Wer in die Hölle will, muss an Marktständen vorbei. Einfache Holzkonstruktionen, auf denen Fernbedienungen ausliegen, Computermäuse, Festplatten, ordentlich sortiert in Wäschekörben. Dann kommen Hügel aus Fernsehern, Mikrowellen, Computerbildschirmen, immer noch sortiert, grob zumindest. Und dann ist da das Feuer. Angeheizt durch Isolierschaum und gefüttert mit Kabeln, hinterlässt es einen dichten, schwarzen Rauch. Agbogbloshie, Ghana, Endstation des weltweiten Elektroschrotts. Die Hölle, sagen diejenigen, die nicht hier leben. Der beste Ort der Welt, sagt Sheriff, 18 Jahre alt, auf einem umgedrehten Computerbildschirm sitzend.

Laut einem aktuellen Report der Schweizer Nichtregierungsorganisation Green Cross zählt Agbogbloshie zu den am meisten verseuchten Gebieten der Erde, in den Top Ten ist auch Tschernobyl. Die Wege in Agbogbloshie sind gepflastert mit Blei, Cadmium, polychloriertem Biphenyl, Antimon, Dioxinen, Furanen und vielem mehr. Bezeichnungen, die so giftig klingen, wie sie auch sind. Stoffe, die das Gehirn schädigen und das Nervensystem, die das Wachstum beeinflussen und das Verhalten, Stoffe, die krebserregend sind.

Es ist ein Morgen Anfang Dezember, schon jetzt ist es heiß, der Wind weht nur leicht. In Agbogbloshie sind sie schon lange wach, früh kamen die Elektroschrottladungen aus Tema, Ghanas größtem Hafen, Lkw-Ladeflächen und Fahrradanhänger voller Altgeräte, in deren Innern Rohstoffe lagern: Aluminium und Kupfer, Silber, Gold und Palladium, Seltene Erden. Der Jugendliche, der sich Sheriff nennt, will Kupfer. Für ein Pfund wird er von einem Zwischenhändler am Ort fünf Cedis bekommen, umgerechnet rund 1,50 Euro, an einem Tag ist das zu schaffen. Sheriff kommt aus dem armen Norden Ghanas, wie so viele hier, wie lange er schon da ist, weiß er nicht.

Agbogbloshie ist ein Friedhof für das, was Industrieländer nicht mehr wollen

Sheriff beugt sich nach unten und hämmert weiter, stoisch, immer und immer wieder, so als wolle er das Geld aus dem Metall prügeln. Jeder hier hämmert, das Klopfen ist der Sound von Agbogbloshie. Die Reggae-Musik, die aus manchen Hütten dringt, kommt dagegen nicht an. Röhrenfernseher und Computerbildschirme liegen tot am Wegesrand, der Staub hat ihre Hüllen stumpf werden lassen, bei den meisten fehlt das Glas, es sind nun Plastikrechtecke wie leere Augenhöhlen. In Deutschland würden sie zur "Sammelgruppe 3" gehören: "Informations- und Telekommunikationsgeräte, Geräte der Unterhaltungselektronik".

Agbogbloshie ist ein Friedhof für das, was die Industrieländer nicht mehr wollen. Weil es aus der Mode ist. Weil es Besseres gibt. Weil jedes Jahr Weihnachten ist. Während Sheriff hämmert, öffnen in Deutschland gerade die Geschäfte, Saturn, MediaMarkt, Euronics, sie verkaufen die neuesten Flachbildschirme, Tablet-Computer und die neuen Spielkonsolen von Sony und Microsoft, zu null Prozent finanziert, da kann jeder zuschlagen. Könnten sich Sheriff und die anderen all die aktuellen Werbeprospekte durchsehen, sie wüssten, was in ein paar Jahren bei ihnen ankommen wird.

Derzeit sortieren sie in Agbogbloshie die Weihnachtsgeschenke von vor zehn Jahren: Auf einem der vielen Elektroschrotthügel liegt beispielsweise ein Videorekorder, Philips, Modell VR 740/02, der in Deutschland 2003 auf den Markt gekommen ist. Im Frühjahr 2004 war der Rekorder in der Saturn-Werbung abgebildet, als Sonderangebot für 109 Euro.

Einer aktuellen Studie der StEP-Initiative zufolge – StEP steht für "Solving the E-Waste Problem", eine Organisation der Vereinten Nationen – fielen im vergangenen Jahr weltweit fast 50 Millionen Tonnen Elektroschrott an. Im Durchschnitt sind das sieben Kilogramm pro Person, und 2017 wird es Schätzungen zufolge fast ein Drittel mehr sein. "Da rollt eine Lawine auf uns zu", sagt Rüdiger Kühr, Generalsekretär der StEP-Initiative. Aber es sind nicht nur Konsumlust und neuer Wohlstand, die sie wachsen lassen, sondern auch die rasante technische Entwicklung von Computern. Deren Prozessorleistung verdoppelt sich alle zwei Jahre, sodass neue Maschinen ihre Vorgänger so schnell alt aussehen lassen, dass Computer in den Industrieländern durchschnittlich nur zwei bis drei Jahre benutzt werden.

Allein die Deutschen erwerben jüngsten Zahlen zufolge Computer, Küchengeräte und Unterhaltungselektronik mit einem Gewicht von 1,6 Millionen Tonnen – pro Jahr; zeitgleich werden nur rund 640.000 Tonnen ordnungsgemäß recycelt. Viel landet im Hausmüll oder auf Schrottplätzen – und etwa 150.000 Tonnen werden illegal außer Landes gebracht, zum Beispiel nach Ghana.

Für die Menschen in Agbogbloshie ist der Elektroschrott Entwicklungshilfe

Illegal ist der Export, weil es nach den Baseler Konventionen von 1992 nicht erlaubt ist, defekte Elektrogeräte außer Landes zu schaffen, sie zählen zu den "gefährlichen Abfällen". Nur funktionsfähige Secondhand-Ware darf über die Grenze.

Für kaputte Unterhaltungselektronik gilt: Sie soll in Deutschland zurück zum Hersteller gehen, und der muss sie auf eigene Kosten entsorgen, was wiederum die Stiftung Elektro-Altgeräte überwacht. Doch wenn die Kunden ihre alten Computer beispielsweise einem Kleinhändler geben, der vor einem der vielen deutschen Wertstoffhöfe wartet, sind die Hersteller machtlos.

Von Nichtregierungsorganisationen und Insidern hört man zudem immer wieder, dass das System umgangen wird: Container verlassen Deutschland per Schiff, vorn sind Secondhand-Geräte übereinandergestapelt, dahinter ist nur Schrott. Oder Gebrauchtfahrzeuge, die bis unters Dach mit Elektromüll vollgestopft sind und so in deutschen Häfen nach Übersee verladen werden. Das Ganze wird dann als Entwicklungshilfe gekennzeichnet.