Es gibt den Moment, in dem wir uns einfach in sie verlieben müssen. Dann nämlich, wenn Adèle sich selbst verliebt. Irgendwo in einer nordfranzösischen Stadt sitzt die 16-Jährige auf einer Parkbank neben Emma, die sie zeichnet. Adèle soll stillhalten, aber ihr Gesicht ist ständig in Bewegung. Sie lacht, schweigt, scherzt, blinzelt, dreht den Kopf, streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Adèle ist aufgeregt, unsicher, weil aus Emmas Blick Interesse und Begehren sprechen und weil sie selbst sich von der etwas älteren Kunststudentin angezogen fühlt. Nur flüchtig ist sie der jungen Frau mit dem blau gefärbten Haarschopf auf der Straße begegnet und dann noch einmal, in einem erotischen Traum. Und jetzt, auf der Parkbank, in diesem unendlich gedehnten Augenblick, nimmt eine Fantasie Gestalt an, erfüllt sich eine Sehnsucht, über die sich Adèle vielleicht gar nicht im Klaren war.

Der französische Regisseur Abdellatif Kechiche filmt die beiden flirtenden jungen Frauen aus nächster Nähe. Gesichter werden zu Gefühlslandschaften, Blicke, Stimmen, Lachen, Gesten verbinden sich mit der Frühlingssonne, mit der Mischung aus Neugierde und grenzenloser Verheißung, die zu Beginn einer Liebe in der Luft liegt.

Blau ist eine warme Farbe, der Hauptpreisträger der vergangenen Filmfestspiele von Cannes, nimmt sich Zeit. Eben die Zeit, die diese Liebe braucht, vom ersten Blick bis zum Zusammenleben, vom ersten Kuss bis zur Amour fou.

Drei Stunden lang wird der Film die Gefühlswelt von Adèle erkunden, die mit der ganzen Neugierde und Ratlosigkeit ihrer sechzehn Jahre in die Welt geht und ihre erste Beziehung erlebt. Es ist ein in seiner Intensität unerhört schöner Film, ein Bildungsroman des Herzens, eine filmische éducation sentimentale, erzählt im Modus der absoluten Gegenwärtigkeit.

Diese Gegenwärtigkeit entsteht durch eine Kamera, die Adèle mit nie abreißender Aufmerksamkeit folgt. Aus nächster Nähe registriert das Objektiv jeden Schatten, jede Regung, jede Veränderung ihres Ausdrucks. Ihre Physis, die sich noch nicht wirklich entschlossen hat zwischen dem letzten Babyspeck der Teeniejahre und den femininen Formen der Erwachsenen.

Für diese Kamera existieren keine Räume, keine Hintergründe, keine Bildkompositionen. Ob Adèle im Klassenraum aus einem Roman von Marivaux vorliest, zu Hause im Bett liegt, ob sie im Bus sitzt oder auf dem Schulhof raucht – der Kameraausschnitt zeigt nur ihr Gesicht, ihren Blick auf die Welt.

Kino - Ausschnitt aus "Blau ist eine warme Farbe" Ausschnitt aus "Blau ist eine warme Farbe"

In dieser Welt scheint zunächst alles bestens zu sein, es fühlt sich aber nicht so an. Den Flirt und den Sex mit einem Schulkameraden absolviert Adèle beiläufig, aber irgendetwas fehlt. Fast schlafwandlerisch folgt sie ihren Sehnsüchten und Instinkten, bis zu jenem Augenblick auf der Parkbank.

Zeit lässt sich Abdellativ Kechiche auch bei der Inszenierung der Leidenschaft, die die Beziehung der beiden Frauen durchdringt. In den Sexszenen erzählen nahe Einstellungen von Zärtlichkeit, Aggression, Exzess. Es entsteht eine Choreografie der Ekstase, ein die einzelne Aufnahme transzendierender Erregungszustand.