Edmond de Goncourt (1875) © Hulton Archive

Selten ist ein verlegerisches Großprojekt so unauffällig, ja nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit ins Werk gesetzt worden. Gab es ein Getuschel in literarischen Hinterzimmern, das wir vielleicht überhört haben, ein nervöses Gezischel, einen langsam sich beschleunigenden Herzschlag unter Liebhabern und fiebernden Kennern? Neun Jahre lang haben erst zwei, dann drei Übersetzerinnen daran gearbeitet, Subskribenten mussten geworben, Finanzmittel in beträchtlicher Höhe bewegt worden sein, schwierige und schwierigste editorische Fragen gelöst werden. Der Gegenstand der gewaltigen Anstrengung war keine entlegene Trouvaille, die man so oder so oder auch nur mittelmäßig hätte präsentieren können.

Es war und ist und liegt jetzt zum ersten Mal vollständig auf siebentausend Seiten in Deutsch vor: das berühmteste Zeugnis literarischen Lebens überhaupt. Jeder kennt es, jeder nennt es, auch wenn er es niemals gelesen hat, ständig wird es zitiert, auch wenn meist aus zweiter oder dritter Hand. Über die Giganten des 19. Jahrhunderts, über Flaubert und Zola, Baudelaire und Turgenjew und Maupassant, wüsste man deutlich weniger ohne dieses Werk – über manche sogar fast nichts und über andere jedenfalls das Saftigste, das Schrillste und Deutlichste nicht.

Die Tagebücher der Gebrüder Goncourt, die über vierzig Jahre, über die gesamte zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinweg fast täglich geführt wurden, sind ein gewaltiges Kompendium des kostbarsten Klatsches – aber nicht des Klatsches vom Hörensagen, sondern des Selbstgehörten, Selbstgesehenen, das noch am Abend oder im Morgengrauen nach einem Besäufnis oder Diner niedergeschrieben und analysiert wurde. Vom Twittern unserer Tage unterschied sich das Verfahren der Brüder nur durch die Länge und Intelligenz ihrer Einträge – und durch die Karenzphase bis zur Veröffentlichung. Vierzig Jahre lang wussten die Betroffenen und Bespitzelten, die gnadenlos Sezierten und psychologisch Durchleuchteten nichts oder ahnten höchstens vage von der Existenz der Lauschprotokolle. Vierzig Jahre lang wurden die unzertrennlichen und unverheirateten Brüder überall eingeladen, als Schriftsteller (die sie nebenbei auch waren) von Schriftstellern, als Lebemänner von Lebemännern, als elegante Herren von der Prinzessin Mathilde, einer Cousine Napoleons III., bei der sich alle trafen, die Lebemänner wie die Schriftsteller, in jener charakteristischen Demimonde des Zweiten Kaiserreichs, die Boheme und Adel zusammenführte. Vierzig Jahre lang gestand und erzählte man den Goncourts alles.

Aber als die Bombe platzte – als 1886, vierzehn Jahre nach dem Tod des jämmerlich an Syphilis verreckten Jules, die ersten Auszüge im Figaro erschienen, als in Folge bis 1896, bis kurz vor dem Tode von Edmond, acht Bände aus den Tagebüchern gedruckt wurden –, war die Aufregung unbeschreiblich. Es dämpfte die Empörung nicht, dass die Einträge gekürzt und gesäubert waren von Bosheiten und allzu verfänglichen Enthüllungen. Denn es war nun einmal so und ließ sich nicht ändern, dass die Zeitgenossen lesen mussten, was sie vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren so alles gesagt und gedacht hatten, aber für vergessen hielten, unpatriotische Begeisterung für die Deutschen im Krieg, monarchistische Bekenntnisse in der Republik, republikanische Bekenntnisse in der Monarchie, ganz zu schweigen von Kollegenhass, Kollegenschelte, lockeren erotischen Reden und stolz bekannten Lastern. Manche Künstler ärgerten sich auch schon, dass man den Wandel ihrer ästhetischen Position verfolgen konnte oder beobachten, was sie, eingestandenermaßen, von anderen übernommen hatten. Zola beispielsweise hatte mehrfach zugegeben, sein naturalistisches Konzept den Brüdern Goncourt zu verdanken, insbesondere deren Dienstmädchenroman Germinie Lecarteux (1865).

Vielleicht hat es eine eigentümlich aktuelle Logik, dass die Gesamtübersetzung der unzensierten Tagebücher (bisher gab es nur karge Auszüge auf Deutsch, oft auch nur nach dem zensierten Text) erst heute erscheint. Vielleicht verstehen wir erst im Zeitalter des Internets, das nichts vergisst und jede unbedachte Äußerung für ewig bewahrt, die Aufregung der Zeitgenossen Goncourts. Auch sie mussten schreckhaft erkennen, dass die beiläufigste, privateste, oft im Übermut des alkoholisierten Gesprächs gemachte und niemals für die Öffentlichkeit gedachte Bemerkung nun auf einmal und für immer der Nachwelt erhalten bleiben würde. Für manche über Jahrzehnte begleitete Freunde erzeugte das Tagebuch genau jene Timeline des Lebens und Denkens, wie sie von Facebook aus den unklug selbst geposteten Bekenntnissen des Users produziert wird. Im Falle der Goncourts wussten die Teilnehmer ihrer Gesprächskreise jedoch keineswegs, dass sie gerade dabei waren, etwas für die Ewigkeit zu posten. Andernfalls hätte sich Alphonse Daudet gewiss eher auf die Zunge gebissen, als einen Ausspruch Rimbauds zu kolportieren, den dieser "lautstark mitten im Café äußerte und (dabei) folgendes über Verlaine sagte: Daß er sich an mir befriedigt, schön! Aber will er nicht auch, daß ich mich über ihn hermache? Nein, nein, er ist wirklich zu schmutzig und hat eine zu abstoßende Haut!"