmherzigkeit bedeutet Geduld haben. Ich selber bin relativ ungeduldig und musste erst lernen, anderen Zeit zu geben, nicht immer gleich alles zu fordern. Mit zunehmendem Alter muss man auch mit sich selber barmherzig sein.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Kasper: Man fällt ja stets in seine Fehler zurück, man ist unzufrieden mit dem, was man fertigbringt. Da soll man sich nicht überfordern.

ZEIT: Also Nachsicht üben?

Kasper: Ja, aber das genügt nicht. Man muss schon etwas ändern wollen in der Welt. Es gibt übrigens auch eine falsche Barmherzigkeit, wenn man sich etwa scheut, einen anderen darauf aufmerksam zu machen, dass er falsch handelt.

ZEIT: Haben Sie Vorbilder der Barmherzigkeit?

Kasper: In meiner Kindheit, während des Krieges, mussten wir hamstern gehen beim Bauern, und da kam ich als katholisches Kind zu der pietistischen Bäuerin im Nachbardorf. Sie gab mir Mehl, Milch, Butter und Eier. Da merkte ich zum ersten Mal: Ach Mensch, die Evangelischen sind gar nicht so böse! Das war mein erstes ökumenisches Erlebnis.

ZEIT: Welche Barmherzigen fallen Ihnen noch ein?

Kasper: Mutter Teresa natürlich, aber auch viele unbekannte hilfreiche Frauen, denen ich in den Slums von Afrika und Lateinamerika begegnet bin. Außerdem denke ich an Nelson Mandela. Obwohl er so lange im Gefängnis saß, predigte er keinen Hass, sondern Versöhnung. Wir brauchen mehr solche Menschen, die verzeihen können.

ZEIT: Ist die Barmherzigkeit nun etwas Christliches oder etwas Universelles?

Kasper: Sie ist ein Spezifikum des Christlichen, aber Ansätze dafür gibt es praktisch in allen Kulturen. Die goldene Regel lautet, dass man dem anderen nichts antun soll, was man selber nicht will, dass es einem angetan wird. Sie ist ein Grundstein auch der neuzeitlichen Menschenrechte.

ZEIT: Das Christentum hat das Gebot der Nächstenliebe. Die Aufklärung hat Kants kategorischen Imperativ: Handle so, dass die Maxime deines Handelns zum allgemeinen Gesetz erhoben werden kann.

Kasper: Da will ich unterscheiden. Nächstenliebe hat eine emotionale Dimension, die bei Kant fehlt.

ZEIT: Also Moral ohne Liebe?

Kasper: Ja. Schon Friedrich Schiller hat gespottet, wenn man etwas aus Liebe tut, also gern tut, dann ist es schon nicht mehr ethisch. Im kategorischen Imperativ liegt eine gewisse Kälte, während bei der Nächstenliebe das Herz beteiligt ist.

ZEIT: Der Papst hat den Kapitalismus scharf kritisiert. Manche fürchten, er sei ein Kommunist.

Kasper: Das ist Unsinn. Trotzdem kann Gerechtigkeit nicht beliebig sein. Sie ist Grundlage gesellschaftlichen Zusammenlebens, und dass sie eingehalten wird, dafür muss der Staat sorgen, da hat er eine Rechtspflicht. Die gilt auch im Christentum. Der Gedanke aber, dass man freiwillig hilft, macht die Welt erst schön und angenehm. Man gibt aus Freude. Man gibt über Gebühr. Nicht nur Geld, auch Liebenswürdigkeit. Das fehlt in einer Gesellschaft, die nur nach Gerechtigkeit trachtet.