David Grossman geht auf und ab, Stunde um Stunde. Immer wieder tigert er durch den zehn Meter langen Korridor, der an seine spartanische Schreibklause grenzt. Allein wegen dieser zehn Meter hat der israelische Schriftsteller die kleine Wohnung sofort gemietet, er braucht diesen Bewegungsraum für Füße und Geist. Beim Gehen sucht er nach dem einen Wort, das ein bestimmtes Gefühl exakt wiedergibt. Wenn er es gefunden hat, setzt er sich für einen Moment auf seinen Stuhl, der, abgesehen vom Schreibtisch, der einzige Einrichtungsgegenstand ist. Wenn er den Gedanken notiert hat, hält es ihn nicht mehr. Grossman springt auf, zurück auf den Korridor, der gehende Poet setzt seine Wanderung fort.

So schildert Grossman, Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, seinen Schaffensprozess. Das Leitmotiv des Gehens durchzieht sein Werk. In seinem bekanntesten Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht (2009) begibt sich die Mutter eines Soldaten auf eine Odyssee durch Israel, in der Hoffnung, der Kunde vom Tod ihres Sohnes an der Front durch dauernde Bewegung zu entrinnen. Eine Endloswanderung ist auch Andreas Kriegenburgs Uraufführungsinszenierung von Grossmans Aus der Zeit fallen am Deutschen Theater Berlin. Diese "Erzählung für Stimmen" beginnt mit dem Satz "Ich muss gehn". Ein Mann verlässt den heimischen Herd, um die Nähe seines toten Sohnes zu suchen und dabei gleichsam zu dessen Wiedergänger zu werden. Nach und nach schließen sich ihm Menschen an, die seinen Verlust teilen: eine Hebamme, eine Netzflickerin, ein Schuster, ein Herzog und ein greiser Rechenlehrer. Auf der Bühne wird das Stampfen und Schlurfen ihrer Schritte zum Rhythmus dieser Jenseitsreise. Selbst während sie rastet, darf die märchenhafte Karawane nicht stillstehen. Sie kommt nicht vom Fleck, weil sich die von Olga Ventosa Quintana entworfene Drehbühne in die entgegengesetzte Richtung bewegt. Eine Prozession der Ruhelosen, die an die biblische Umkreisung der Stadt Jericho erinnert. Als die Israeliten sie zum siebten Mal umrundet hatten, fiel die Stadtmauer in sich zusammen. Wände haben auch die Trauernden in ihren Seelen hochgezogen, die Katastrophe isoliert selbst die Angehörigen voneinander. Kriegenburg wählt dafür eine zwingende Bühnenmetapher: In durchsichtigen Kästen hadern die Schauspieler jeder für sich mit dem Schicksal, getrennt von ihren Liebsten. Kapseln des Schweigens.

Die Hinterlassenen befinden sich in einer Art Limbus, nicht tot, aber auch den Lebenden nicht mehr zugehörig. Diese gespenstische Zwischenwelt besteht im Deutschen Theater aus Massen an Plastikfolie. Das Material schimmert wie der Leib eines Fisches, Bühnenarbeiter spannen Bahnen durch den Raum, in denen sich die Spieler verfangen. Sie sind nicht bloß aus der Zeit gefallen, sondern befinden sich im fortwährenden Fall.

Grossmans Erzählung handelt vom Verlust und Wiederfinden der Sprache: Der "Chronist der Stadt" sammelt die Leidensgeschichten anderer, nachdem er sein Kind nicht vor dem Ertrinken bewahren konnte. Er verwächst mit seinem Schreibtisch, ein "Zentaur", halb Ding, halb Mensch, weil die Erinnerung an seinen toten Sohn ihn lähmt. "Ich muss mich ihm gegenüber bewegen können, mich regen, nicht erstarren wie das Kaninchen vor der Schlange", heißt es im Text. Bewegung als Überlebensstrategie.

Grossmans Erzählung ist ein Grenzgänger zwischen den Genres und zugleich prädestiniert für die Bühne: Sie setzt sich wie ein Theaterstück aus Monologen, Dialogen und Kommentaren im Duktus von Regieanweisungen zusammen; die poetische Verssprache ("Wir sind hier / und er ist dort, / grenzewig / zwischen hier / und dort") erinnert an Lyrik; die Handlung an die Epen Homers; die Thematik an ein Requiem; die Form an ein Hörspiel. Erst in der Aufführung aber wird das Zerbrechen der Sprache, das Grossman im hebräischen Original durch abrupte Zeilenumbrüche versinnbildlicht, aufgehoben. Schon die Übersetzerin Anne Birkenhauer hatte die Verszeilen an Atemeinheiten angepasst – in der Inszenierung wird das ursprüngliche Schriftbild vollends überwunden. Man kann das so verstehen: Sobald die Menschen wieder miteinander sprechen (und zu Atem kommen), kann auch die Sprache genesen.

Den Autor hat Kriegenburg mit seiner Inszenierung schon vor der Premiere überzeugt. Einen Tag vor der Uraufführung kommt Grossman tief gerührt aus einer Probe und sagt: "Andreas hat mein Werk erst vollendet. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass es gespielt werden muss. Ich habe die Menschen beim Schreiben sprechen gehört." Im Gespräch betont er, dass sein "Chor der Gehenden" zwar von der antiken Tragödie inspiriert sei, aber sich in einem Punkt deutlich von ihr unterscheide: "Bei mir kann man die Individuen noch heraushören. Mein Chor von Solisten begehrt auf gegen die Vereinnahmung der Toten durch das Kollektiv. Wenn in Israel ein Soldat fällt, wird er sofort von der Gemeinschaft adoptiert und glorifiziert, um die Schuldfrage zu umgehen. Ich fordere vom Kollektiv die Intimität der Trauer um die Liebsten zurück." Dann bricht er ab, seine dunklen Augen warten auf eine Reaktion der Gesprächspartnerin – darauf, dass sie den tieferen Sinn von Grossmans Worten versteht. Denn Grossmans Sohn Uri wurde 2006 in den letzten Tagen des Libanonkrieges im Alter von 20 Jahren von einer Hisbollah-Rakete getötet. Und Grossman bevölkert seine Erzählung mit Alter-Ego-Figuren, die sich mit ihm auf seine innere Endloswanderung begeben.