ZEITmagazin: Herr Joop, warum machen Sie denn bei Heidi Klums "Germany’s Next Topmodel" als Juror mit?

Wolfgang Joop: Castingshows sind ein bisschen menschenverachtend, aber da der Exhibitionismus ein Teil unserer Kultur ist, finde ich es ganz gut, wenn ich meine korrektive Haltung da einbringe. Die Heerschar der Models und wanna-be-Models vermehrt sich ja unfasslich. Durch Photoshop kann man heute aus einem hässlichen Entlein einen schönen Schwan machen.

ZEITmagazin: Sie führen jetzt Klage über die Gegenwart ...

Joop: Heute darf man alles tun, aber diese Freiheit, alles zu dürfen, ist die Höchststrafe. Man müsste eine Sekte gründen und erst mal alles verbieten. Und dann teilt man es wieder zu mit kleinem Löffel. Man darf wieder essen, wieder Sex haben, wieder lieben, wieder Drogen nehmen ... Erst wenn man sie dosiert, werden die Dinge wieder spannend.

ZEITmagazin: Gibt es in Ihrem Leben etwas, was Sie bedauern?

Joop: Dass ich zu früh den Rucksack abgeschnallt und gegen einen Louis-Vuitton-Koffer getauscht habe. Der Rucksack steht für Wanderschaft, für Ausprobieren. Indem man Verantwortung und Besitz anhäuft, wird man unbeweglich. Am liebsten würde ich keine Häuser besitzen, im Hotel leben und mit dem Rucksack neue Welten entdecken.

ZEITmagazin: Was hat Sie daran gehindert?

Joop: Ich hatte früh Frau und Kinder, das war nicht geplant, es ist mir passiert. Schon steckte ich drin in einer Bürgerlichkeit, für die ich eigentlich gar nicht stand. Das war eine Sackgasse. Als ich in den achtziger Jahren nach New York ging, merkte ich, welche anderen Möglichkeiten sich mir eröffneten – bis hin zu Filmangeboten aus Hollywood. Aber ich habe die Chance nicht genutzt. Ich war schon zu sesshaft.

ZEITmagazin: Hat Sie das frustriert?

Joop: Ja, aber dem Frust darüber begegne ich seither mit Trotz. Der Trotz rettet mich immer wieder aus der Festgefahrenheit und Erstarrung. Das kann man auch bei meinem Label Wunderkind beobachten: Immer wenn sich die Boutiquen und die Medien an einen Stil gewöhnt haben, komme ich mit einer neuen Idee um die Ecke, wie ein trotziges Kind. Falsche Fährten zu legen, nicht kalkulierbar zu sein, vor den kommerziellen Erwartungen keinen Kniefall zu machen – diese Trotzreaktion ist meine Rettung.

ZEITmagazin: Warum mussten Sie sich eigentlich ausgerechnet einen Louis Vuitton-Koffer kaufen?

Joop: Ich hatte ihn mir ersteigert von Joan Collins, weil ein Satz von ihr mir sehr imponierte: "Schön geboren zu sein ist wie reich geboren zu sein und langsam bankrottzugehen."

ZEITmagazin: War es für Sie ein Problem, schön zu sein?

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Joop: Für wen ist das wirklich ein Problem? Es ist ein angenehmes Problem, verglichen mit dem Reichsein. Es gibt heute sehr viele Leute, die viel geerbt haben, und die haben alle den Komplex: Hätte man mich auch geliebt ohne mein Geld? Natürlich nicht! Die Frage wird so oft gestellt, weil man hofft, dass mal jemand sagt: Ganz losgelöst von all deinem Geld, bist du einfach so verführerisch!