Wenn Florian Zeller* einen Wunsch frei hätte, dann hätte er gern einen großen Bruder. Einen, der zehn Jahre älter und am besten schon Oberarzt wäre. Dieser Bruder hätte ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, kurz ADHS, so wie er, aber nicht mehr die Probleme, mit denen Zeller noch zu kämpfen hat. Er würde ihm auf die Schulter klopfen und sagen: "Hey, das wird schon."

Wer den Blick durch das große Wohnzimmer in der schönen Altbauwohnung schweifen lässt, denkt nicht, dass hier ein Chaot wohnt. "Für die Ordnung sorgt meine Frau", sagt Zeller, hebt seinen kleinen Sohn auf den Schoß und plaudert offen drauflos. Auf einmal fallen Worte wie "Tortur" oder "Leiden". Und Zeller erzählt von dem "Blutzoll", den er für seine Karriere zahlen muss.

Seit seiner Kindheit hat der 34-Jährige die Hyperaktivitätsstörung ADHS. Damals hatte man ihm das Medikament Ritalin gegeben und ihn zur Psychologin geschickt. In der Hoffnung, dass die Störung nach der Pubertät vorbei ist. Doch vergebens. Zu sehr bestimmt ADHS auch heute noch seinen Alltag als Assistenzarzt an einer Klinik in einer norddeutschen Großstadt.

Auf den ersten Blick ist Florian Zeller ein echter Sonnyboy, der Typ Arzt, den man sich als Patient wünscht. Er ist freundlich und aufmerksam. Er arbeitet viel, liebt seinen Beruf. Doch in einem Krankenhaus gibt es auch andere Ärzte, Krankenschwestern, Vorgesetzte, die Dinge erwarten, die Zeller nicht erfüllen kann: Teamgeist und das Einhalten von Regeln. In der Klinik weiß niemand von seiner Störung, er hält sie verborgen. "Erst mal muss ich selbst meine Unzulänglichkeiten akzeptieren", sagt Zeller. "Aber das kann ich nicht."

Immer wieder eckt er an, trifft impulsiv Entscheidungen. Er könne seine Klappe nicht halten, sagt er. Oft fühlt Zeller sich wieder wie das Kind, mit dem keiner spielen wollte. Dessen Lehrerin seine Schultasche schnappt und auf dem Pult auskippt, weil sie so unordentlich ist. Als Schüler hat er gepaukt, um seine Konzentrationsschwäche zu verdecken. Doch ein Sonderling ist er bis heute. Mit denselben Verhaltensmustern wie damals: Heute macht er Überstunden bis zum Umfallen, nebenbei forscht er noch.

Bis in die 1990er Jahre galt ADHS als reine Kinderkrankheit. Doch was immer noch wenig bekannt ist: Bei mindestens einem Viertel der Kinder mit ADHS verschwindet die Störung im Laufe der Jahre nicht. Das bestätigt Alexandra Philipsen, Psychiaterin am Universitätsklinikum Freiburg: "Heute wissen wir, dass auch viele Erwachsene betroffen sind. ADHS als Modediagnose zu bezeichnen wäre unverantwortlich. Es handelt sich um eine nachweisbare neurobiologische Störung."

Nur die Symptome verändern sich. So sind Erwachsene mit ADHS zwar meist keine ungestümen Zappelphilippe mehr. "Aber viele entwickeln eine starke Versagensangst, weil sie sehen, dass sie trotz eines hohen IQs hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Das ist auf Dauer frustrierend", so Philipsen. Hinzu kämen Vergesslichkeit, Ungenauigkeit oder auch Probleme mit Autoritäten. "Oft machen die Betroffenen Alleingänge, die ihnen zwar sinnvoll erscheinen, im Job aber nicht gut ankommen."

Mit Alleingängen bringt sich auch Florian Zeller im Berufsalltag immer wieder in Bedrängnis. Oftmals hält er beispielsweise Dienstwege nicht ein – um "Zeit zu sparen". Daran ändert dann auch ein Donnerwetter vom Chef nichts. Denn selbst wenn er wollte: Der 34-Jährige kann sich nicht angepasst verhalten, da alles, was er tut, einer Logik entspricht, die nur er versteht.

Mit den Patienten kommt der Orthopäde und Unfallchirurg gut klar. "Es ist ja auch nur ein kurzfristiges Verhältnis. Nur manchmal geht mein Mundwerk mit mir durch, indem ich Befunde oder Komplikationen zu drastisch und emotional ausschmücke." Eine Gefahr für die Patienten sei er aber nicht.

Zum Alltag eines Assistenzarztes gehört viel Verwaltung: Arztbriefe schreiben, Reha-Maßnahmen beantragen. "Ich bin vergesslicher als die Kollegen. Doch die Kontrolle ist so engmaschig, dass grobe Fehler sofort auffallen." Das Operieren dagegen falle ihm nicht schwer. "Viele Reize führen eher dazu, dass ich konzentriert bin. Da ich quasi keinen Filter habe, nehme ich jedes Detail sehr stark wahr. Und ich kann gut improvisieren." Zeller glaubt, dass er ein guter Operateur sein könnte – wenn man ihn nur öfter machen ließe. "Ich komme leider wenig zum Zug, da ich nun mal nicht der beliebteste Assistenzarzt bin." Auf seinen Lebenslauf ist Zeller stolz. Was ihm fehlt, ist die Anerkennung. Ein Lob vom Chef. Die Einladung zum Feierabendbier mit den Kollegen. Und wie in den meisten Berufen kommt es auch unter Ärzten auf einen guten Ruf und Empfehlungen an.