Wer war widerständig oder hat Widerstand geleistet im "Dritten Reich"? Da fallen schnell die bekannten Namen von Männern – Frauen hingegen kommen meist als unterstützende Ehefrauen vor. Dabei gab es sie natürlich, die aktiven Frauen im Widerstand, und nicht nur in der Weißen Rose – Sophie Scholl – und im Netzwerk der Roten Kapelle.

Eine, die mir besonders imponiert, ist Elisabeth Schmitz. 1935 verfasste sie ein Memorandum, in dem sie ihre Kirche aufforderte, sich für die entrechteten Jüdinnen und Juden einzusetzen. Sie schrieb: "Vor nunmehr bald 2½ Jahren ist eine schwere Verfolgung hereingebrochen über einen Teil unseres Volkes um seiner Abstammung willen, auch über einen Teil unserer Gemeindeglieder. Die unsagbare äußere und wohl noch größere innere Not, die diese Verfolgung über die Betroffenen bringt, ist weithin unbekannt und damit auch die Größe der Schuld, die das deutsche Volk auf sich lädt."

Elisabeth Schmitz, 1893 in Hanau als jüngste von drei Schwestern geboren, hatte in Bonn und Berlin Geschichte, Germanistik und Theologie mit dem Ziel höheres Lehramt studiert. 1920 wurde sie in Berlin bei Friedrich Meinecke im Fach Geschichte promoviert – ein damals für eine Frau außergewöhnlicher Lebensweg. Sie wurde Lehrerin, von April 1929 an war sie Studienrätin in Berlin-Mitte. Eine ihrer Schülerinnen beschreibt sie: "Leise auftretend, persönlich zurückgenommen, konzentriert auf den Unterrichtsstoff, sachlich und anspruchsvoll in ihren Anforderungen an uns. Und in ihrem 'Outfit' – ach, so schlicht und bescheiden: grauer Faltenrock und hochgeschlossene Bluse, meist mit einem 'Seelenwärmer', einer wollenen Weste, darüber; das Haar in der Mitte gescheitelt und mit einem Kamm hinten hochgesteckt. Alles ein wenig altertümlich und nicht dazu angetan, uns spontan für ihre Person zu begeistern. Dennoch ist es Elisabeth Schmitz gelungen, sich Anerkennung zu verschaffen. Ihre absolut lautlose Autorität machte uns sprachlos."

Die Schülerinnen wussten nichts von den Aktivitäten ihrer Lehrerin. Schmitz war Mitglied in Helmut Gollwitzers "Dogmatischer Arbeitsgemeinschaft". Zwischen 1933 und 1939 schrieb sie zehn Briefe an den Schweizer Theologen Karl Barth in der Hoffnung, ihn zu einer öffentlichen Stellungnahme gegen die Judenverfolgung zu bewegen. Sie erhielt 1933/34 zwei Antworten, die sie enttäuschten. Denn sah Elisabeth Schmitz die Verfolgung der Juden und den nicht erfolgten Aufschrei der Kirche als eine Anfrage an das esse, an das Sein der Kirche selbst, so verstand Karl Barth die "Judenfrage" nur als "Teilfrage".

Das scheint mir die tiefe Differenz zu anderen Menschen zu sein, die aus christlicher Überzeugung in der Bekennenden Kirche aktiv waren: Geht es um die Kirche um der Kirche willen? Geht es um den Schutz von getauften Juden? Oder versagt die Kirche in ihrer ureigensten Aufgabe, weil sie sich dem Grauen, der Menschenverachtung, dem Verrat an jedweder Form von Menschenwürde nicht vehement entgegenstellt?

Beim Nachlesen vieler Dokumente fiel mir auf, dass die katholische Philosophin und Ordensfrau Edith Stein das ähnlich erlebte mit ihrem Brief an Papst Pius XI. im April 1933. Sie erhielt ebenso wenig Resonanz wie Elisabeth Schmitz auf ihr Memorandum. Schmitz legte es, so wird berichtet, der Synode der Bekennenden Kirche vor, die vom 23. bis 26. September 1935 in Berlin-Steglitz tagte, ohne eine Reaktion zu erhalten. Allerdings gibt es bis heute keinen Beleg dafür, mahnt der Berliner Kirchenhistoriker Hartmut Ludwig an. Auch fragt der Schmitz-Biograf Manfred Gailus zu Recht, ob sie das überhaupt gekonnt hätte. Bestenfalls, so meint er, war der Inhalt Gesprächsthema am Rande der Synode, nicht aber offizieller Beratungsgegenstand.

Interessant auch, dass man die Schrift, die von Schmitz anonym publiziert worden war, in Kirchenkreisen lange Zeit der Sozialfürsorgerin Marga Meusel zuschrieb, die Mitglied der Bekennenden Kirche war und sich für rassisch Verfolgte einsetzte. Erst 1999 wurde Elisabeth Schmitz als Verfasserin bekannt – und erst 2004 tauchte per Zufall in Hanau ein großer Teil von Dokumenten aus ihrem Leben auf.

Schmitz’ Memorandum ist das beeindruckende Zeugnis einer Frau, die wachen Herzens sieht, wie der braune Ungeist um sich greift. So beschreibt sie besonders die Lage der jüdischen Kinder: "Aber wenigstens die Kinder haben doch i. a. im ganz elementaren Empfinden der Menschen einen Anspruch auf Schutz. Und hier? In großen Städten gehen die jüdischen Kinder vielfach jetzt in jüdische Schulen. Oder die Eltern schicken sie in katholische Schulen, in denen nach allgemeiner Ansicht sie sehr viel besser geschützt sind als in evangelischen. Und die nichtarischen evangelischen Kinder? Und die jüdischen Kinder in kleinen Städten, wo es keine jüdischen Schulen gibt, und auf dem Lande? In einer kleinen Stadt werden den jüdischen Kindern von den anderen immer wieder die Hefte zerrissen, wird ihnen das Frühstücksbrot weggenommen und in den Schmutz getreten! Es sind christliche Kinder, die das tun, und christliche Eltern, Lehrer und Pfarrer, die es geschehen lassen!"