Riesige Mengen des Krills "Euphausia superba" tummeln sich in der Antarktis.

Krilllarven sind pünktlich. Den ganzen Tag lang huschen sie unter dem Packeis hin und her, kratzen Nahrung von den Schollen. Doch wenn die Sonne untergeht, machen sie Feierabend. Dann verlassen sie ihren Futterplatz unter dem Eis und lassen sich absinken. Zehn Meter geht es hinab. Denn mit der Dunkelheit kommen die Räuber – Fische oder Tintenfische. Und die schnappen all die Trödler weg, die nicht rechtzeitig aus der Kinderstube unter dem Eis absteigen und für die Nacht in der weiten Tiefe verschwinden.

Von der Pünktlichkeit der Krilllarven weiß man erst seit Kurzem, obwohl der Mensch den Krill seit 90 Jahren erforscht und zählt. Der Krill Euphausia superba ist ein fingerlanger rötlicher Krebs mit schwarzen Glubschaugen. Er sieht aus wie eine Nordseegarnele und kommt in der Antarktis in riesigen Mengen vor. Er bildet Schwärme, von denen manche viele Hundert Meter breit und zwei Millionen Tonnen schwer sein können. 100 bis 500 Millionen Tonnen Krill schwimmen in der Antarktis herum, schätzen Fischereibiologen – hundertmal so viel wie Hering in der Nordsee.

Keine andere Tierart produziert mehr Masse. Die Krillschwärme ziehen im Sommer durchs offene Meer. Sie sind die Hauptnahrung großer Räuber: Blauwale gleiten mit aufgerissenem Maul in die Wolken und verschlingen den Krebs mit einem Happs gleich zentnerweise. Auch Robben gehen auf Krilljagd. Und Pinguine sind Meister darin, die Tierchen zu erhaschen, obwohl diese mit ruckartigen Bewegungen davonschnellen.

Jahrzehntelang interessierten sich Forscher allein für die Krillmenge. In den zwanziger Jahren wollten Walfänger wissen, ob es ausreichend Nahrung für ihre Beute gibt. In den siebziger Jahren wurde der Krill selbst zum Gejagten. Nachdem viele Fischbestände ausgebeutet waren, verlegten sich die Fischer auf Krill als neue Eiweißquelle. In wenigen Jahren schrumpfte der Bestand drastisch, in manchen Gebieten um mehr als die Hälfte.

Zwar halten Wissenschaftler den Krill heute nicht für akut gefährdet. Der Abwärtstrend der vergangenen Jahrzehnte aber bereitet ihnen Sorge. Sie wissen: Um die Zukunft des Krills vorhersagen zu können, reicht es nicht, Netze auszuwerfen und den Bestand abzuschätzen. Sie müssen den Krill besser verstehen, müssen ihn beobachten, ihm näher kommen. Dann erst können sie die drängenden Fragen beantworten: Wo frisst er, und was frisst er? Wie entwickeln sich seine Larven, was brauchen diese, damit es ihnen gut geht?

Die Biologin Bettina Meyer vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven war von Mitte August bis Ende September dieses Jahres mit einer Tauchergruppe in der Antarktis unterwegs – und entdeckte ganz nebenbei, wie pünktlich die Krilllarven Feierabend machen und dass sie einen festen Tag-Nacht-Rhythmus haben.

August in der Antarktis bedeutet: Es herrscht Spätwinter. Nur langsam vergeht die dunkle Polarnacht. Die Sonne kriecht bereits über den Horizont und verwandelt das rötliche Dämmern in hellen Tag. Das Meer um den Kontinent ist Hunderte Seemeilen weit zugefroren. Es gibt nur wenige Schiffe, mit denen man sich zu dieser Zeit ins Eis wagen kann.

Eines davon ist der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern. Seit seiner Taufe 1982 war das Schiff erst dreimal auf großer Fahrt im Südwinter. In diesem Jahr dampfte es 500 Kilometer weit ins Eis, es durchbrach riesige Schollen, schlängelte sich durch eisfreie Rinnen, bis Bettina Meyer und ihre Tauchergruppe endlich bei den Krilllarven waren, die unter dem Packeis überwintern. Draußen auf dem Eis falteten sie ihre Zelte auf. Im Innern eines runden, das aus dem Schnee aufragte wie ein Kartoffelbovist, bohrten die Taucher ein Loch ins Eis. Vor dem Wind geschützt, konnten sie hier ein- und aussteigen. Draußen wäre ihnen die Ausrüstung sofort eingefroren.

"Seit 20 Jahren weiß man, dass das Meereis für den Krill offenbar wichtig ist", sagt Meyer. "Nach eisreichen Wintern gibt es viel Krill, nach eisarmen wenig." Warum das so ist, darüber gibt es nur Vermutungen. "Mit den Tauchgängen wollten wir herausfinden, was der Krill am Ende des Winters unter dem Eis macht, wo er sich befindet und was er frisst." Auf den Fotos, die sie mitgebracht hat, sieht man die Taucher unter dem Eis, im tiefblauen Wasser. Von oben fällt Licht herab wie durch Milchglas. Ein Taucher gleitet an einem Seil unter dem Eis entlang wie ein Bergsteiger. In der Hand hält er eine Kamera mit einer Lampe, die das Eis erstrahlen lässt.