Im Jahr 1967 las der junge amerikanische Autor John Updike ein Buch über die Ermordung John F. Kennedys. In dem Buch wird der mysteriöse "Umbrella Man" beschrieben, ein Mann mit einem schwarzen Regenschirm, der auf mehreren Bilddokumenten des Attentats auf den amerikanischen Präsidenten zu sehen ist. Allerdings schien an diesem Tag die Sonne. Wozu also der Regenschirm? Wer war der Mann mit dem Schirm? Updike schrieb, die Existenz des "Umbrella Man" habe ihn zu der Überlegung veranlasst, ob nicht jede hinreichend genaue Analyse eines winzigen Ausschnitts von Raum und Zeit, in diesem Fall die sechs Attentatssekunden in Dallas, solche sonderbaren Erscheinungen hervorbringe: "Lücken, Ungereimtheiten, Verwerfungen und Blasen im Gewebe der Umstände". Vielleicht, so Updike, überschreite jede Untersuchung einen gewissen Punkt des Alltagsverständnisses und betrete eine Art subatomare Wirklichkeit, in welcher Personen mit der Lebensspanne von Betateilchen und der Transparenz von Neutrinos auftreten.

Am 10. Dezember, fand im südafrikanischen Soweto, einer Township von Johannesburg, die Trauerfeier für den kurz zuvor verstorbenen Nelson Mandela statt. Auf der Rednertribüne, direkt neben den internationalen Gästen, stand ein Mann, der aussah wie ein Simultandolmetscher für Gebärdensprache. Er blieb während der ganzen, vier Stunden dauernden Veranstaltung an seiner Stelle und machte seine Gebärden, mit vollkommen steinerner Miene. Aber, wie vielen Gehörlosen auf der ganzen Welt schon während der Live-Übertragung auffiel, seine Gesten ergaben nicht den geringsten Sinn. Auf Twitter meldeten sich früh die ersten Vertreter südafrikanischer Gehörlosenverbände. Sie fühlten sich, völlig zu Recht, verspottet und forderten, jemand solle "diesen Clown" entfernen. Es war, wie Experten aus aller Welt bald bestätigten, eine lächerliche Imitation von Gebärdensprache, die allenfalls einige isolierte Wörter enthielt.

Wer war dieser Mann? War er ein Verrückter, der davon überzeugt war, echte südafrikanische Gebärdensprache zu sprechen? Glaubte er möglicherweise, gehörlose Menschen seien so stark geistig beeinträchtigt, dass sie bereits durch ein paar vage Gesten irgendwie zufriedengestellt werden könnten (so wie viele Leute mit geistig behinderten Menschen in Babysprache reden)?

Diese Vorstellung erinnerte mich an die tragische Geschichte der Ehefrau des Sprechtherapeuten Alexander Graham Bell, (des Mannes, der einst das Patent des Telefons vermarktete). Sie hieß Mabel Gardiner Hubbard und war seit ihrem vierten Lebensjahr vollkommen taub. Sie beherrschte das Lippenlesen, konnte sich aber nur rudimentär über ihre eigene Stimme verständigen. Sie bat ihren Ehemann, gemeinsam mit ihr die Gebärdensprache zu erlernen. Bell antwortete mit einer der dümmsten Aussagen aller Zeiten: "Der Gebrauch von Gebärdensprache ist schädlich. Die einzige Art, wie Sprache richtig beherrscht werden kann, ist, sie als Kommunikation von Gedanken zu verwenden, ohne die Übersetzung in irgendeine andere Sprache." Mabel Hubbard erlernte nie die Gebärdensprache.

Es gibt immer noch viele Menschen, die wie Bell denken. Ihnen ist durchaus zuzutrauen, dass sie sich vor Gehörlose hinstellen, ein paar Gebärden machen und ehrlich davon überzeugt sind, zu diesen – ihrer Meinung nach – simplen, nur rudimentär mit Sprache ausgestatteten Geschöpfen etwas Bedeutungsvolles mitgeteilt zu haben.

Aber ehrlich gesagt, konnte ich dieser möglichen Erklärung in diesem Fall keinen Glauben schenken. Der Pseudodolmetscher sah zu entschlossen, zu ernst aus. Es war nichts ostentativ Herablassendes in seinem Auftritt. Vielleicht war er doch ein Wahnsinniger, der sich einbildete, sinnvolle Sätze zu sagen? Auf Facebook wies mich mein lieber Kollege Johannes Wankhammer auf eine Stelle bei Wittgenstein hin: "Wäre eine Sprache denkbar, in der einer seine inneren Erlebnisse – seine Gefühle, Stimmungen etc. – für den eigenen Gebrauch aufschreiben oder aussprechen könnte? – Können wir denn das in unserer gewöhnlichen Sprache nicht tun? – Aber so meine ich’s nicht. Die Wörter dieser Sprache sollen sich auf das beziehen, wovon nur der Sprechende wissen kann; auf seine unmittelbaren, privaten Empfindungen. Ein anderer kann diese Sprache also nicht verstehen." Das Gesicht des Mannes auf der Rednertribüne zeigte diese unergründliche Entschlossenheit eines Menschen, der nur in seiner eigenen Welt Sinn produziert.

Es war natürlich möglich, dass es sich bei diesem Mann um eine Art Performancekünstler handelte. Vielleicht war er ein professioneller Fotobomber, von schwindelerregenden Andy-Kaufman-Dimensionen. Einer, der sich gern in die Gegenwart von berühmten, von Sicherheitskräften umgebenen Menschen schleicht. Immerhin stand er gute vier Stunden auf der Rednertribüne und nur einen Meter von Barack Obama entfernt. Wollte er beweisen, dass die Sicherheit des amerikanischen Präsidenten nicht so vollkommen ist, wie man immer glaubt? Er bewies jedenfalls, dass man sich ohne die geringsten Qualifikationen neben ihn stellen und dort einen Tanz sinnloser Gebärden aufführen kann. War es ein Akt von "poetischem Terrorismus", wie der Anarchist Hakim Bey es nannte? Denn das besonders Elektrisierende an der ganzen Angelegenheit war ja, dass es tatsächlich nur Pseudogebärden waren und es keine eindeutig aggressive Sabotage gab. Man darf annehmen, dass, wenn man diesen Mann an dieser Stelle einschleusen konnte, es auch möglich gewesen wäre, jemanden hinzustellen, der irgendetwas Kritisches oder Provokantes in südafrikanischer Gebärdensprache vorträgt. Vielleicht eine Verlesung aller Namen der in einem rechtlichen Limbus gefangenen Freigesprochenen von Guantánamo. Man hätte die Rede – für die Gehörlosen der Welt – in etwas wahrhaft Unerhörtes verwandeln können.