Was malt ein Künstler mit 99 Jahren? Was malt er, wenn er nichts mehr sehen kann, erblindet seit Langem? Und was, wenn ihm auch die Kräfte fehlen, um noch einmal den Pinsel über die Leinwand zu ziehen mit weitem Schwung? Oft liegt Karl Otto Götz ganz still in seinem Sessel, draußen fegen Graupelschauer über die Höhen des Westerwalds. Er ist jetzt ein Maler ohne Pinsel, ohne Farben. Ein Maler aber ist er noch immer, einer, der sich seine Bilder im Kopf ausmalt. "Halluzinationen", sagt Götz und lächelt fein. "Es sind Halluzinationen, Blumen, Bäume, ein leuchtender Garten. Vermutlich meine letzten Werke."

Voriges Jahr gehorchten ihm die Hände noch, in rasanten Zügen ging es manchmal übers Papier. Und im Jahr davor wagte er sich noch an ein Riesenformat, wie immer lag die Leinwand auf dem Boden, und damit er nicht aus Versehen aufs Bild fiel, musste ein Student kommen und ihn am Hosenbund festhalten. Mit trockenem Pinsel fuhr er ein ums andere Mal über die schwarz grundierte Fläche, um es schließlich zu wagen: hier ein Kreisel mit vielen Spritzern, dort zwei machtvolle Zacken. "Früher habe ich ja auch oft mit geschlossenen Augen gemalt", sagt Götz. Action Painting mit 97!

In ein paar Wochen wird er nun 100, geboren im Februar 1914, noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Götz ist der letzte Zeitzeuge einer Kunstgeschichte, die von Aufruhr, Verfolgung, von Ideologien und Stilkämpfen bestimmt war. Er traf Max Ernst und André Breton, war mit Otto Dix befreundet, verhalf Joseph Beuys zur Professur. Auch Gerhard Richter, Sigmar Polke oder Gotthard Graubner, diese Malerheroen, wären nicht geworden, was sie wurden, hätte Götz sie nicht allesamt an der Akademie in Düsseldorf unterrichtet. Kein anderer Lehrer war im Nachkriegsdeutschland so prägend wie er. Nur weiß heute kaum mehr jemand, wie wichtig Götz war – wie wichtig er ist. Schon deshalb musste er 100 werden. Damit sie ihn und seine Bilder endlich feiern.

In Berlin, im Glastempel der Nationalgalerie, beginnt in dieser Woche seine große Geburtstagsausstellung, eine Wiederentdeckung zu Lebzeiten. "Nein, nein, da werde ich nicht hinfahren", sagt Götz, und wie er es sagt, mit seinem Aachener Singsang, klingt es fast schon fröhlich. "Eine Ausstellung, die ich nicht sehen kann, davon habe ich ja nicht so viel." Ihm gefällt die Ehre, wie sollte es anders sein. Aber ihm gefällt auch sein schwarzer Ruhesessel im fernen Westerwald. Dort wird er liegen, wenn sie in Berlin seine Werke zeigen, wird sein Wollmützchen noch ein wenig tiefer ins Gesicht ziehen – und sich seinen Erinnerungen hingeben, vor allem den frühen der Kindheit und Jugend.

Von denen erzählt er auch gern, nachmittags, wenn er mit seiner Frau Rissa, einer Malerin, bei einem Stück Himbeertorte zusammensitzt. Wie er einst mit Freundin Irmgard immerzu Speerwerfen übte. Wie er sich Radios baute, um Jazz zu hören. Und wie er von seinem Vater eine Staffelei geschenkt bekam. "Obwohl das ja sehr inkonsequent war", sagt Götz. "Eine so schöne Staffelei, obwohl er doch nicht wollte, dass ich überhaupt Künstler werde." Als er ein Selbstporträt malte, kam der Vater und zerstörte es. Und als er Kunst studieren wollte, verlangten die Eltern, er solle Textilkaufmann werden. Das machte er auch brav; heimlich aber besuchte er Zeichen- und Malkurse. "Ich wollte das einfach, ich weiß auch nicht, warum."

Und er wollte es erst recht, als die Nazis an die Macht kamen und ein Kulturfunktionär ihn aufforderte, künftig nur noch schöne, deutsche Landschaften zu malen und nicht seine verrückten, mit Farbe bespritzten Bilder. Selbst als sie ihn kurz darauf mit einem Mal- und Ausstellungsverbot belegten, malte er heimlich weiter, versuchte, moderne Musik malend zu Papier zu bringen, experimentierte mit Fotokunst, und später, da war er schon Nachrichtenoffizier der Wehrmacht in Norwegen, verwandelte er gelegentlich Radargeräte in Bildmaschinen. Auch das war eine Art zu malen: mit Elektrostrahlen auf dem Leuchtschirm, eine rasche, aufflackernde Kunst des Augenblicks.

Nie interessierte sich Götz für das Ewige, für Naturtreue und all die anderen Ideale, die den Kunstrichtern der Nazis wichtig waren. "Die meinten ja, meine Bilder wären volksfremd", erzählt er und rückt seine Mütze etwas höher. "Da hatte ich schon Angst." Doch gerade in seiner Angst wurde ihm seine sich selbst gehorchende Kunst immer wichtiger. Sie war seine Art des Widerstands.