Der Aufruf an die Welt, der vor zwei Tagen in 32 internationalen Zeitungen gestanden hat, muss als der Anbruch eines neuen Zeitalters verstanden werden. 560 Autoren aus 83 Ländern, darunter einige Literaturnobelpreisträger, protestieren gegen die weltweite digitale Massenüberwachung – und sie tun dies mit recht konkreten Forderungen. Jeder Bürger müsse das Recht haben, mitzuentscheiden, "in welchem Ausmaß seine persönlichen Daten gesammelt, gespeichert und verarbeitet werden und von wem". Sie rufen alle Staaten und Konzerne auf, dieses Recht zu respektieren. Und sie rufen die Vereinten Nationen auf, "die zentrale Bedeutung der Bürgerrechte im digitalen Zeitalter anzuerkennen und eine verbindliche Internationale Konvention der digitalen Rechte zu verabschieden".

Mit dem Aufruf kehrt eine schon beinahe vergessene Figur der Literaturgeschichte auf die internationale Bühne zurück: Es ist der engagierte Intellektuelle, der nicht agiert im eigenen Interesse – etwa gegen Windkrafträder vor dem eigenen Landhaus oder wie gerade in Frankreich gegen Gesetze, die den eigenen Bordellbesuch trüben könnten –, sondern im Namen seines Gewissens, das höher rangiert als alle persönlichen Sonderinteressen. So wie Albert Camus, Stéphane Hessel oder Jean-Paul Sartre es getan haben.

Der Aufruf "Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter" kommt aus Deutschland und wurde von dem Autorenpaar Juli Zeh und Ilija Trojanow initiiert, das vor Jahren bereits ein Buch über Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und Abbau bürgerlicher Rechte vorgelegt hat. Unterschrieben haben ihn Autoren aus der ganzen Welt, Margaret Atwood, Paul Auster, J. M. Coetzee, Don DeLillo, Jonathan Littell, Ian McEwan, Orhan Pamuk, Arundhati Roy, Liao Yiwu und viele andere.

Gerade das ist das ganz und gar Ungewöhnliche und Elektrisierende an diesem Aufstand: Er fordert nicht nur die westliche Staatengemeinschaft und die digitalen Großkonzerne in ihre Schranken. Er signalisiert auch eine Umwertung jener Werte, mit denen eine ganze Generation aufgewachsen ist, die keinen Tag ihres Lebens mehr ohne WLAN-Anschluss überstehen würde. In den Kommentaren der Unterzeichner, die in Deutschland in der FAZ vom vergangenen Dienstag zu lesen waren, macht sich ein radikaler Geist bemerkbar, der die Ohnmacht der im Netz Zappelnden durch kompromisslose Formen des Boykotts beenden will.

Von "Rückzugsgebieten" und "Zufluchtsorten" ist die Rede und von der Flucht aus der diktatorischen Transparenz-Kultur. Der amerikanische Autor T. C. Boyle rät: "Surfen Sie nicht im Internet, gehen Sie nicht hinaus auf die Straße, sprechen Sie die Drohnen nicht persönlich an. Zerstören Sie einfach das Telefon und den Computer, und nehmen Sie den Hinterausgang Ihres Hauses, Ihres Appartements, Ihrer Hütte oder Ihres Schuppens, und vergraben Sie sich im Dreck."

Was gerade noch Vorbild und Hoffnung war, ist es plötzlich nicht mehr: die kalifornische Kindergeburtstagsstimmung unter den gläsernen Büroangestellten, der Jugendkult um den sympathischen voll digitalisierten Pudelmützenträger, die Bewunderung für die heldenhaft weltverlorenen Online-Intellektuellen, die Arbeit und Struktur nur im aufgeklappten Rechner fanden. Ihnen begegnet eine intellektuelle Gegenmacht, die zu Aufruhr und digitaler Askese entschlossen ist, ohne aus dem digitalen Zeitalter aussteigen zu wollen.

Es ist eine Internationale der Schriftsteller, wie es lange keine mehr gab, denn man fand sein Auskommen im nationalen Literatensalon, in dem es allenfalls laut wurde, wenn einer bei einer Preisverleihung nicht ausreichend Beachtung fand. Deutschland schien nur noch eine einzige Pflanzenart des intellektuellen Widerstandes zu kennen. Und dieses Grass (sic) hatte man schon lange genug wachsen gehört.