Auf dem Bett liegend, Hand in Hand, wurden sie aufgefunden. Romantische Liebe, ewig vereint, bis in den Tod, die Medien haben in ihren Berichten wiederkehrend dieselben Motive betont. Und hinzugefügt: Das Paar sei erstickt, die Köpfe in Plastiktüten.

Ein altes Paar hat sich Ende November in Paris das Leben genommen: ein Mann, eine Frau, die in nur einer einzigen Ehe Jahrzehnte des Lebens miteinander verbrachten, zwei mündige Staatsbürger der weltlichen Republik, gleich an Rechten, durchaus unabhängig voneinander, gebildet, heiter und elegant. Eine eher bürgerliche als aristokratische Utopie der Moderne, ein französischer Mythos, den auf seine Art auch das linke Paar Beauvoir/Sartre zu verkörpern schien. Als sich der Sozialphilosoph André Gorz und seine Frau Dorine 2007 gemeinsam im hohen Alter das Leben nahmen, lag darin auch ein Moment dieser Utopie. Nicht anders in Michael Hanekes preisgekröntem Film Liebe, in dem sich die lebenslange Liebe zuletzt durch das Töten des geliebten Menschen beweist.

Und nun also das Ehepaar Georgette und Bernard Cazes. Alles an diesen beiden entspricht dem Mythos: sie eine stets stilvoll gekleidete, geistreiche Literaturprofessorin, Schulbuchautorin, Mutter, er ein ehemaliger hoher Staatsbeamter, Offizier der Ehrenlegion, Vater, beide 86 Jahre alt, zusammen seit 60 Jahren, Pariser gebildete Oberschicht. Sie haben dem Tod wie zuvor dem Leben selbstbestimmt die Stirn geboten.

In Frankreich nehmen sich jährlich 3000 alte Menschen das Leben, unmittelbar nach dem Freitod der Cazes’ brachte sich ein weiteres hochbetagtes Paar um, statistisch rangiert die Zahl der Selbsttötungen alter Menschen in Frankreich im internationalen Vergleich weit oben. Aber dieser Freitod im Pariser Art-déco-Hotel Lutetia, den die französische Öffentlichkeit als "Legende" auffasste, wie Le Monde schrieb, war besonders markant. Er war inszeniert als politischer Widerstandsakt und mit genuin französischen Bedeutungen schier überladen: Im selben Hotel, das nicht umsonst nach der römischen Hauptstadt Lutetia benannt ist, hatte Georgette als Kind ihren Vater 1945 nach dessen jahrelanger Gefangenschaft durch die Nazis wiedergesehen. Und neben den beiden Toten lag jetzt nicht nur ein privater Brief an die Familie, sondern auch ein öffentlicher an den Oberstaatsanwalt der Republik, eine Anklageschrift, pünktlich zu einem aktuellen Termin der Politik aufgesetzt. Ein unerbetenes Bürgervotum sozusagen.

Das erbetene Bürgervotum folgt nun auf dem Fuß: Am 16. Dezember soll in Frankreich das Ergebnis einer bisher vertraulichen conférence de citoyens, einer Bürgerberatung zum Thema Sterbehilfe bekannt werden, bevor dann die bisher restriktive Ethikkommission ein neues Votum abgibt und eine parlamentarische Gesetzesnovellierung beginnt, die Präsident François Hollande schon während des Wahlkampfs angekündigt hatte. Denn eine erdrückende Mehrheit der Franzosen spricht sich für eine Liberalisierung der Regelung der Sterbehilfe aus. Wie: Das bleibt zu entscheiden.

Nach dem Tod der Cazes’ wird nun zweifellos in der Debatte auch eine Rolle spielen, was das Ehepaar in seinem letzten Brief einforderte: das besondere Recht alter Menschen, "das Leben heiter zu verlassen". "Mit welchem Recht", fragt dieser Brief anklagend, zwinge der Staat seine Bürger, die alle Pflichten für das Land erfüllt hätten, zu grausamen Methoden des Selbstmords? Warum dürfe ein Mensch, der genug vom Leben habe, nicht ruhig und selbstbestimmt sterben? Schuld sei der bevormundende französische Staat: Er handele "ohne Respekt vor der Freiheit des Bürgers".

Noch eine Debatte also um Autonomie und staatliche Autorität, die das Selbstverständnis des Individuums im weltlichen französischen Staat vital betrifft. Als habe Frankreich mit den jüngsten Protesten gegen die homosexuelle Ehe und Elternschaft, mit der Diskussion um das Prostitutionsgesetz und zuvor um das Burka-Verbot nicht schon genug Streit um die Grenzen des selbstbestimmten Lebens am Hals, treibt die Franzosen nun die Frage um, ob man im hohen Alter nicht das Recht haben sollte, selbst über das Ende des eigenen Lebens zu entscheiden: mithilfe legal verschriebener tödlicher Medikamente.

