Sie haben Schwarz-Rot-Gold gehisst vor dem Rathaus von Kamed el-Loz. Gleich ein halbes Dutzend Fahnen hat der Bürgermeister für den Besuch des deutschen Botschafters aufgetrieben. Die Notabeln der Stadt sitzen im Saal, in der einen Hand das Smartphone, in der anderen die Gebetskette, und so klingelt und klickert es unaufhörlich, als Haidar al-Hadsch vor seinem Gast die Großherzigkeit seiner Mitbürger preist. "Den Anblick eines Kindes ohne Obdach, Kleider oder Essen ertragen wir einfach nicht." Weswegen Kamed el-Loz mit seinen 17.000 Einwohnern klaglos all die syrischen Flüchtlinge aufgenommen habe. "Aber jetzt können wir nicht mehr." Zustimmendes Nicken im Saal, erwartungsvolle Blicke richten sich auf den schlaksigen Deutschen.

Christian Clages heißt der Mann, er ist seit wenigen Monaten auf Posten im Libanon und damit im derzeit größten Krisengebiet der Welt. Kamed el-Loz ist eine sunnitische Stadt, die mit den überwiegend sunnitischen Vertriebenen des Assad-Regimes sympathisiert. Doch jetzt, raunen die Stadtväter, sind einfach zu viele Syrer hier, sie schleppen Krankheiten ein, sie stinken.

Was stimmt. Wer monatelang im Krieg ohne ausreichend Wasser und Essen ausgeharrt hat, wird krank und riecht schlecht.

Clages lobt die Hilfsbereitschaft der Gemeinde und betont, dass auch Deutschland bereits 20.000 Syrern Zuflucht gewähre. Raunen im Saal. 20.000? In ganz Deutschland? In Kamed el-Loz allein sind es schon 10.000.

Der Libanon ist der geografische Zwerg im Nahen Osten. Das Land ist halb so groß wie Hessen und liegt im Klammergriff zweier mächtiger Nachbarn, Israel und Syrien. Seit Beginn des Aufstands gegen das Assad-Regime sind 2,5 Millionen Syrer geflohen, davon rund 1,2 Millionen in den Libanon. Tendenz steigend. Bei nur viereinhalb Millionen Libanesen heißt das: Fast jeder vierte Bewohner ist hier Flüchtling.

Eine solche Krise ist einmalig. Jedes europäische Land hätte längst geschrien: "Das Boot ist voll." Der Libanon aber hat diese Flüchtlingswelle bislang irgendwie gemeistert – mit einer Mischung aus Realitätsverleugnung und Hilfsbereitschaft. Doch jetzt steht das Land vor dem Kollaps.

In Kamed el-Loz besucht der Botschafter an diesem nasskalten Morgen ein Gesundheitszentrum. Im unbeheizten Hausflur hocken die Patienten, jemand bringt heißen Tee für Clages. Drei Frauen werden herangeholt, sie stammen aus der syrischen Stadt Homs, lassen hier von Ärzten einer lokalen Hilfsorganisation ihre Kinder impfen, Bronchitis und Lungenentzündung behandeln. Alles kostenlos, aber sie sind nicht dankbar, sondern erschöpft und wütend. "400 Dollar knöpfen sie uns hier für ein erbärmliches kleines Zimmer ab", schimpft die Erste. "Warum erlasst ihr uns nicht die Schulgebühren?", fragt die Nächste. "Schaffen Sie uns Assad vom Hals, und wir gehen sofort zurück nach Hause", ruft die Dritte. Clages windet sich, dem Bürgermeister platzt der Kragen. "Wisst ihr überhaupt, wie viel ihr uns kostet? Das Wasser, der Strom!" Kurzes Schweigen. "Gott schütze den Libanon", sagt eine der Frauen widerwillig. "Er hat uns geholfen."

Libanesen und Syrer teilen eine lange und leidvolle Geschichte. Syrien war Okkupationsmacht, bis Massenproteste in Beirut 2005 Assads Armee zum Abzug zwangen. Libanons Parteienlandschaft ist seither tief in eine antisyrische und eine prosyrische Seite gespalten. Erstere wird von sunnitischen Fraktionen dominiert, Letztere von der schiitischen Hisbollah. Deren Milizionäre kämpfen in Syrien für Assad, libanesische Sunniten hingegen besorgen Waffen und Munition für die Opposition. Im innersyrischen Krieg ist der kleine Nachbar Zufluchtsort und Nachschublager.