Die Bundesregierung kommentierte die Rüstungsgeschäfte mit den Saudis mit dem Satz: "Das Königreich Saudi-Arabien ist für Deutschland ein wichtiger Partner, politisch wie wirtschaftlich sowie bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus. Saudi-Arabien nimmt eine zentrale Rolle bei der Lösung regionaler Konflikte ein." Und Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte vor zwei Jahren in einer Grundsatzrede vor Sicherheitsexperten: "Wir müssen die Staaten, die bereit sind, sich zu engagieren, auch dazu befähigen. Ich sage ausdrücklich: Das schließt auch den Export von Waffen mit ein – dies selbstverständlich nur nach klaren und weithin anerkannten Prinzipien."

Als Ausdruck dieser Prinzipien hat die Regierung auch das Geschäft mit Saudi-Arabien mit einer Auflage versehen. Die Saudis bekommen die Lizenz zum Nachbau des G36 nur, wenn sie sich verpflichten, die Gewehre nicht in andere Länder zu exportieren. Das war die Bedingung.

Die Saudis stimmten zu – bieten die Gewehre jetzt aber auf internationalen Waffenmessen an. Bis vor Kurzem wurde das G36 auch auf der MIC-Internetseite präsentiert. Unter einem Bild des Gewehrs stand der Hinweis, dass dem Kunden jeweils neun Gewehre in einer Holzkiste geliefert würden, jedes verpackt in einem eigenen Karton. Nach Medienberichten in Deutschland verschwand die Seite aus dem Netz.

Offiziell kann die Bundesrepublik dem Kunden Saudi-Arabien die Lizenz zum Nachbau des G36 jederzeit wieder entziehen. Die Saudis können das Gewehr dann nicht mehr bauen, auch nicht illegal, weil sie weiterhin spezielle Ersatzteile aus Deutschland brauchen. Das ist die offizielle Position der Bundesregierung und von Heckler & Koch.

Ein ehemaliger hochrangiger Manager des Unternehmens aber sagt gegenüber der ZEIT: "Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Saudi-Arabien für die Produktion des G36 unbedingt deutsche Teile braucht." Die Fabrik sei ja errichtet, die Maschinen seien justiert, die Ingenieure und Arbeiter eingewiesen, die Saudis könnten alles selbst produzieren.

Heckler & Koch und die Bundesregierung haben demnach keinen Einfluss mehr auf die Produktion des G36 in Saudi-Arabien. Die Gewehre laufen vom Band, solange die Saudis das wollen. Deutschland hat keine Kontrolle mehr über die Produktion deutscher Gewehre.

Es ist, als ob sich die Geschichte wiederholt.

Der Vorgänger des G36 war das G3. Es ist fast anderthalb Kilo schwerer als das G36 und feuert zehn Schuss pro Sekunde ab, nicht zwölf. Als es Ende der Fünfziger auf den Markt kam, war es eines der besten und modernsten Gewehre der Welt, entwickelt und produziert von Heckler & Koch.

Heute gibt es mindestens sieben Millionen G3-Gewehre auf der Welt. Obwohl Heckler & Koch die Waffe seit Jahren nicht mehr baut, kommen jeden Tag neue dazu, zusammengeschraubt in Pakistan, dem Iran und anderen Staaten.

Anders als das G36 hatte Heckler & Koch das G3 speziell für die neu entstandene Bundeswehr entwickelt, finanziert vom Verteidigungsministerium. Deshalb liegen die Lizenzrechte für das G3 bei der Bundesrepublik Deutschland.

Zwischen 1961 und 1981 verkaufte und verschenkte die wechselweise von Union und SPD geführte Bundesregierung die Lizenzen zur Produktion des G3 an mehr als ein Dutzend Länder, zur Stärkung echter oder vermeintlicher Verbündeter.

