Es war im Juli vergangenen Jahres, als sich sowohl die Süddeutsche Zeitung als auch die SuperIllu , die BBC und der RBB, die Los Angeles Times oder auch das Neue Deutschland bei einem Leipziger Forschungsinstitut meldeten. Sie alle wollten selbst die gute Nachricht aus den neuen Ländern erfahren. Jene Neuigkeit, über die die ZEIT damals gerade berichtet hatte: dass drei von vier abgewanderten Ostdeutschen in ihre Heimat zurückkehren wollen. Dass 43 Prozent jener Ostdeutschen, die heute in den alten Ländern leben, sogar schon konkrete Pläne für den Umzug zurück in die Heimat geschmiedet haben. Dass der Osten, kurzum, also so attraktiv ist wie nie. Und zwar gerade für jene, die ihn einst verlassen hatten.

Heute, anderthalb Jahre danach, melden sich diese Leipziger Forscher wieder zu Wort. Erneut mit aufschlussreichen Befunden. Sie haben ihre Zahlen verfeinert; haben jetzt die Lebensstationen Hunderttausender Ostdeutscher ausgewertet, die nach 1999 mindestens einmal in die alten Länder gezogen sind. Nie zuvor wusste man so viel über die Gruppe derjenigen, die nach der Wende aus den neuen in die alten Länder gingen, um dort ihr Glück zu suchen. Darüber, warum sie gegangen sind. Oder welche Jobs sie haben. Die Forscher können belegen, dass gerade viele Hochqualifizierte, Mathematiker oder Ingenieure zu den Rückkehrwilligen gehören. Und sie wissen jetzt, wohin genau diese Menschen eigentlich gehen, wenn sie zurückkehren – überraschenderweise eher aufs Land als in die Großstädte.

Die wichtigste Erkenntnis der neuesten Untersuchungen lautet: Schon heute ist jeder Zehnte von denen, die den Osten einst verließen, wieder da; lebt wieder in den neuen Ländern.

"Ich habe geahnt, dass unsere erste Studie auf Interesse stoßen würde", sagt Robert Nadler, einer der Leipziger Wissenschaftler. "Aber dass die Ergebnisse so viele Menschen bewegen und es derart viele Nachfragen gab, das hat uns alle überrascht."

Nadlers Arbeit hat sehr praktischen Nutzen. In Zeiten, in denen Fachkräfte immer begehrter werden, rätseln ganze Ministerien, wie man die abgewanderten Ostdeutschen wohl würde zurückholen können. Es gibt Stellenmärkte eigens für diese Zielgruppe oder sogenannte Rückkehragenturen. "Für dieses Thema interessieren sich so viele Leute – vom Politiker bis zum Tischler", sagt Robert Nadler. Für seine neueste Untersuchung hat er, gemeinsam mit einem Kollegen vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Hunderttausende Datensätze ausgewertet; er hat eine Statistik analysiert, deren Name sperrig klingt, die für Soziologen aber eine wahre Fundgrube ist: die Statistik der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Darin verbergen sich Informationen über den Großteil aller Arbeitnehmer in Deutschland. Die Statistik reicht zurück bis ins Jahr 1999. "Das ist der erste Datensatz, mit dem wir so flächendeckend das Phänomen der Ost-West-Wanderung untersuchen konnten", sagt Nadler. "Wir haben jetzt Zahlen, die handfest beweisen, dass immer mehr Leute zurückkehren."

Und diese handfesten Zahlen zeigen eben, dass nicht nur bereits 9,6 Prozent der Abwanderer in ihre Heimatbundesländer zurückgekehrt sind, sondern dass diese Entwicklung sich sogar noch beschleunigt. "Am meisten überrascht hat uns, wie sehr die ländlichen Regionen profitieren", sagt Robert Nadler. Das Eichsfeld in Thüringen hat mit 18,6 Prozent die höchste Rückkehrerquote; hierhin ziehen im Verhältnis zur Anzahl der Abwanderer die meisten Rückwanderer. Gefolgt vom Kreis Hildburghausen mit 14,9 Prozent, dem Wartburgkreis, Sömmerda und Nordwestmecklenburg. Das sind zum großen Teil die ehemaligen innerdeutschen Grenzregionen. "Unter den Rückkehrern könnten also einige sein, die nun in die alten Länder pendeln", sagt Nadler. "In jedem Fall aber ergeben sich für die einstigen Grenzorte unerwartete Chancen – dank der Heimkehrer." Denn diese machen die Ostbevölkerung statistisch wieder jünger. Rückkehrer sind im Schnitt 38 Jahre alt, die Daheimgebliebenen 44. Nur 13 Prozent der Rückkehrer arbeiten in Teilzeit, unter den Daheimgebliebenen sind es 20 Prozent. "Zudem wohnen sie häufiger auf dem Land", sagt der Forscher.

Was die Wirtschaftsministerien der neuen Länder besonders erfreuen dürfte: Unter den Rückkehrern, auch das sagen Nadlers neue Zahlen aus, finden sich viele Ingenieure, Chemiker, Physiker oder Mathematiker. Also jene Fachkräfte, die besonders umworben werden. "Der Osten braucht allerdings ebenso Ärzte und Krankenschwestern. Ausgerechnet in dieser Berufsgruppe fehlt es uns an Rückkehrern", sagt Robert Nadler. Auch Kindergärtner oder Lehrer kommen seltener zurück.

In jedem Fall ist es so, dass der Osten früher Schlagzeilen damit machte, dass die Menschen von hier fortgingen. Das aber hat sich grundlegend verändert. Die Abwanderungsquote bei den Arbeitnehmern verringerte sich seit 2000 um annähernd 45 Prozent. Die Zuwanderungsquote wächst.