Wenn Jesus nicht mehr weiterweiß, schreibt er eine SMS. "Es lässt mir keine Ruhe, es geht echt um den Frieden der Welt", tippt er und schickt die Nachricht an Politiker, Journalisten oder einen Pfarrer in Jerusalem. Da der Weltfrieden nur in der Heiligen Stadt und Wiege des Christentums herbeigeführt werden kann, schreibt er auch: "ICH persönlich komme nach Jerusalem, um frohe Botschaft zu verkünden." Noch vor 2.000 Jahren ließ der Messias seine Ankunft von Erzengel Gabriel anmelden, heute reicht ihm dafür sein Mobiltelefon.

Der Mann, der sich für den Sohn Gottes hält, heißt Hermann, kommt aus Glauchau in Sachsen und ist Gärtner. Doch statt Gemüsebeete umzugraben, will der 59-Jährige lieber die Welt umkrempeln. Er will die Worte "seines" Vaters verkünden und Frieden zu den Menschen bringen.

Ein paar Tage nach der SMS steht Hermann S. in Israel auf dem Ölberg und hilft dem Pfarrer der Himmelfahrtskirche bei der Olivenernte. Von hier aus soll Jesus von Nazareth in Jerusalem eingezogen sein. Ein guter Ausgangspunkt also für die göttliche Mission des Jesus von Sachsen. In Jerusalems Altstadt angekommen, kann es Hermann S. allerdings passieren, dass er auf einen zweiten Jesus trifft oder auf einen dritten, auf König David, Moses, Johannes den Täufer, Petrus oder Maria. Denn etwa 200 Touristen, die Israels Hauptstadt jedes Jahr besuchen, bilden sich ein, eine Figur aus der Bibel zu sein.

Besonders vor den großen christlichen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern wird Jerusalem von Scharen selbst ernannter Heiliger verschiedener Couleur heimgesucht. "Sie alle haben eine Mission, wenn sie hierherkommen, warnen vor dem Weltuntergang oder kündigen die Apokalypse an", sagt Moshe Kalian, Distriktpsychiater der Hauptstadt. Er erforscht seit über 30 Jahren das sogenannte Jerusalem-Syndrom und hat dazu zahlreiche Aufsätze und Bücher verfasst. Erst kürzlich ist sein Buch Jerusalem of Holiness and Madness erschienen.

Mit Bettlaken um die Hüften predigen

So kommt es immer wieder vor, dass Männer in der Wüste Judäas aufgesammelt werden, die – in Hotelbettlaken gehüllt, mit einem Seil um die Hüften – da predigen, wo einst Jesus gepredigt hat. Andere steigen die Via Dolorosa mit einem Kreuz auf der Schulter hinauf und singen dabei Bibelverse. Eine Frau soll einmal versucht haben, in der Grabeskirche Jesus zu gebären. Und manchmal lösen die vermeintlichen Gesandten sogar Revolutionen aus wie der australische Schafhirte Michael Rohan. 1969 versuchte er, die al-Aksa-Moschee in Brand zu stecken, weil er es als seine Aufgabe sah, für die Rückkehr des Messias alle nicht christlichen Gebäude auf dem Tempelberg zu zerstören. Das Attentat löste Unruhen in vielen Teilen der islamischen Welt aus.

Schon im Mittelalter beschrieben Pilger ihre besonderen Erlebnisse in der Heiligen Stadt. Der Jerusalemer Psychiater Heinz Herman diagnostizierte in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts als Erster das medizinische Phänomen, damals noch unter dem Namen Jerusalem-Fieber. Seit den 1980er Jahren wird in der Hauptstadt Israels intensiv an dem Krankheitsbild geforscht. Der israelische Arzt Yair Bar-El prägte damals den Namen Jerusalem-Syndrom und teilte die Patienten in drei Typen ein: Typ I hat eine medizinische Vorerkrankung, ist häufig manisch-depressiv oder schizophren. Typ II ist anfällig für psychische Krankheiten und reist mit einer fixen Idee nach Jerusalem. Typ III gilt als gesund und wird erst in Jerusalem von dem Syndrom befallen. Meist verschwindet die Störung nach wenigen Tagen von selbst, ähnlich wie bei akuten vorübergehenden Psychosen. Jedes Jahr landen etwa 50 der selbst ernannten Heilsbringer im Kfar-Schaul-Krankenhaus für Psychiatrie, wo ihnen mittlerweile eine eigene Abteilung gewidmet ist.

Hermann S. bleibt bei seinem Verweilen in Jerusalem ein Klinikaufenthalt erspart. Dafür predigt er lange und viel. Nach der Olivenernte sitzt er neben der Himmelfahrtskirche auf einer Bank im Schatten der Bäume und erzählt von seinem Vorhaben. Jerusalem soll sein Ausgangspunkt für Größeres sein. Von der Stadt, in der Jesus gewirkt hat und in der er gestorben ist, fühle er sich angezogen, schon über zehn Mal sei er hier gewesen. Demnächst will der pensionierte Gärtner von Jerusalem aus nach Kairo reisen und auf dem Tahrir-Platz den Muslimen die Worte Gottes nahebringen.