Die Gegenwart gibt sich alle Mühe, eine negative Utopie einzuholen, die Elias Canetti schon im Jahr 1952 entworfen hat. In seinem Schauspiel Die Befristeten entwirft Canetti einen Staat, welcher die Zeit seiner Bürger zum Maß aller Dinge macht: Die Lebenserwartung eines Menschen entscheidet über seinen Status. Nur wer lang lebt, ist ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Die früh Sterblichen bilden das Proletariat, die Langlebigen die Aristokratie. Die höchste Lebenserwartung sichert die höchste Lebensleistung.

Kurz nach der Geburt, so Canettis Vision, wird jedem Neugeborenen eine Kapsel um den Hals gehängt, die er niemals öffnen darf. In der Kapsel befindet sich ein Papier, auf dem das Datum seines Todes notiert ist. Der heranwachsende Mensch weiß nicht, wie alt er ist, denn man verrät ihm nicht sein Geburtsdatum, aber er weiß, wie alt er werden wird: Er ist nach dem Alter benannt, das er erreichen wird.

Ein junger Mann, der 88 Jahre alt werden wird, heißt Achtundachtzig, und um ihn scharen sich sehnsüchtig die Frauen: Männer mit so eindrucksvoller Lebenserwartung werden auch "Die Ganz Hohen" genannt. Sie sind Würdenträger. Ihr Wort und ihr Erbgut haben Bestand – sie werden Geschichte schreiben. Es gibt aber auch junge Menschen, die Vierundzwanzig oder Dreißig heißen. Sie bewegen sich unsicher unter den "Ganz Hohen", scheue Gestalten, die bald verschwunden sein werden. Und es gibt einen kleinen, vogelfreien Jungen, der alles darf und keine Schule besucht: Er heißt Zehn.

Die Befristeten handelt von einer totalitären Gesellschaft, deren Herrschaft darin besteht, dass sie dem Tod seinen Stachel nimmt – indem sie nämlich den Tod selbst beherrscht, verwaltet, instrumentalisiert, exekutiert. Die Ideologie dieses Schreckenssystems lautet: Solange der Tod "wild" unter uns wütet, solange die Existenz zwischen den Menschen in jeder Minute ausgekämpft wird, herrscht Barbarei. Nur wenn der Todeszeitpunkt der Menschen von Beginn an feststeht, kann Friede einkehren. Und nur wer den "Augenblick" seines Todes in Ehrfurcht erwartet, ist ein würdiger Mensch.

In einer Szene der Befristeten diskutieren zwei Figuren über die frühe Festlegung der individuellen Todesdaten: Sie nennen sie "den größten Fortschritt in der Geschichte der Menschheit". Erst seitdem der Tod derartig gezähmt sei, könne von Zivilisation gesprochen werden. Was waren die Menschen vor dieser Zäsur? "Es waren eben Wilde vorher. Arme Teufel." Es waren Wesen, die ins Ungewisse lebten, also Bestien.

Da nun jeder das Alter kennt, das er erreichen wird, so lautet die Logik in Canettis Zeit-Diktatur, kann er mit seiner Zeit vernünftig wirtschaften. Bei Canetti sagt einer zum anderen: "Es ist dir allein bekannt, wie viel du hast; so kann dir niemand dreinreden. Alles hängt davon ab, daß du dich nach deiner Decke streckst. ... Du mußt einfach wissen, was du mit deiner Zeit kaufst. Es ist deine Schuld, wenn du es dir schlecht einteilst."

An diesen Investitionscharakter von Lebenszeit, den Kampf der Überlebenden gegen die früh Abtretenden, wird man erinnert, wenn man sich mit der real existierenden amerikanischen Genforschungsfirma 23andMe befasst. Das Unternehmen, dessen Name sich von den 23 Chromosomenpaaren des Menschen ableitet, ist im Besitz der größten privaten Menschen-Gendatensammlung, die es gibt. Es hat seinen Sitz im Silicon Valley, und seine Chefin ist Anne Wojcicki, die Ehefrau des Google-Mitgründers Sergey Brin und Schwester der Google-Vizepräsidentin Susan Wojcicki. Seit Langem ist das Unternehmen im Visier der zuständigen amerikanischen Behörde. Bis vor wenigen Wochen bot 23andMe folgenden Dienst an: Für 99 Dollar konnte jeder Kunde eine per Post eingesandte Speichelprobe auf rund 200 genetisch bedingte Krankheiten und etwa 100 weitere "Veranlagungen" analysieren lassen. Etwa eine Million Basenpaare im Genom des Kunden wurde analysiert. Rund 250 "Aussagen" (so die Terminologie) wurden aus dem Material gewonnen und per Post dem Kunden zugesandt – der sich, so darf unterstellt werden, Prognosen über seinen zukünftigen Gesundheitszustand und Warnungen vor möglichen Krankheiten erhoffte. Über dem Geschäftsfeld der "Genotypisierung" schwebt, langfristig, die Verheißung, der Kunde könne Aufschluss über den ungefähren Zeitpunkt seines Todes gewinnen und mit allen Mitteln am Aufschub dieses Datums arbeiten. Die Verheißung solchen Wissens brachte dem Unternehmen 23andMe rund 450.000 Kunden und den Besitz einer gigantischen Datenbank, ja es ist wohl die größte private Gendatensammlung der Menschheit.

Vor Kurzem hat die amerikanische Gesundheitsbehörde, konkret: die Lebensmittel- und Pharmaaufsicht FDA, dem Unternehmen eine Abmahnung geschickt. 23andMe habe keine Zulassung für die medizinische Auswertung der gewonnenen Daten. Das Unternehmen solle es unterlassen, seinen Kunden eine von keinem fachlichen Gutachten und keiner medizinischen Dienstleistung begleitete Liste möglicher Krankheiten, Defekte und Gesundheitsrisiken zu schicken; viel zu groß sei die Gefahr, dass die Kunden aus den erhaltenen Daten falsche Schlüsse zögen.

Damit ist eine atemberaubende Expansionsgeschichte unterbrochen, aber noch lange nicht gestoppt. Das Unternehmen 23andMe hat, wie die Firmensprecherin Catherine Afarian vor wenigen Wochen in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bekannte, ungeheure Ziele: "Wenn man erst einmal die Daten von einer Million Menschen hat, ist die Schlagkraft, die man dadurch erlangt, gewaltig. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, unsere Forschung und die Daten, die wir besitzen, zu monetarisieren." Vieles, was möglich sei, könne man jetzt noch gar nicht antizipieren, sagte die Sprecherin. Eines wisse sie aber gewiss: "Wir werden über die Jahre sicherlich neue Verwertungswege und Angebote schaffen." In Kürze, so war geplant, sollte der Kundenstamm von 23andMe auf 25 Millionen Menschen anwachsen. Die Daten dieser Menschen sollten dann im Speicher der Firma lagern, genauer: in zwei getrennten Speichern, damit kein Missbrauch geschieht. In dem einen Speicher, so beteuert Catherine Afarian, ruhten die Gendaten der Kundschaft, im anderen deren biografische Daten.