Aus der generellen Frage, ob ein Arzt das Sterben unheilbar Kranker aktiv durch sein Handeln erleichtern darf, die zum Ende des Jahres 2013 die Debatte in Frankreich bestimmen sollte, wird eine Diskussion um das selbstbestimmte Lebensende im hohen Alter. Es geht um mehr als die Entscheidung für eine schmerzlindernde Palliativmedizin für Schwerstkranke und auch um anderes als die Freiheit des Arztes, Therapien bei Unheilbaren zu unterlassen – die Forderung nach einer legalen Hilfe zur Selbsttötung beruht auf dem Wunsch nach der Unabhängigkeit bis zuletzt, der sich auch auf die Lebensleistung beruft.

Der Gedanke dahinter lautet: Man hat als moderner Mensch ein anderes Sterben durchaus verdient. Darin steckt etwas vom meritokratischen Leistungsgedanken. Der Tod soll nicht unvorhersehbar sein, sondern er soll als ein Erfüllungsgehilfe menschlicher Pläne kommen, nachdem Menschen auch ein Leben selbst verantwortet haben. In Frankreich werden der Geburt durch die verbreitete Praxis des planbaren Kaiserschnitts der biblische Schmerz und die Nichtplanbarkeit des genauen Geburtsdatums genommen. Mit dem Tod, sagt der Abschiedsbrief des Paares Cazes, soll es künftig ähnlich sein. Er soll weltlicher, planbarer werden. Er soll nicht, wie im christlichen Denken, erst durch das ewige Leben seinen Stachel verlieren. Sondern er soll die Würde eines geliebten Menschen wahren, der sich sonst unerträglich fremd werden könnte.

Die Struktur der französischen Gesellschaft hat sich zutiefst gewandelt

Schon länger bemüht sich der laizistische Staat, Bürgern wie den Cazes’ entgegenzukommen. Weltlich ist neuerdings auch die zuständige Ethikkommission Frankreichs zusammengesetzt: Religiöse Amtsträger sind seit dem Sommer 2013, als ihre Mandatszeit in der Kommission zu Ende ging, durch weltliche Religionsexperten ersetzt worden. An die Stelle des Rabbiners trat im Ethikrat ein Neurologe, der sich auch durch Bücher zum jüdischen Denken ausgewiesen hat, und auf einen Pastor folgte eine Reformationsexpertin. Diese reflektierte Distanz zu Glaubensinhalten hat Folgen: Das antike Ideal des Menschen kann nun an Raum gewinnen gegenüber allen religiösen Einschränkungen menschlicher Allmacht, auch gegenüber dem christlichen Menschenbild, das Gottes Kraft in der Schwachheit wirksam sieht. Symptomatischerweise trägt die Regelung zur Sterbehilfe auf Französisch nicht den Tod im Namen, sondern das Leben: Sie spricht vom fin de vie, dem Lebensende. Der Tod soll auch Leben sein.

Dem Ehepaar Cazes hätte dieser Ansatz gefallen. Dem sozialistischen Präsidenten wird sie Proteste von der konservativen Opposition und von den Vertretern der Religionen eintragen. Auch zu Recht: Die Selbstermächtigung gegenüber dem Tod, die Lockerung des Tötungstabus, kann den Schutz der Schwachen und die Würde des Leidens gefährden, kann schwer pflegebedürftige Menschen unter Druck setzen. Die menschliche Freiheit kann auch ein aufgeklärter, moderner Mensch gerade darin gewahrt sehen, dass man das religiöse Tötungsverbot respektiert. Ärzte haben ihren Beruf nicht gewählt, um Sterbehelfer zu werden.

Aber über die Geschichte dieses Paares Cazes wäre nicht bis in die britischen Massenmedien hinein berichtet worden und der Film Liebe von Michael Haneke läge nicht für alle preisgünstig in deutschen Aldi-Filialen aus, wenn es dabei nicht auch noch um die weithin beschwiegene Frage ginge, wer im Zweifelsfall da ist, um einem Menschen beizustehen, der im Alter ohne Hilfe nicht zurechtkommt. Sie ist viel harmloser, viel alltäglicher als die nach der Tötung, und sie betrifft einfach alle.

Die Struktur der französischen Gesellschaft hat sich wie die der deutschen zutiefst gewandelt: Fast jede zweite Ehe wird geschieden. Und die Zahl der Menschen über 60 Jahren ist seit 1950 von 6,7 auf 14,6 Millionen gestiegen. Die Wahrscheinlichkeit, wie die Cazes’ zu zweit mit einem Lebenspartner zu enden, ist mithin gering. Und so steht jeder vor der Frage, wer eines Tages das eigene Lebensende begleiten wird, falls überhaupt jemand da ist.

Vor über 60 Jahren hat der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber geschrieben, dass er, wenn es ans Sterben gehe, die Hand eines Menschen in der seinen halten wolle. Diesem Wunsch trauert vielleicht auch nach, wer in den beiden Toten von Paris dem Ideal der Liebenden nachhängt, die Hand in Hand gehen. Doch wer könnte schon sicher sein, welche Hand es sein wird, die einen hält, wenn es drauf ankommt? Wer mit dem Frankfurter Philosophen Martin Seel die Auffassung teilt, dass es für die Freiheit eines modernen Menschen bestimmend ist, Erfüllung gerade im Unerwarteten zu erleben, der mag es vorziehen, aufgeschlossen für das Nichtplanbare zu bleiben, bis zuletzt.