DIE ZEIT: Sie möchten eine "School in the Cloud" errichten, eine "Schule in der Datenwolke". Für dieses Vorhaben haben Sie in diesem Jahr den mit 1.000.000 Dollar dotierten TED-Preis für technische Innovationen gewonnen. Wie muss man sich eine solche Schule vorstellen?

Sugata Mitra: Ihr liegt ein ganz anderes Prinzip des Lernens zugrunde. Die Schüler sollen sich im Grunde alles selbst beibringen. Sie bekommen eine Frage gestellt: Was passiert mit der Luft, die wir einatmen? Während sie dann selbstständig und ohne Hilfe eines Lehrers versuchen, sie zu beantworten, lernen sie etwas über die Zusammensetzung der Luft, den Blutkreislauf und darüber, warum Sauerstoff wichtig für jede Zelle ist.

ZEIT: Ist es nicht eher unwahrscheinlich, dass die Kinder sich so viel selbst beibringen können – und es dann auch noch wirklich tun?

Mitra: Ich habe schon vor einigen Jahren bei meinen "Hole in the Wall"-Experimenten zeigen können, dass es tatsächlich funktioniert. Ich hatte damals auf der Rückseite eines Bürogebäudes einen Computer in eine Wand eingelassen und festgeschraubt. Bald kamen die Kinder aus dem Slum in der Nähe und fragten, ob sie den Computer anfassen könnten. "Klar", sagte ich, "macht damit, was ihr wollt." Obwohl sie kein Englisch konnten und vorher noch nie einen Computer in der Hand hatten, surften sie acht Stunden später im Internet – ich war baff. Aber sie brachten sich nicht nur selbst bei, wie man das Netz durchsucht, sie lernten später auch das Grundprinzip des Computers zu verstehen. Das lief so mit Computern in der Wand an vielen Orten Indiens.

ZEIT: Aber wie viel haben die Kinder dabei wirklich verstanden und gelernt?

Mitra: Das habe ich mich auch gefragt. Deshalb habe ich das Ganze bald danach etwas verschärft: Ich habe Kinder, die eigentlich nur Tamil sprechen, beauftragt, das Prinzip der Verdopplung des Erbguts, der DNA, zu lernen. Nach zwei Monaten kam ich wieder, da hatten sie immerhin schon verstanden, wie es grundsätzlich funktioniert, dass sich das Erbgut verdoppelt. Ich bat eine Bekannte, die sich mit Biologie nicht auskannte, die Kinder einfach durch Nachfragen zu ermutigen. Danach schafften die Kinder bei einem Wissenstest zu dem Thema schon über 50 Prozent. Später habe ich Lehrer im Ruhestand über Skype zugeschaltet. Die stellen ihre Fragen also über Kamera und Telefon und ermutigen so die Kinder. Das haben wir "Granni-Cloud" genannt, nach der Bezeichnung für Großmutter und -vater, weil natürlich vor allem Ältere für so etwas Zeit haben und auch motiviert sind.

ZEIT: Übertragen auf Ihre School in the Cloud – heißt das, jeder mit Internetzugang kann sich einfach in diese Schule einklinken?

Mitra: Nein, so einfach geht das nicht. Man muss schon einen Ort haben mit einer selbstorganisierten Lernumgebung, auf Englisch Self-Organized Learning Environment, kurz Sole. Darin stehen Computer mit Breitband-Internetanschluss, aber ungefähr nur ein Fünftel so viele, wie es Schüler gibt. So arbeiten fünf Schüler an einem Computer zusammen, und Teamwork kommt zustande. Meine Vision ist es, erst einmal vor allem dort solche Soles zu schaffen, wo die Kinder sonst nur wenig Schulbildung bekommen würden.

ZEIT: Und die einzigen Erwachsenen, mit denen die Schüler zu tun haben, sind die in der Granni-Cloud? Gerade in den vergangenen Jahren konnte in Studien immer wieder gezeigt werden, dass für die Lernleistung nicht die Methode oder das Fach entscheidend ist, sondern der Lehrer.

Mitra: In der Tat, nach dem heutigen System steht und fällt das Lernen mit der Qualität des Lehrers. Das neue System aber wäre frei von dieser Abhängigkeit. Außerdem sollen vor Ort auch einzelne Lehrer sein, die allerdings nicht unterrichten, sondern nur motivieren. Sie stellen jeweils eine Frage, und sehen den Kindern dann beim Lernen zu.

ZEIT: Der Lehrplan bestünde dann einfach aus einer Liste von Fragen?

Mitra: Das ist das Ziel, ja. Wir wollen einmal einen Fragenkatalog haben, bei dem die Antworten alles umfassen, was die Schüler lernen sollen.

ZEIT: Eine Menge Inhalte dürften sich aber nicht mit spannenden Fragen einfangen lassen.

Mitra: Das glaube ich nicht. Ich habe Schüler zum Beispiel gefragt: Woher weiß eigentlich ein iPad, wo es sich befindet? Das führt dann zu Satelliten und GPS – und schließlich zur Trigonometrie. Man kann sich allem von einer langweiligen oder einer spannenden Seite aus nähern. In der Schule und in der Universität lernen wir die langweiligen Seiten kennen, erst später in der Wissenschaft oder im Beruf geht es dann um das, was spannend und nützlich ist. Leider ist unser ganzes System da falsch herum aufgebaut. Das sollte sich ändern.