Welche Internetthemen haben uns im zurückliegenden Jahr bewegt? Klar, die Enthüllungen von Edward Snowden zu Prism, Tempora und Co-Traveller; sicher der #Aufschrei; vielleicht auch die #BTW13; Twitters Börsengang; Amazons Arbeitsbedingungen; außerdem der Selbstmord von Aaron Swartz und die harte Gefängnisstrafe für die WikiLeaks-Informantin Chelsea Manning – eine Revue von 2013 kommt an den großen Themen nicht vorbei. Vielleicht war es das Jahr, in dem das Internet erwachsen geworden ist. Mit allen Ernüchterungen, mit allem Ernsten und Schweren. Aber es gab auch die kleinen Erlebnisse, unsere digitalen Momente. Hier haben wir elf davon gesammelt:

Das virale Video: Happy

Wie kommt das Glück in die Welt? Große Frage, einfache Antwort: mit 24hoursofhappy.com – dem ersten 24-Stunden-Musikvideo der Welt. Es besteht aus dem Vier-Minuten-Song Happy von Pharrell Williams , 360-mal hintereinander. So eine Dauerrotation hält kein Mensch aus? Von wegen! Genial einfach, einfach genial die Musik: Clap-your-hands-Soul, der in Bauch, Beine, Po geht, dazu die über allen irdischen Beschwernissen fliegende Falsettstimme von Williams. Seine simple Botschaft, "Happiness is the truth", Glück ist Wahrheit, wird beglaubigt durch mehrere Hundert Darsteller: Prominente und Nobodys, Dicke, Dünne, Begnadete, Steife, Schwarze und Weiße tanzen, gleiten, hopsen, zappeln im Rhythmus dieses Songs durch die Straßen von L.A., einzeln oder in Gruppen, immer mit perfekt zum Playback passenden Lippenbewegungen: "Your love is too high to bring me down." Mithilfe der eingebauten Uhr kann man sich an jeden Zeitpunkt zwischen 0 und 24 Uhr katapultieren – das Glück ist schon da. Wem diese Vielfalt an Frisuren, Klamotten, Bewegungsarten, Lebenslust und Menschenmöglichkeiten kein Lächeln draufzaubert, ist aus Quark gemacht.

Christof Siemes

Der Tweet von: JPMorgan

Stelle keine Frage, auf die du die Antwort nicht hören möchtest! Die US-amerikanische Bank JP Morgan Chase, gerade im Gerede wegen geplanter tausendfacher Stellenstreichungen und milliardenschwerer Strafen nach diversen Verfahren infolge der Finanzkrise, musste diese Lektion im November schmerzhaft lernen. Unter dem Stichwort #AskJPM wollte das Geldinstitut via Twitter Anregungen für eine Fragestunde sammeln. Wohl anders als erwartet reagierten die Twitter-Nutzer darauf: "Wie viel Blut trinkt ihr eigentlich so im Monat?"; "Geht’s euch gut damit, die Demokratie systematisch zu untergraben?"; "Warum seid ihr eigentlich nicht im Gefängnis?"; "Motiviert euch die Möglichkeit, Menschen aus ihren Häusern zu werfen, oder reicht es euch, zu wissen, dass ihr das machen könntet?" Mehr als 33.000 Tweets kamen zusammen, die überwiegende Zahl in ähnlichem Zungenschlag. Woraufhin die Bank auf ihre Fragestunde verzichtete. Fazit eines Twitterers: "Wann immer ich mich in Zukunft wie ein Trottel fühle, tröste ich mich mit dem Hashtag #AskJPM."

Juliane Leopold und Karsten Polke-Majewski

Die Foto-App: Snapseed

Meine beste Freundin und ich machen häufig Fotoausflüge. Das heißt nicht nur fotografieren und die Ausbeute sichten, sondern auch gleich unterwegs mal schauen, was man aus den Fotos rausholen kann. Eines Tages startete meine Freundin die App SnapSeed auf ihrem Smartphone; rückte mithilfe der Autokorrektur ein zu dunkel geratenes Foto ins richtige Licht, mit dem Filtereffekt "Drama" verlieh sie ihm die Anmutung einer Filmszene, wandelte es schließlich in Schwarz-Weiß um und verstärkte den Kontrast. Wow! Und – *bling*, da war mein digitaler Moment.

Die App hab ich sofort geladen (kostenlos für Android und iOS) und anfangs alle Filter mit vielversprechenden Bezeichnungen ausprobiert: Grunge, Vintage, Tuning. Das geht mit Snapseed leicht und intuitiv. Inzwischen reichen mir die wichtigsten Einstellungen für Helligkeit und Kontrast. Qualität und Auflösung der bearbeiteten Fotos entsprechen übrigens fast Profistandards.

Mobile Bildbearbeitung ist im Mainstream angekommen. Das beweisen die Timelines von Twitter, Facebook und Instagram mit ihren sekündlich wechselnden Bildmassen. Sie machen den für die Ewigkeit festgehaltenen Moment selbst wieder zum verschwindenden Augenblick. Die höchste Währung für ein Foto ist Aufmerksamkeit. Viele glauben an die Macht der Effekte, die diesen Wert steigern sollen. Ich nicht. Meine Freundin und ich sind mittlerweile Spezialistinnen im Erkennen von Filtern. Scrollen wir durch Fotocommunitys, fallen häufiger Sätze wie: "Sieht schon ein bisschen sehr nach Drama aus!"

Jutta Schein

Die Abzocke mit: Der Annonce

"Ich wusste gar nicht, dass eure Wohnung so billig ist", sagte die Freundin am Telefon, nachdem sie diese in einem großen Immobilien-Portal gefunden hatte. Mit Fotos aller Zimmer, akkurater Beschreibung, vollständiger Adresse und zu unschlagbar günstiger Miete. Nur dass als Kontakt ein "Bernd" angegeben war. Vorweg, kein Bernd und auch sonst niemand hat sich bei mir zu Hause eingeschlichen und heimlich fotografiert. Tatsächlich habe ich selbst die Wohnung an anderer Stelle im Netz zur Zwischenmiete angeboten. Wenn dann aber abends Wildfremde klingeln, um zu fragen, ob die Wohnung denn noch zu haben sei, ist es schon ein bisschen beklemmend.

Unter falschem Namen habe ich Herrn Bernd kontaktiert. Sein Angebot entpuppte sich als Betrugsversuch nach einem weit verbreiteten Schema: In gebrochenem Englisch schrieb der angebliche Ire zurück, dass er meine Wohnung von Dublin aus vermieten müsse und leider nicht selbst zum Besichtigungstermin vorbeikommen könne. Gegen die Überweisung der Kaution und einer Monatsmiete könne er die Schlüssel aber zuschicken, bei Nichtgefallen bekäme man das Geld natürlich zurück. Zwei Tage später war seine Anzeige verschwunden.

Christoph Drösser