ZEITmagazin: Herr Brackemann, die Stiftung Warentest hat vor fast 20 Jahren einmal Faltencremes getestet, indem sie Silikonabdrücke genommen und die Faltentiefe vor Anwendung der Creme und danach gemessen hat. Ergebnis: keine Veränderung. Trotzdem ist der Markt für Faltencremes immer noch nicht zusammengebrochen. Hören die Menschen nicht auf Sie?

Holger Brackemann: Doch, das tun sie, aber offenbar ist bei Faltencremes der Wunsch größer als die Erkenntnis. Wann immer wir Faltencremes getestet haben, war das Ergebnis enttäuschend. Die Cremes können keine Falten beseitigen, mehr als eine vorübergehende Milderung ist nicht drin. Nein, man kann die Uhr des Lebens nicht zurückdrehen.

ZEITmagazin: Wie sieht es mit Haarausfall aus?

Brackemann: Da haben wir drei rezeptfreie Medikamente getestet, mit dem Ergebnis, dass die Produkte von Regaine das Haar tatsächlich zum Wachsen anregen können, allerdings nur während der Dauer der Behandlung. Mit schwer einzuschätzenden langfristigen Folgen.

ZEITmagazin: Bei einem Test von 2010 wird bei dem ansonsten gut benoteten Shampoo "Dove Intensive Pflege Therapy" die Handhabung bemängelt. Was könnte einfacher sein, als Shampoo aus der Tube zu drücken?

Brackemann: Handhabung bei Shampoos heißt: Kriege ich die Verpackung mit nassen Händen auf, kann ich die Menge dosieren, oder hab ich in null Komma nix die Hand voll? Ein weiterer Aspekt, über den viele Verbraucher sich beschweren, ist die Restentleerbarkeit. Es gibt Verpackungen, die lassen sich nicht stabil auf den Kopf stellen, und nach meiner Erinnerung war das bei dem Dove-Produkt so.

ZEITmagazin: In Ihren Testberichten liest man sehr häufig den Satz: Der Preis sagt nicht zwingend etwas über die Qualität. Da ist, um ein typisches Beispiel zu nennen, der Nagellack "Acquarella Watercolor" für 20 Euro, der im Test von 2012 nur mit "ausreichend" bewertet wurde, während der Nagellack "MNY Maybelline" für 1,95 Euro ein "Gut" bekam. Wieso müssen Sie selbst bei einem so banalen Produkt wie Nagellack mit den Mitteln der Vernunft gegen die Verführungskraft vermeintlicher Luxuswaren ankämpfen?

Brackemann: Ich glaube, rationale Argumente treten bei Kosmetika in den Hintergrund. Da ist der Gedanke, ich gönn mir was.

ZEITmagazin: Wie kann es überhaupt sein, dass ein zehnmal so teures Produkt so viel schlechter ist?

Brackemann: Bei Kosmetik ist der Herstellungsaufwand gering, der Preis besteht schnell mal zu 25 bis 50 Prozent aus Marketingkosten. Bei Waren mit Stecker ist der Aufwand meist höher: Einen Staubsauger unter 80 Euro, der nach unseren Testkriterien gut funktioniert, den gibt’s nur im Sonderangebot.

ZEITmagazin: An welcher Stelle wird da bei der Produktion gespart?

Brackemann: Die Kohlebürsten im Motor sind beispielsweise kürzer, und wenn sie abgerieben sind, ist der Staubsauger kaputt. Das kostet nur ein paar Cent weniger, aber bei sehr preiswerten Geräten wird eben an jedem Teil gespart. Oder an der Konstruktion: Ein wichtiges Kriterium beim Staubsauger ist, wie viel Staub durch seine Ritzen wieder entweicht. Eine gute Abdichtung ist eben gute Ingenieurarbeit und gute Fertigungsqualität. Wenn die nicht stimmen, pfeift der Staub links und rechts wieder raus.

ZEITmagazin: Es werden seit Jahrzehnten Staubsauger hergestellt, wie schaffe ich es da als Ingenieur überhaupt, einen schlechten Staubsauger zu konstruieren?

Brackemann: Manchmal bauen kleine Unternehmen aus Fernost die Staubsauger mit sehr begrenztem Know-how nach. Da ist die ganze Kette nicht in Ordnung, Entwicklung, Fertigung, Material. Es gibt Untergrenzen im Preis, ab denen Sie keine vernünftige Qualität mehr hinkriegen.

ZEITmagazin: Gibt es auch eine Obergrenze, ab der die Qualität nicht mehr steigt?

Brackemann: Sicher. Eine Waschmaschine für 500 Euro ist grundsätzlich nicht schlechter als eine für 800. Die teure hat vielleicht mehr Programme, wäscht aber nicht unbedingt sauberer.

ZEITmagazin: Ist der gute Ruf von Miele dann ein Mythos?

Brackemann: Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in den letzten zehn Jahren ein Miele-Produkt mit "befriedigend" oder schlechter bewertet haben. Ein Claim von Miele ist ja, dass deren Waschmaschine 20 Jahre hält, während eine durchschnittliche Waschmaschine laut Marktforschungsdaten nach zwölf Jahren ausgetauscht wird. Deshalb hätte Miele auch gerne längere Tests zur Haltbarkeit, aber um 20 Jahre Gebrauch im Dauertest zu simulieren, bräuchten wir mehr als ein Jahr. Nach Abschluss des Tests wären die meisten Waschmaschinen auf dem Markt nicht mehr erhältlich. Was die Performance angeht, gibt es in der Spitzengruppe keine nennenswerten Unterschiede. Da ist man an einer technischen Grenze angekommen.

ZEITmagazin: Das Ende der Geschichte bei Waschmaschinen ist erreicht?

Brackemann: So würde ich das nicht formulieren. Die größte Fehlerquelle bei Waschmaschinen ist der Benutzer. Der nächste Schritt wird sein, den Faktor Mensch auszuschalten.

ZEITmagazin: Wie hat man sich das vorzustellen?

Brackemann: Die Maschine muss mein Wäscheproblem erkennen und sich möglichst intelligent darauf einstellen: Waschmitteldosierung, Temperatureinstellung, Programmwahl – das wird in Zukunft ohne menschliches Zutun geregelt.

ZEITmagazin: Macht es eigentlich einen Unterschied in der Qualität, wo eine Waschmaschine gefertigt wurde?

Brackemann: Nein. Man kann heute in vielen Ländern der Welt gute Qualität produzieren. Sagt Ihnen der Namen Arçelik etwas? Das ist ein großer türkischer Hersteller von Haushaltsgeräten, der seine Produkte in Deutschland unter den Markennamen Beko oder Blomberg vertreibt. Von denen testen wir regelmäßig Produkte, die günstig sind und gut abschneiden.

ZEITmagazin: Viele Länder wollen irgendwann Produkte nicht nur fertigen, sondern auch entwickeln. Konstruieren die Chinesen inzwischen gute Haushaltsgeräte?

Brackemann: Auf dem deutschen Markt gibt es seit einigen Jahren die chinesische Marke Haier. Von denen hatten wir Trockner, Waschmaschinen, Geschirrspüler mit nicht besonders guten Ergebnissen im Test. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird. Bei Fernsehern brachte man in der Vergangenheit gute Qualität nicht unbedingt mit Südkorea zusammen – inzwischen ist Samsung bei den Flachbild-Fernsehern auf Spitzenplätze abonniert. Deutsche Marken wie Loewe oder Metz waren in den letzten Tests teurer und schlechter, und Loewe hat ja jetzt auch Insolvenz anmelden müssen.