Emanuel Leutzes Bild, dreieinhalb mal sechseinhalb Meter, hängt im Metropolitan Museum in New York.

Es ist das bekannteste Gemälde der USA, ein Heiligtum der Nation. Es hängt im Metropolitan Museum of Art in New York, eine Kopie im Westflügel des Weißen Hauses in Washington, in den Amtsräumen des Präsidenten. Immer wieder wurde und wird es zitiert, selbst in einem der berühmtesten Fotos des Zweiten Weltkriegs, Joe Rosenthals Raising the Flag on Iwo Jima, schimmert es durch. Die Zahl der Reproduktionen, ob auf Postkarten, Briefmarken oder Sammeltassen, in Schulbüchern oder im Internet, geht ins Unermessliche, jedes amerikanische Kind kennt es: Washington Crossing the Delaware – General George Washington überquert den Delaware.

Das gewaltige, hochpatriotisch gerahmte Ölgemälde, 3,78 mal 6,47 Meter, schildert ein Urdatum der US-Geschichte: Weihnachten 1776. Es ist die Nacht vom 25. auf den 26. Dezember, als die kleine Rebellenarmee des freien Amerikas, die schon am Ende scheint, zum Gegenangriff übergeht. Beherzt sammelt sie sich auf ihrem Rückzug von New York in Richtung Philadelphia, setzt über den halb vereisten Delaware und greift noch am selben 26. Dezember das Städtchen Trenton an, wo die Verfolger einquartiert liegen. Die Überrumpelung gelingt, Washingtons Armee besetzt Trenton – und ihr Siegeszug beginnt, der fünf Jahre später mit dem vollkommenen Triumph über Englands Truppen in Yorktown enden wird.

Eigentlich war es bloß eine Frage der Zeit, bis das weihnachtliche Husarenstück seinen Maler finden würde. Und es fand ihn, über ein halbes Jahrhundert später, da war Amerikas erster Präsident schon lange tot. Aber es sollte nicht auf amerikanischem Boden entstehen, sondern auf deutschem: im Düsseldorfer Atelier von Emanuel Leutze. Sein Gemälde, die Männer in ihren Booten, zwischen den treibenden Eisschollen, im nebligen Licht des allerersten Morgengrauens, wurde zum Inbegriff des Aufbruchs, der Entschlossenheit in aussichtsloser Lage. Es wurde zum Inbegriff des europäischen Traums von der amerikanischen Freiheit.

Düsseldorf war Künstlermetropole

Denn das Land, in dem dieses Bild gemalt wurde, hatte seine gescheiterte Revolution gerade erst hinter sich. Emanuel Leutzes Delaware ist der Rhein. Leutzes Bürgergeneral und seine Mitkämpfer spiegeln die Sehnsucht nach einer deutschen Armee der Freiheit. Sein Gemälde entwirft ein Traumbild, in dem sich die Geschichten zweier Nationen kreuzen, die aufs Innigste miteinander verbunden sind.

Auch der Maler selber lebte ein Leben zwischen diesen beiden Welten. Am 24. Mai 1816 wird er in Schwäbisch Gmünd geboren. Vater Gottlieb Leutze ist glühender Demokrat, 1825 wandert die Familie in die USA aus. In Philadelphia wächst der Junge heran, in der Stadt der Unabhängigkeitserklärung, durch die der Delaware River fließt. Nach dem Tod des Vaters muss Emanuel die Familie ernähren. Die Malerei ist Neigung wie Einkommensquelle. Er nimmt privaten Kunstunterricht, es gibt die ersten Aufträge für Porträts. Manche dieser Bilder wirken noch etwas krude, doch er gewinnt Gönner, die sein Talent erkennen und ihm ein Studium in Europa finanzieren: an der Kunstakademie in Düsseldorf.

Im vierten Quartal 1841 schreibt sich Leutze dort ein – und genießt das neue Leben. Die ehemalige Residenzstadt am Rhein schaut stolz auf ihre Künstler aus allen Ländern Europas und den USA. "Die Maler", so erinnerte sich 1884 ein amerikanischer Besucher, wurden hier "auf eine Art geehrt und respektiert, die kaum vorstellbar ist". Ging ein Künstler, ging der Landschafter Andreas Achenbach oder der Historienmaler Carl Friedrich Lessing über die Königsallee, so habe das mehr Aufmerksamkeit erregt "als Vanderbilt oder Gould, wenn sie über die Wall Street fahren".

Die Akademie ist zwar noch im 18. Jahrhundert, zur kurfürstlichen Zeit, gegründet worden. Doch erst nach dem Wiener Kongress 1815, als das Rheinland an Preußen fiel, beginnt ihr rasanter Aufstieg. Unter der Leitung von Peter von Cornelius und Wilhelm von Schadow, dem Sohn des Berliner Bildhauers, wird sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts "zum Inbegriff für die Erneuerung der Kunst", wie es Bettina Baumgärtel von der Stiftung Museum Kunstpalast in Düsseldorf nennt. "Allseits bestaunt, gerühmt und gefeiert, löste die Düsseldorfer Malerschule ein, was von Rom bis Paris, von Wien bis St. Petersburg den neuen Ansprüchen an die Kunst entsprach: eine Malerei geschichtlicher Aktualität, religiöser Erbauung, bald auch sozialen Engagements und lebensnaher Schilderungen."

Emanuel Leutze wirft sich ganz auf die Historienmalerei. Schon bald nach Beginn seines Studiums in Düsseldorf kann er seiner Schwester daheim in Amerika schreiben, dass der erste Schritt zum Ruhm getan sei. Und dass er Größeres im Sinn hat: "Wenn ich erst mal einen Namen als Künstler in Europa habe, brauche ich auch in Amerika keine Furcht zu haben." Carl Friedrich Lessing höchstselbst nimmt ihn unter seine Fittiche, und auch Akademiedirektor Schadow ist beeindruckt, als er Leutzes erstes großes Werk sieht: Kolumbus vor dem Rat von Salamanca.