Endlich Chemie studieren können! Es gibt kaum etwas, was sich Eghbal Nabizadeh sehnlicher wünscht. Ein bescheidener Traum für einen 18-jährigen Deutschen. Ein kaum erreichbares Ziel für einen 18-jährigen Flüchtling in Deutschland. "Es ist ein bisschen schwierig", sagt Eghbal, der in einem winzigen Zimmer in einem Asylbewerberheim in Sachsen-Anhalt wohnt. Er stammt aus Afghanistan und wuchs im Iran auf. Dort sei er als Ausländer diskriminiert worden, sagt er, er hätte später nicht studieren und kein Auto kaufen dürfen. Dabei musste er nach dem Tod des Vaters für seine Mutter und seine Schwester sorgen. Vor zweieinhalb Jahren floh er nach Deutschland. Sein Ziel: eine gute Ausbildung machen, um genug Geld für seine Familie verdienen zu können. Doch in Deutschland ist Bildung für einen Flüchtling nicht leicht zu bekommen.

Eghbal kam erst nach Hamburg, dann nach Bayern, schließlich landete der damals 16-Jährige in einem Flüchtlingsheim in Burg in Sachsen-Anhalt. Hier konnte er endlich zur Schule gehen – bis die Ausländerbehörde nach mehr als einem halben Jahr merkte, dass Eghbal als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling lebte, und ihn an eine spezielle Einrichtung im 30 Kilometer entfernten Magdeburg überwies. Weil es mitten im Schuljahr war, nahm ihn dort keine Schule auf. Auch die Fahrtkosten hätten weder Ausländerbehörde noch Sozialamt übernehmen wollen – ein Dreivierteljahr konnte Eghbal nicht zur Schule gehen.

Grundsätzlich hat jedes Kind in Deutschland das Recht auf Bildung, Deutschland hat 1992 die Kinderrechtskonvention unterzeichnet. Doch jedes Bundesland entscheidet selbst, wie dieses Recht in der Praxis umgesetzt wird: Lange Zeit galt vielerorts für Flüchtlingskinder statt der Schulpflicht nur ein Schulrecht. Das hieß, dass die Eltern extra einen Antrag stellen mussten, wenn ihr Kind lernen sollte. Oft scheiterte das an mangelnden Deutschkenntnissen. Und weil Flüchtlingskinder keine Schulpflicht haben, mussten die Behörden auch nichts unternehmen, wenn das Kind nicht in der Schule auftauchte.

Langsam setzt ein Umdenken ein. Die meisten Bundesländer haben inzwischen die Schulpflicht auf Kinder mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus ausgeweitet. Doch auch das garantiert häufig noch nicht, dass der Schulbesuch auch wirklich ermöglicht wird. In Berlin zum Beispiel werden immer wieder Flüchtlingskinder abgelehnt, weil es nicht genügend Plätze in den speziellen Klassen gibt, in denen sie Deutsch lernen sollen.

Wie im Fall von Eghbal geht das Schulrecht für Flüchtlinge immer wieder unter in einem Wirrwarr aus undurchsichtigen Regelungen und Zuständigkeiten. Dass der Schulbesuch an scheinbar banalen Dingen wie zu hohen Fahrtkosten scheitert, ist keine Seltenheit. Vor allem in ländlichen Gebieten liegen die Unterkünfte für Asylbewerber meist viele Kilometer weit entfernt von der nächsten Schule.

Weil die Wirtschaft Fachkräfte braucht, werden Flüchtlingskinder besser gefördert

Eindeutige Regeln wären allerdings dringend nötig: Seit 2007 steigt die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland wieder. Allein im September 2013 wurden mehr als 13 700 Anträge gestellt. Auch wenn unsicher ist, ob sie bleiben dürfen, sollten ihre Kinder sowie jugendliche Flüchtlinge zur Schule gehen dürfen. Denn alles, was sie als junge Menschen nicht lernen können, ist später nur schwer nachzuholen. Für Jugendliche wie Eghbal aber ist der Schulzugang besonders unsicher, da je nach Bundesland die Schulpflicht mit 16 oder 18 Jahren endet. Schulen können die Aufnahme und Ämter die Kostenübernahme dann leichter ablehnen.

"Wenn die Situation nicht so düster wäre, gäbe es uns nicht", sagt Michael Stenger. Er gründete vor 13 Jahren die Schlau-Schule in München, in der jugendliche Flüchtlinge ihren Schulabschluss nachholen können. Dort lernen die Schüler in kleinen Klassen. Wer Hilfe beim Deutschlernen braucht, bekommt sie. Es geht nicht nur um die reine Wissensvermittlung, sondern auch darum, den Jugendlichen Selbstvertrauen und Ziele zu vermitteln. Ein Konzept, das Erfolg hat. "Wir wollen zeigen, dass es für unsere Gesellschaft ein extremer Gewinn ist, in die Bildung von Flüchtlingen zu investieren", sagt Stenger. "Mein Ziel ist, dass wir die Schlau-Schule irgendwann nicht mehr brauchen, weil der Staat seiner Aufgabe nachkommt. Aber ich kann meine Angestellten beruhigen: Das braucht noch viel Zeit."

Doch immerhin beobachtet Stenger, dass sich die Dinge allmählich bessern. "Mein bester Partner ist der Fachkräftemangel. Wenn die Wirtschaft Arbeitskräfte braucht, sind Flüchtlinge willkommen." Tatsächlich hat Bayern vor Kurzem ein Berufsintegrationsjahr eingeführt, in dem Jugendliche durch Sprachförderung und sozialpädagogische Betreuung fit gemacht werden für eine Ausbildung. Zudem gilt in Deutschland seit Juli eine geänderte Beschäftigungsverordnung, nach der deutsche Jugendliche nicht mehr vorrangig eingestellt werden müssen.

Wenn die Kinder es tatsächlich in die deutschen Schulen schaffen, gibt es dort meist weitere Probleme. Die Sprache ist der erste und wichtigste Schritt für den Zugang zu Bildung. Doch nicht immer ist klar geregelt, ob und unter welchen Umständen die Flüchtlingskinder Deutsch lernen. Denn Gesetze zu ändern ist das eine – eine sinnvolle Umsetzung in der Praxis das andere. "Ich fühle mich oft überfordert", sagt eine Lehrerin der 100. Grundschule in Leipzig. Sie ist seit diesem Schuljahr eingeteilt für den DaZ-Unterricht. DaZ heißt Deutsch als Zweitsprache. "Wir suchen den Radiergummi und malen ihn gelb aus", sagt sie langsam. Vor ihr sitzen vier Kinder der 1a an zwei zusammengeschobenen Schulbänken. Ihre Zeigefinger kreisen über einem Arbeitsblatt und suchen das richtige Bildchen. Die Kinder kommen aus Serbien, Rumänien, dem Irak. Einmal am Tag haben sie DaZ, danach mit dem Rest ihrer Klasse Musik, Kunst und Sport. Von den 142 Schülern der Grundschule in einem Plattenbauviertel am Rand der Stadt spricht knapp ein Drittel wenig oder kein Deutsch. Aber es gibt nur zwei DaZ-Lehrerinnen. "Wie sollen wir den Kindern da gerecht werden?", fragt die Schulleiterin Franziska Horn. Viele leben in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber nur ein paar Hundert Meter entfernt. "Manche müssen erst mal lernen, wie Schule funktioniert. Dass man still sitzt, sich meldet. Andere haben Konzentrations- oder Lernschwierigkeiten."