Noch ist Wien in Dunkelheit gehüllt. In einem Hauseingang auf der Mariahilfer Straße erwacht der König. 51 Jahre ist er alt. Er hat strähniges Haar, und die Haut seines freundlichen Gesichts ist von der frostigen Witterung gereizt. Ungelenk wühlt sich der Mann aus seinem Schlafsack. Jeder seiner Bewegungen ist anzusehen, wie viel Kraft sie ihm kostet. Nun sitzt der König auf seinem Schlafsack, unter ihm der eisige Fliesenboden, im Rücken die kalte Mauer. In der Auslage daneben schimmern Outdoorjacken im grellen Scheinwerferlicht. Der König richtet sich die zerzauste Jacke und blickt aus seinem Nachtquartier auf die Straße: Bauarbeiter marschieren vorbei, die Müllabfuhr sammelt Abfall ein, hier und dort verschwindet ein Aktenkofferträger in einem der Gebäude. Die Mariahilfer Straße erwacht zum Leben.

Jetzt bewegt sich auch der andere Schlafsack in dem Hauseingang. Ein Mann mit aufgedunsenem Gesicht und weißem Rauschebart kriecht hervor. Eine verfilzte Wollmütze sitzt auf dem verfetteten Haar. Kurze Zeit später stolpert noch ein dritter Mann in den Hauseingang. Er ist ausgemergelt, der Bart zerzaust, und die Kleidung stinkt nach Urin. Er sinkt zu Boden. Seine Arme und Beine bleiben bleiern auf den kalten Fliesen liegen.

"Ich bin der König, und das ist der Prinz", sagt der Mann, der auf dem Schlafsack kauert, und zeigt auf den Mann mit dem Rauschebart. Tatsächlich heißt er Helmut, und der Mann mit dem Rauschebart ist der 57-jährige Günther. Auch der Mann mit dem derangierten Bart, der sich Alex nennt und 42 Jahre alt ist, hat seinen Platz in der Hierarchie gefunden: "Das ist der Diener." Ein Lachen dringt aus den drei Männerkehlen.

Nirgendwo im ganzen Land gibt es so viele Obdachlose wie in Wien. Nicht immer verschwinden sie nachts hinter den Türen jener Einrichtungen, die Caritas und andere Hilfsorganisationen ihnen zur Verfügung stellen. Viele Menschen ohne Bleibe schlagen die Angebote bewusst aus und übernachten trotz frostiger Temperaturen auf der Straße. Ihre Zahl können auch die Streetworker der Caritas nur schätzen. Mehrere Hundert dürften es sein, die sich zwischen Mariahilfer Straße, Donauinsel und Hütteldorf eine windgeschützte Nische für die Nacht suchen.

Gegen Witterung, Hunger und Ignoranz

Auch Helmut, Günther und Alex wollen nicht in den Notschlafstellen übernachten. Mit den Massenschlafsälen und den Vorschriften in den Unterkünften kommen sie nicht zurecht. Lieber verbringen die drei Männer ihre Nächte und meist auch ihre Tage in dem Hauseingang in der Mariahilfer Straße. Die Hausbewohner dulden sie, die Polizisten lassen sie meist gewähren. Die Feinde der obdachlosen Männer sind trotzdem zahlreich: Witterung, Frost, Hunger, die Ignoranz der Passanten. Dennoch kämpfen Helmut, Günther und Alex mit aller Kraft darum, das Einzige zu bewahren, was ihnen von ihrer Existenz noch geblieben ist: ihre Würde.

"Grüß Gott", erklingt es vom Boden. Es ist kurz vor neun Uhr, und durch den Hauseingang kommen nun immer mehr Menschen, die zur Arbeit in einem Callcenter eilen. Ein junger Mann erwidert den Gruß und verschwindet schon fast in der Tür. Dann kommt er noch einmal heraus. "Wollt’s einen Krapfen?", fragt er und drückt jedem ein Süßgebäck in die Hand. Auch andere Bewohner grüßen die drei am Fliesenboden. Später bringt eine Dame drei Paar Wollsocken vorbei. Der König betrachtet die Gabe und sagt: "Das wär ein tolles Geschenk für meinen Neffen." Die Männer lachen und stecken die Socken in ihre zerschlissenen Jacken.

Ein Doppelliter Rotwein macht seine erste Runde unter den Männern. Günther nimmt einen zögerlichen Schluck, dann reibt er sich mit dem Rücken an der Mauer. Ein juckender Ausschlag, wie man ihn bekommt, wenn man in feuchten Kleidern im Kalten schläft, raubt ihm die Ruhe. Mit seinen lädierten Händen kommt er nicht mehr heran an den Buckel. Schließlich geht Alex zu ihm, öffnet Günther den Kragen und kratzt ihm den Rücken. Günthers Gesicht entspannt sich.

Es ist fast 10 Uhr. Helmut steht nun erstmals von seinem Schlafsack auf. Das Plakat für eine Ü30-Party hat sich von der Wand gelöst und flattert windschief in der Luft. Helmut versucht, es wieder glatt zu streichen. "Ich wollt’s schon gestern richten, aber der Tixo klebt nicht mehr", sagt er. Auch ihre Kippen dämpfen die Männer immer vor dem Hauseingang auf der Mariahilfer Straße aus. Nur keinen Ärger machen, lautet die Devise in dem Hauseingang. Ihren windstillen Platz wollen sie nicht durch Streit mit den Bewohnern verlieren. Selbst die Weinflaschen entsorgen sie, sobald sie leer getrunken sind.

Seit mehreren Monaten lebt Helmut hier. Sein Besitz ist überschaubar: zwei Plastiksäcke, in denen er Gewand und Bierdosen hortet, und eine Brieftasche mit zwei Zehn-Euro-Scheinen. Der Hauseingang in der Mariahilfer Straße bietet ihm jenen Schutz, der auf der Straße den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen kann. Zwar frisst sich die Kälte durch den Fliesenboden in die Kleidung, aber wenigstens der Wind kann ihm in dieser Bucht nichts anhaben. Auch die Zweckgemeinschaft dient dem Überleben. Schläft man alleine, ist man Dieben schutzlos ausgeliefert. Im Hauseingang schauen die Männer aufeinander, teilen Bier und Essen und wärmen sich mit ihren Witzen. "Wenn wir den Humor verlieren, haben wir alles verloren", sagt Helmut.

Wie lange Helmut, ein sympathischer Waldviertler, schon auf der Straße lebt, ist schwer zu sagen. Helmut spricht klar und deutlich, aber ob auch stimmt, was er sagt, ist weniger klar. "Ich habe ja eine Wohnung", sagt er dann etwa. Auch eine Stelle als Koch würde er im kommenden Monat wieder antreten. Helmut sagt: "Ich bin Nichtraucher." Wenige Minuten später zündet er sich eine Zigarette an. Es ist vielleicht die Flucht in die Fantasie, die Helmut vor dem Wahnsinn der Realität rettet.

Früher habe er ein Café in Niederösterreich besessen, erzählt Helmut. Die Frau wäre mit einem Stammgast durchgebrannt. Kinder und Schulden seien ihm geblieben, und nach der Pleite seines Cafés habe er 16 Tage lang seine Finanzstrafe absitzen müssen. Es war seine einzige Begegnung mit dem Gefängnis. Jetzt kauert er neben seinen Schicksalsgefährten und blättert durch die Gratiszeitungen. Vor allem Fußball interessiert ihn.