Eine der ersten Lizenzen erwarb Anfang der sechziger Jahre der damalige portugiesische Diktator António de Oliveira Salazar, der dann Tausende G3-Gewehre an das südafrikanische Apartheidregime weiterverkaufte. Später erhielt der Schah von Persien die Lizenz, der als Partner des Westens galt, ähnlich wie heute der saudische König Abdullah. Nach dem Sturz des Schahs errichtete der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini einen neuen Staat, die Gewehre ließ er weiter produzieren – und verkaufte sie an verbündete Staaten und Terrororganisationen. Noch heute laufen die G3-Gewehre im Iran vom Fließband.

Auch Pakistan (1963), die Türkei (1967), Saudi-Arabien (1969), Thailand (1971), Brasilien (1976), Griechenland (1977), Mexiko (1979) und Myanmar (1981) erhielten Lizenzen. Mit der Folge, dass das G3 nach dem russischen AK-47, der Kalaschnikow, das am weitesten verbreitete Gewehr der Welt ist.

Mit dem G3 feuerten türkische Truppen auf kurdische Zivilisten, Hisbollah-Kämpfer auf die israelische Armee und Iraner auf Iraker. Mit dem G3 schießen auch syrische Rebellen, somalische Piraten und afghanische Taliban. Manchmal treffen sie deutsche Soldaten.

In den vergangenen 50 Jahren gab es wenige Kriege auf der Welt, in denen dieses Gewehr nicht im Einsatz war. Militärisch gesprochen, ist auch das G3 ein Schnellfeuergewehr. Ökonomisch gesehen, ist es eines der erfolgreichsten Produkte, die die Bundesrepublik Deutschland hervorgebracht hat.

Es gibt einen Mann, der mit Hunderten von Menschen in Afrika und der Türkei gesprochen hat, die das G3 verwundet, verstümmelt, zu Waisen gemacht hat. Er heißt Jürgen Grässlin, ist 56 Jahre alt und Realschullehrer in Freiburg im Breisgau.

Grässlin unterrichtet Deutsch, Erdkunde und Kunst. Daneben hat er noch einen zweiten Beruf. Grässlin ist Rüstungsgegner.

Seit drei Jahrzehnten arbeitet er daran, die Republik von den Waffen abzubringen. Grässlin verteilt Flugblätter vor der Zentrale von Heckler & Koch und vor so ziemlich jeder anderen Militärfabrik in Deutschland. Er hält Reden auf den Hauptversammlungen von Rüstungskonzernen, bis ihm die Veranstalter das Wort entziehen. Beim Frühstück liest er Waffen- und Söldnermagazine, weil dort oft zuerst steht, welches neue Gewehr, welche Granate in welchem Land im Einsatz ist. Grässlin ist Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – und damit so etwas wie Deutschlands oberster Pazifist.

Grässlin war es, der wegen des Mexiko-Geschäfts Strafanzeige gegen Heckler & Koch erstattet hat, durch ihn kamen die Dinge ins Rollen. Sollte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellen, will er auch gegen die Beamten vorgehen, wegen Strafvereitelung im Amt.

Jetzt sitzt er zwischen Yucca-Palme und Altar im Evangelischen Gemeindezentrum im mecklenburgischen Bad Kleinen, um sein neues Buch vorzustellen. Es heißt Schwarzbuch Waffenhandel und beschreibt auf 624 Seiten die Geschäfte deutscher Rüstungsunternehmen.

Zu Hause in Baden-Württemberg sind gerade Herbstferien. Grässlin ist auf Lesereise. Doch Bad Kleinen ist nicht groß, nur 15 Zuhörer sind gekommen, die meisten haben graue Haare.

Am Anfang seines Buches zeigt Grässlin das Foto eines apathisch blickenden Mannes mit einer Delle im Kopf. Darunter steht: "Mohamed Jama aus Berbera (Nordsomaliland) erhielt bei einem mit G3-Gewehren verübten Massaker einen Kopfschuss. Er wird zeitlebens geistig behindert sein."