Am Tag vor seinem Tod nimmt Gabriel Echeverría seine Mutter in den Arm und sagt, was er immer sagt, wenn er geht: "Bis bald, Mama. Wenn wir uns in diesem Leben nicht mehr sehen, dann im nächsten."

24 Stunden später steht Echeverría, 20, auf der Autobahn, die Mexiko-Stadt mit dem Pazifik verbindet. Es ist der 12. Dezember 2011, Feiertag in Mexiko, die Menschen wollen ans Meer. Echeverría steht ihnen im Weg. Er ist einer von rund 300 jungen Mexikanern, die die Straßen blockieren und Transparente in die Luft halten. Sie sind Studenten einer Hochschule, an der Bauernkinder zu Lehrern ausgebildet werden. Später sollen sie einmal die nächste Generation alphabetisieren und ihr Chancengleichheit bringen. Jetzt demonstrieren sie für mehr Bücher, mehr Studienplätze, mehr Bildung.

Es dauert nur Minuten, bis die Sirenen kreischen. Polizisten springen von Pick-ups, sie tragen kugelsichere Westen, Helme und Schnellfeuergewehre. Tränengasgranaten zischen durch die Luft.

Die Studenten rennen durcheinander, husten. Echeverría wickelt sich einen Pullover um den Kopf, gegen das Gas. "Wir wollen doch nur mit euch reden!", schreit er zu den Polizisten hinüber.

Die Polizisten feuern Schüsse in die Luft. Studenten werfen Stöcke und Steine. Am Straßenrand geht eine Tankstelle in Flammen auf.

Echeverría hält keinen Stein in der Hand und keinen Stock. Er läuft auf die Polizisten zu, fünf, sechs Schritte, Schüsse fallen, Schreie gellen, Echeverría läuft weiter, dann trifft ihn ein Projektil in den Hals. Mit dem Gesicht nach unten bleibt er liegen.

Eine halbe Stunde später melden die Nachrichtenagenturen: 3 Tote, 14 Verletzte, 24 Verhaftete.

Heute, genau zwei Jahre später, lassen sich die Vorfälle jenes Tages mithilfe von Videoaufnahmen, Polizeiakten und Zeugenaussagen rekonstruieren. Sichtet man dieses teilweise unveröffentlichte Material, entsteht eine Verbindung zwischen dem Polizeieinsatz, bei dem der junge Mexikaner Gabriel Echeverría starb, und einem deutschen Unternehmen aus Oberndorf am Neckar.

Deutsche Waffenexporte - "Waffenkontrolle findet nur auf dem Papier statt" Das Schnellfeuergewehr G36 ist eine hochmoderne und profitable Waffe. Hersteller Heckler & Koch darf es nur mit Genehmigung der Regierung ins Ausland verkaufen. Trotzdem taucht es immer wieder in Krisengebieten auf.

In der Nähe von Echeverrías Leiche fanden sich Patronenhülsen des Kalibers 5,56 mal 45 Millimeter, die übliche Gewehrmunition bei den Armeen der Nato-Staaten. Der ZEIT liegen Personalakten von Polizisten vor, die an jenem 12. Dezember 2011 im Einsatz waren. Oben auf den Seiten stehen ihre Namen, Geburtsdaten und Dienstränge, unten ist ihre Bewaffnung aufgeführt. Dort steht: G36.

Das G36 ist die Standardwaffe der Bundeswehr. Militärisch gesprochen, ist es ein Schnellfeuergewehr. Es besteht zu einem großen Teil aus Kunststoff und wiegt nur 3,6 Kilo. Es ist leicht, handlich und kann pro Sekunde zwölf Kugeln abschießen.

Ökonomisch gesehen, ist das G36 das Qualitätsprodukt eines deutschen Mittelständlers, von Fachleuten weltweit bewundert, ähnlich wie Kettensägen von Stihl und Kopfhörer von Sennheiser. Mit dem G36 schießen nicht nur Bundeswehrsoldaten, sondern auch Armee- und Polizeieinheiten der USA, Großbritanniens, Norwegens, Spaniens, Australiens, Portugals und Frankreichs.

Das G36 wird gebaut von der Firma Heckler & Koch in Oberndorf. Auf deren Internetseite heißt es, das Gewehr sei "optimal in der Handhabung, im Gewicht und der Feuerdichte im Nahkampf".

Wie gelangte es nach Mexiko?

Anders als die Hersteller von Kettensägen und Kopfhörern dürfen deutsche Rüstungsunternehmen ihre Produkte nicht ohne Genehmigung der Bundesregierung ins Ausland verkaufen. Besteht der Verdacht, dass die Waffen in Krisengebieten landen oder "zu fortdauernden und systematischen Menschenrechtsverletzungen missbraucht werden", ist die Ausfuhrgenehmigung grundsätzlich zu verweigern. So steht es in den "Politischen Grundsätzen der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern".

Im Jahr 2002 begann Heckler & Koch in Mexiko für seine Produkte zu werben. Der Staat steckte im Krieg gegen die Drogenmafia und wollte Tausende Gewehre kaufen. 2005 wurde ein erster Vertrag zwischen Heckler & Koch und der mexikanischen Regierung geschlossen, berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter des Unternehmens, der heute in den USA lebt. Vorher hatte Heckler & Koch beim Bundeswirtschaftsministerium die Erlaubnis für den Export von G36-Gewehren nach Mexiko beantragt.

Die Bundesregierung stimmte zu, erteilte dem Unternehmen aber eine Auflage: Die Gewehre dürften nicht an Polizeieinheiten aus den mexikanischen Bundesstaaten Chiapas, Chihuahua, Jalisco und Guerrero abgegeben werden. Bürgerrechtler berichten seit Jahren von korrupten Polizisten dort, von willkürlichen Inhaftierungen, Folter und Tötungen.

Das mexikanische Verteidigungsministerium gibt zu, dass heute knapp die Hälfte der rund 10 000 importierten Gewehre in genau diesen vier Krisenprovinzen im Einsatz sind. Die Autobahn, auf der Gabriel Echeverría starb, liegt in Guerrero.