Wenig wissen wir über den jungen Mann aus Deutschland, der in den Jahren 1937 bis 1940 in Gent lebte und diese Gedichte schrieb. Wir betrachten die paar Fotos, die es von ihm gibt, aber sie passen schlecht zueinander, die Fotos und die Gedichte, es will kein Bild entstehen. Schlank, dunkles Haar, ernstes Gesicht. Ein Student, gekleidet in der Art der dreißiger Jahre, in Gent oder am Strand des belgischen Seebades Blankenberge mit dem Vater und mit einer Cousine. Alles recht hübsch, alle gut situiert, tadellos angezogen, braun gebrannt. Und dann geht er in seine Studentenkammer und schreibt:

Müde, Vater, all des Leides,
Möchte ich mich fröstelnd schmiegen
In die Falten Deines Kleides
Und an Deinem Herzen liegen.

In einer zweiten Strophe variiert er seine Fluchtfantasie und kommt in der dritten zur Sache. Nicht etwa um einen Anfall jugendlich-romantischer maladie du cœur geht es. Es geht um sein Leben auf der Flucht, um die Todesgefahr, in der er schwebt:

Frevel scheint solch feiges Streben,
Zählt man meiner Jahre Zahl.
Ach, wie gerne möcht’ ich leben,
Trüg ich nicht das gelbe Mal!

Das gelbe Mal, der Judenstern. Um ihn nicht tragen zu müssen daheim in Deutschland, ist er nach Gent geflohen. Aber er spürt, die Gefahr wächst. Je näher der Moment des deutschen Einmarsches in Belgien heranrückt, der 10. Mai 1940, desto düsterer werden Joachim Esbergs Genter Visionen. Offenbar unter dem Eindruck der "Kristallnacht" schreibt er die Ballade vom Holzbein.

Springe, hüpfe, Judenkrüppel,
Hoch, das Holzbein frisch geschwungen,
Sonst lehrt’s dich der Eisenknüppel,
Der hat Menschen schon bezwungen!

Am Ende der Ballade liegt der beinamputierte jüdische Frontsoldat und EK-Träger des Ersten Weltkrieges in seinem Blut, und blutbespritzt ist sein Eisernes Kreuz.

Mitten im Ersten Weltkrieg, am 19. September 1916, wird Joachim Esberg geboren, als Sohn des Pferdehändlers Ivan Esberg und seiner ersten Frau Suse in Wolfenbüttel. Dort wächst er auf und besucht das Realgymnasium. Als er 18 ist, stirbt die Mutter, im März 1935, eines seiner Gedichte beschwört die Erinnerung daran herauf. Dennoch, er hat ein gutes Leben. Der Vater ist ein angesehener Mann in der Stadt, er besitzt ein stattliches Haus im Zentrum, an der Ecke Lange Herzogstraße/Okerstraße gelegen. Aber er sieht, wie die Repressalien gegen Juden zunehmen. Auch etablierte Leute wie er sind nicht mehr sicher. 1937 entschließt er sich, seinen Sohn Joachim zum Studium ins noch sichere Ausland zu schicken. In Belgien hat er Geschäftsfreunde, in Gent. Die schweren Ackergäule und Brauereipferde, die er ins niedersächsische Umland verkauft, bezieht er von dort. Und so schickt er seinen Sohn in die alte flandrische Stadt.

Gent blieb unzerstört. Die Kanalbrücken, die Plätze, über die Joachim Esberg ging, sie gibt es alle noch und die Gassen auch, manche so eng, dass zwei, die aneinander vorbeiwollen, sich an die Hauswände drücken müssen. Doch auch auf diesen Wegen entsteht kein Bild von ihm. Es bleibt dabei, die Gedichte sind alles, wirklich alles, was von ihm blieb. Vielleicht ist das gut so. Sie wirken intravenös. Wer ein Herz im Leibe hat, kann sie nicht lesen, ohne geschüttelt zu werden.

