Im Zentrum unseres Strafgesetzes findet sich noch immer, was der Staatssekretär und spätere NS-Richter Roland Freisler im Jahr 1941 so formulierte: "Der Mörder wird ... bestraft" (Paragraf 211 Absatz 1 Strafgesetzbuch). Was ein "Mörder" ist, sagt uns Absatz 2: "Mörder ist, wer ..." – und dann folgen zehn Definitionen dessen, was angeblich einen Mörder ausmacht. Sie beschreiben die Form der Tat ("gemeingefährliche Mittel") oder die Motive des Täters ("aus niedrigen Beweggründen" oder "zur Verdeckung einer Straftat"). Nicht zu vergessen das Motiv der "Heimtücke"! Auf diese und die "niedrigen Beweggründe" – von den NS-Juristen neu erfunden – stützt sich der größte Teil aller Taten, die "Mord" heißen.

Wer nicht "Mörder" ist, aber vorsätzlich einen Menschen getötet hat, heißt laut Gesetz "Totschläger". Er wird nicht mit der Höchststrafe bestraft (seit 1953: lebenslange Freiheitsstrafe, vorher: Todesstrafe), sondern mit auf 15 Jahre begrenzter Freiheitsstrafe; wenn der sogenannte Totschlag "besonders schwer" ist, kann ausnahmsweise eine lebenslange Strafe verhängt werden. Was mag der Unterschied sein zwischen einem (vorsätzlichen) Totschlag im besonders schweren Fall und einem (vorsätzlichen) Mord? Die Justiz weiß es nicht: Der "Totschlag im besonders schweren Fall" kommt in der Praxis so häufig vor wie eine vollständige Sonnenfinsternis. Wer an einer Tötung etwas "besonders Schweres" finden möchte, wendet und prüft die Mordmerkmale, bis ihm eines passend erscheint.

Freisler kam es auf solche Feinheiten nicht an. Man wollte nicht "Tatbestände" schaffen, sondern ein genuin nationalsozialistisches Strafrecht, einen Ort voller Symbolik und Kraft: "völkisches" Recht, vorgeblich aus der Tiefe einer germanischen Identität, aus dem Blut einer zusammenfantasierten Rasse, aus Volksrechten des Mittelalters, aus einem Brei von Ressentiment, Gewalt und Schmierentheater, unbefleckt von der Seuche der Aufklärung. Je mehr man aus den Schimären des ewigen Verlierers das alberne Bild des nationalsozialistischen Menschen zusammenschwadronierte, desto mehr schwand in den Denklaboren jener Zeit – und der unterwürfig folgenden Strafrechtswissenschaft – das aufgeklärte Licht. Der gesetzliche Tatbestand wurde ersetzt durch das Zerrbild eines biologistischen "Tätertyps": "Der Mörder", "der Totschläger", "der Plünderer". Freisler schrieb: "Der Gesetzgeber hat ihn nicht durch Zusammensetzung von Tatbestandsmerkmalen konstruiert. Er hat ihn ganz einfach hingestellt. Damit der Richter ihn ansehen und sagen kann: Das Subjekt verdient den Strang."

Das konnte nicht missverstanden werden. Wer später behauptete, er habe es nicht verstanden, war ein Lügner. Das vorgeblich "völkische" Recht brauchte keine Tatbestände; schon 1933 erklärte es in einem neuen Paragrafen 2a des Strafgesetzbuchs eine unbegrenzte "Analogie" für zulässig: Fand sich kein gesetzlicher Tatbestand, so sollte der Richter einen anderen "entsprechend" anwenden: "Nullum crimen sine poena" war das Motto – kein Verbrechen darf ohne Strafe bleiben –, und was ein Verbrechen sei, definierte nicht das Gesetz, sondern das "Volksempfinden". Gesetzesbindung und Rückwirkungsverbot waren abgeschafft.

Als 1949 der neue deutsche Rechtsstaat begann, waren Roland Freisler und die Justizminister Franz Gürtner und Otto Georg Thierack verschwunden – und niemand wollte sie je gekannt haben. Ihre Fachleute aus den Bürokratien aber waren noch da: Gesetzesformulierer, Oberstaatsanwälte und Richter, Psychiater. Sie wurden Ministerialdirigenten oder Bundesrichter oder Kommentatoren. Professoren, die eben noch die "Tätertypenlehre" gepriesen hatten, lehrten die von der Welteroberung heimgekehrten Hitlerjungen nun das Strafrecht des neuen Staats, das gern auch einmal das des alten war. So sind der Mörder und der Totschläger auf uns gekommen, mitsamt dem Plünderer, dem Vergewaltiger und dem Kinderschänder: auf einer braunen Schleimspur.

Obacht! Kennen wir "das Subjekt" nicht noch immer? Den "typischen Betrüger", den "Vergewaltiger", den "Raser", den "Sozialschmarotzer"? Hören oder lesen wir nicht allenthalben, dass "der Kinderschänder" einer sei, der "mindestens lebenslang" verdient? Im Jahr 2013 mag eine Mehrheit für diese Weltsicht nicht mehr so sicher sein wie 1953 oder 1978 – aber die Zahl ihrer Anhänger ist immer noch bedrückend hoch. Sie übersehen, dass die "Subjekte" Freislers in Wahrheit nur Insekten sind unter der selektierenden Lupe seiner Käfersammlung.

Der Tätertyp sitzt wie ein schwarzer Knoten in unseren Herzen. Er ist uns vertraut wie ein Bruder. Wir leben mit ihm seit 70 Jahren, wir fürchten uns vor ihm. Wir möchten aufgeklärt sein, frei, mutig mit uns selbst und anderen. Wir schämen uns dafür, wenn wir denken, Rumänen seien Räuber, Polen Diebe und Mexikaner Mörder. Die Comedy, die uns das vorführt, wird beklatscht.