Schon länger bemüht sich der laizistische Staat, Bürgern wie den Cazes’ entgegenzukommen. Weltlich ist neuerdings auch die zuständige Ethikkommission Frankreichs zusammengesetzt: Religiöse Amtsträger sind seit dem Sommer 2013, als ihre Mandatszeit in der Kommission zu Ende ging, durch weltliche Religionsexperten ersetzt worden. An die Stelle des Rabbiners trat im Ethikrat ein Neurologe, der sich auch durch Bücher zum jüdischen Denken ausgewiesen hat, und auf einen Pastor folgte eine Reformationsexpertin. Diese reflektierte Distanz zu Glaubensinhalten hat Folgen: Das antike Ideal des Menschen kann nun an Raum gewinnen gegenüber allen religiösen Einschränkungen menschlicher Allmacht, auch gegenüber dem christlichen Menschenbild, das Gottes Kraft in der Schwachheit wirksam sieht. Symptomatischerweise trägt die Regelung zur Sterbehilfe auf Französisch nicht den Tod im Namen, sondern das Leben: Sie spricht vom fin de vie, dem Lebensende. Der Tod soll auch Leben sein.

Dem Ehepaar Cazes hätte dieser Ansatz gefallen. Dem sozialistischen Präsidenten wird sie Proteste von der konservativen Opposition und von den Vertretern der Religionen eintragen. Auch zu Recht: Die Selbstermächtigung gegenüber dem Tod, die Lockerung des Tötungstabus, kann den Schutz der Schwachen und die Würde des Leidens gefährden, kann schwer pflegebedürftige Menschen unter Druck setzen. Die menschliche Freiheit kann auch ein aufgeklärter, moderner Mensch gerade darin gewahrt sehen, dass man das religiöse Tötungsverbot respektiert. Ärzte haben ihren Beruf nicht gewählt, um Sterbehelfer zu werden.

Aber über die Geschichte dieses Paares Cazes wäre nicht bis in die britischen Massenmedien hinein berichtet worden und der Film Liebe von Michael Haneke läge nicht für alle preisgünstig in deutschen Aldi-Filialen aus, wenn es dabei nicht auch noch um die weithin beschwiegene Frage ginge, wer im Zweifelsfall da ist, um einem Menschen beizustehen, der im Alter ohne Hilfe nicht zurechtkommt. Sie ist viel harmloser, viel alltäglicher als die nach der Tötung, und sie betrifft einfach alle.

Die Struktur der französischen Gesellschaft hat sich wie die der deutschen zutiefst gewandelt: Fast jede zweite Ehe wird geschieden. Und die Zahl der Menschen über 60 Jahren ist seit 1950 von 6,7 auf 14,6 Millionen gestiegen. Die Wahrscheinlichkeit, wie die Cazes’ zu zweit mit einem Lebenspartner zu enden, ist mithin gering. Und so steht jeder vor der Frage, wer eines Tages das eigene Lebensende begleiten wird, falls überhaupt jemand da ist.

Vor über 60 Jahren hat der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber geschrieben, dass er, wenn es ans Sterben gehe, die Hand eines Menschen in der seinen halten wolle. Diesem Wunsch trauert vielleicht auch nach, wer in den beiden Toten von Paris dem Ideal der Liebenden nachhängt, die Hand in Hand gehen. Doch wer könnte schon sicher sein, welche Hand es sein wird, die einen hält, wenn es drauf ankommt? Wer mit dem Frankfurter Philosophen Martin Seel die Auffassung teilt, dass es für die Freiheit eines modernen Menschen bestimmend ist, Erfüllung gerade im Unerwarteten zu erleben, der mag es vorziehen, aufgeschlossen für das Nichtplanbare zu bleiben, bis zuletzt.