Ja, es ist die alte, böse Geschichte, wir kennen sie allzu gut, und ja, dieser Joachim Esberg ist nur einer von vielen seiner Herkunft, seiner Generation, die spurlos verschwanden. Aber diese Stimme – sie flüstert und schreit, sie betet und klingt so nahe, als läge nur eine papierdünne Wand zwischen der Genter Studentenkammer am Vorabend der Hölle, in der er diese Verse schrieb, und unserem Hier und Jetzt. Als hielten wir das Ohr an diese Wand gepresst und hörten ihn selbst, halblaut, ohne allen historischen Abstand, ohne alle gut gemeinte Belehrung.

Seine Sehnsucht nach Liebe und Leben schreibt er in diese Verse hinein und den bebenden Zorn gegen ein Vaterland, das ihm nach dem Leben trachtet, einen Zorn, der gegen Ende hin immer mehr der Verzweiflung weicht – das alles zwar auch einmal ins Französische oder Flämische übertragen, aber doch empfunden und ausgedrückt in Geist und Stil der deutschen Romantik und Klassik. In der Sprache, die seine war. Was studiert er eigentlich in Gent? Germanistik, was denn sonst. Das ist ja die Welt, aus der er kommt, eine andere hat er nicht. Kein Fremder. Einer von hier, einer von uns, zum Fremden gemacht.

Zwei Quellen bezeugen Joachim Esbergs Studienzeit in Gent, seine Matrikelnummern und eine Tafel in der alten Aula der Universität in der Voldersstraat. 1937/38 ist er unter der Nummer 76886 im Fach Germanistik eingeschrieben, die Zwischenprüfung besteht er mit Auszeichnung. Auch das Studienjahr 1938/39 beendet er, nun unter der Nummer 78458, mit Auszeichnung. 1939/40 legt er, als Nummer 79909, keine Prüfung ab. Und 1940/41 ist er nicht mehr immatrikuliert. Die Erinnerungstafel in der Aula sagt, warum. Sie nennt die Namen von fünf Genter Studenten und einem Uni-Assistenten, die das NS-Regime auf dem Gewissen hat. Der zweite Name ist seiner.

Sein letzter Eintrag in die Kladde, das letzte Gedicht, ist kein eigenes. Eine Abschrift, ein Moment der Zuflucht, das Murmeln vertrauter Verse im Angesicht höchster Gefahr. Goethe. Wanderers Nachtlied. "Warte nur, balde / Ruhest du auch."

Von der Voldersstraat sind es zwanzig Minuten Fußweg zur Sportstraat 155. Dort bezieht Joachims Vater nach dem Krieg eine Wohnung. Er hat überlebt. Nicht lange nachdem er Joachim nach Gent geschickt hatte, vermutlich 1938, warnte ihn daheim in Wolfenbüttel die Frau eines Polizisten, die bei ihm im Haus arbeitete: Morgen früh werde er abgeholt, er solle auf der Stelle fliehen. Ivan Esberg hat diesen Moment kommen sehen, ein gepacktes Auto steht bereit. Er fährt sofort los und gelangt nach Gent. Nun sind beide dort, Vater und Sohn, die Strandfotos stammen aus dieser kurzen gemeinsamen Zeit. Nach dem deutschen Einmarsch in Belgien im Mai 1940 werden beide verhaftet und in Lager bei Perpignan verschleppt, aber der Vater kommt in ein anderes als der Sohn. Und anders als seinem Sohn gelingt es Ivan Esberg, zu entkommen und sich ins Département Hautes-Alpes durchzuschlagen. Dort taucht er über die Kriegsjahre bei der Wirtin eines Bistros unter. Ihr hat er seine Rettung zu verdanken und seinem, wenn man so will, französischen Gesicht unter der Baskenmütze, die er nun trägt. Im Bistro hört er den Gesprächen deutscher Soldaten zu, die nicht ahnen, dass der ältere Franzose dort drüben ein verfolgter Landsmann ist, er hört ihre Skepsis über den Ausgang des Krieges, ihre Zweifel am Sieg, aber von seinem Sohn hört er nichts.