Die Orgel, Königin der Instrumente! Kein anderes Musikinstrument hat einen solchen Tonumfang, eine solche Klangvielfalt, füllt den Raum, vorzugsweise eine Kirche, derart mit majestätischen Tönen.

Aber jede Orgel, man muss es leider sagen, klingt schief. Das liegt nicht am Organisten und nicht am Orgelbauer, es liegt an der Mathematik. Unser Tonsystem, das seit den altgriechischen Pythagoreern auf harmonischen Schwingungsverhältnissen aufbaut, hat einen eingebauten Fehler. Es ist nicht möglich, alle zwölf Töne der Tonleiter so zu stimmen, dass die harmonisch wichtigsten Intervalle, die Quinten und Terzen, alle sauber klingen.

Sauber, das würde heißen: Die Frequenzen von zwei Tönen, die eine große Terz voneinander entfernt sind, stehen im Verhältnis 4 zu 5, bei der Quint beträgt die Relation 2 zu 3. Man kann noch so viel herumprobieren, es gibt keine Lösung dieses Problems. Letztlich liegt es daran, dass zwölf aufeinandergetürmte Quinten oder drei Terzen nicht wieder zum Ausgangston zurückführen, sondern knapp daneben landen. Oder, für Mathematiker gesagt: dass eine Zahl nicht gleichzeitig eine Potenz von 2, 3 und 5 sein kann.

Unter dieser Unvollkommenheit haben alle Musiker zu leiden, aber die Organisten ganz besonders. Und auch diejenigen, die mit ihnen musizieren müssen. Beim Klavier fallen die Unsauberkeiten nicht so auf, weil dessen Töne schnell verklingen. Aber wenn neben einem Chor ein Organist einen unsauberen Fis-Dur-Akkord spielt, dann müssen die Sänger sich in den schrägen Klang einfügen.

Jede Orgel liegt also tonal ein bisschen daneben. Wirklich jede? Nein, eine Orgel gibt es, eine einzige auf der ganzen Welt, die sauber klingt. Das jedenfalls behaupten Werner Mohrlok und Markus Voigt. Um ihr Instrument zu hören, muss man tief in den Osten fahren, nach Bad Liebenwerda im Dreiländereck zwischen Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Dort, beim Orgelbauer Voigt, steht sie, die erste "dynamisch stimmbare Orgel".

Sie gleicht auf den ersten Blick einer gewöhnlichen Orgel, wie man sie in jeder Kirche vorfinden kann: mehrere Register von Metall- und Holzpfeifen, ein Manual und Basspedale für den Spieler. Die Unterschiede werden sichtbar, wenn man sich die Pfeifen näher ansieht. Jede hat ein kleines, verschiebbares Element, das die Luftsäule vergrößern und verkleinern und damit die Tonhöhe verändern kann. Und jedes dieser Elemente wird über einen Stellmotor von einem Computer gesteuert. Der Organist wählt über ein kleines Kästchen neben der Tastatur entweder eine feste Stimmung der Pfeifen oder eben die variable, von Mohrlok entwickelte "Hermode"-Stimmung. Bei der werden innerhalb von Millisekunden die Stimmungen der einzelnen Pfeifen so verändert, dass die Töne möglichst harmonisch zueinander klingen.

Über die Jahrhunderte hat es viele Strategien gegeben, die Pfeifen oder Saiten von Tasteninstrumenten so zu stimmen, dass die Unsauberkeiten möglichst wenig auffallen. In der Renaissance hat man die natürliche Stimmung benutzt, bei der die Quinten rein gestimmt werden. Der Preis dafür ist, dass in den meisten Fällen die Terz viel zu groß ist. Als die dann im Frühbarock zum bestimmenden Intervall wurde, verfiel man auf die mitteltönige Stimmung. Die sorgt dafür, dass in den Tonarten rund um C-Dur, die vor allem auf den weißen Tasten gespielt werden, alles ziemlich sauber klingt – um den Preis, dass die Intervalle in Tonarten mit vielen schwarzen Tasten in den Ohren wehtun.

Das ging so lange gut, wie sich die Kompositionen weitgehend auf eine Tonart beschränkten. Dann aber begannen Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Stücke zu schreiben, die mittels komplizierter Modulationen quer durch die Tonarten wanderten. Dazu mussten neue Stimmungen erfunden werden – die sogenannten temperierten, in denen alle Harmonien einigermaßen erträglich klangen. Bach war so begeistert von diesen neuen Möglichkeiten, dass er seinen Klavierzyklus Das wohltemperierte Klavier schrieb, dessen Präludien und Fugen alle 24 Dur- und Molltonarten verwenden.

In der Moderne schließlich machte man den radikalen Schritt zur sogenannten gleichstufigen Stimmung: Die teilt die Oktave in zwölf gleich große Halbtonschritte auf, es gibt keine reinen Intervalle mehr. Die Quinten sind in dieser Stimmung nahe am Ideal, aber es gibt keine einzige saubere große Terz, alle sind erheblich zu hoch. Wer auf einem modernen Klavier spielt, kommt nie in den Genuss einer wirklich reinen Terz.