So sieht eine wahrhaft revolutionäre Begegnung aus. Vor der grell leuchtenden Bühne auf dem Maidan liegen sich der deutsche EU-Abgeordnete Elmar Brok und das ukrainische Popsternchen Ruslana in den Armen. "So good to see you!" Beide lächeln um die Wette, Ruslana in hautengem Schwarz, Brok mit Brille und weitem Wollmantel. Ruslana hat 2004 den Eurovision Song Contest gewonnen und kämpft für den Westkurs ihres Landes. Brok leitet den Auswärtigen Ausschuss im EU-Parlament und versucht, der Ukraine den Weg in Richtung Europa zu ebnen. Er führt eine Delegation des Europäischen Parlaments an, die in Kiew vermitteln will. Ruslana singt in diesen dramatischen Stunden, Brok verhandelt.

Das Ringen um den nach Russland größten Staat der Ex-Sowjetunion ist in vollem Gange. Auch Broks Mission ist ein Teil dieses weltpolitischen Prestigeduells. In dessen Hauptakt findet am Dienstag dieser Woche ein Showdown statt. Während die EU keine klare Linie findet, bietet Putin der Ukraine Geld und Gas. Als Präsident Viktor Janukowitsch in Moskau eintraf, erwartete ihn Putins Belohnung für die standhafte Ablehnung der EU-Assoziierung. Janukowitsch unterschrieb weitreichende Verträge über Öl- und Gaslieferungen sowie Industriekooperation. Eine Not leidende Raffinerie in Odessa soll mit russischem Öl wiederbelebt, das Gas billiger werden. Russland will die eingeführten Handelshürden gegen ukrainische Waren beseitigen. Waffenschmieden in Russland und der Ukraine sollen zusammenarbeiten, enge militärische Bande sollen folgen. Moskau verspricht satte 15 Milliarden Dollar; sie würden die Lücke im ukrainischen Haushalt für eine Weile schließen. Putin hat Janukowitsch Zeit gekauft.

Hat die EU den Kampf um die Ukraine verloren?

Im Herzen Kiews hört niemand diese Frage gern. Auf dem "Euro-Maidan" liegt das große Feldlager des Aufstands gegen Janukowitschs europafeindliche Politik. Wären nicht die Leuchtreklamen, wären die Barrikaden nicht aus Industriepaletten gebaut, die Szene könnte aus einem anderen Jahrhundert stammen. Haushohe Straßensperren schirmen die Demonstranten gegen die Polizei ab. Hinter ihnen Zelte, Schlafsäcke, lange Bänke, Lagerfeuer, Küchentische, Samoware, brodelnde Eisenkessel, mit Borschtsch gefüllt. Aus Hunderten von Rohren zieht der Rauch hoch, der den grandios beleuchteten Maidan vernebelt. "Schande über Janukowitsch!", rufen die Menschen, als die Kunde von den Verträgen mit Putin umgeht. "Er hat uns an Russland verkauft!" Die Menschen hier sind die unberechenbare Größe im großen Tauziehen um die Ukraine. Die Masse, die alle EU-Diplomatie und Putins Schachzüge unvorhersehbar macht. Das Volk, das sich eine europäische Ukraine wünscht.

Die Europa-Parlamentarier mit Elmar Brok an der Spitze nehmen Kurs auf das Gewerkschaftshaus, das Hauptquartier der Revolution: Kranke werden hier behandelt, Essen gekocht, Erklärungen verlesen, Pläne geschmiedet, die Zukunft wird verhandelt. Jeder sucht seinen Platz. Brok läuft einem Künstler in die Arme, der ihn gerade gezeichnet hat. Ein Mann im Gehrock mit Schulterstücken stellt sich als Orest I. vor, König der Ukraine. Brok will aber gerade andere treffen. "Vitali!", ruft er einem vorbeieilenden Riesen hinterher. Vitali Klitschko, Boxweltmeister und Galionsfigur des Aufstands, dreht sich um. Sie verabreden ein Treffen.

Elmar Brok und Rebecca Harms, die Ukraine-erfahrende Vorsitzende der Grünen im Europaparlament, versuchen, die Opposition auf einen einheitlichen Kurs einzuschwören. Denn einfach nur protestieren nützt nichts. Am Ende muss ein Ergebnis her, vielleicht eine Übergangsregierung oder vorgezogene Wahlen. Ohne eine Übereinkunft mit Janukowitsch könnte sich die Bewegung totlaufen. Und ohne Plan B auch. "Die Oppositionellen brauchen ein Programm", sagt Harms. "Sie brauchen eine gute Organisation", sagt Brok. Da ist das Problem. Die Parteien der Ukraine kreisen gemeinhin um eine einzige Person. Geht der Führer, stirbt die Partei. Das nützt am Ende nur Viktor Janukowitsch. Drei Parteien bilden derzeit die Oppositionskoalition, Klitschkos Udar-Partei, die von Elmar Broks christdemokratischer EVP Hilfe und Beratung bekommt. Dazu gesellen sich die Vaterlandspartei und die ultrarechte Swoboda. Letztere ist die Unberührbare im Bündnis, mit nationalistischen Ideen und antisemitischen Sprüchen. Das macht die Sache für Brüssel nicht einfacher.

Eigentlich hat die EU dieses ganze geopolitische Gerangel mit Russland nicht gewollt. Seit Jahren bereiten die Brüsseler Kommission und Parlamentarier wie Harms und Brok die Östliche Partnerschaft der EU und die Assoziierung der Ukraine vor. Die EU aber hat die Härte der russischen Reaktion unterschätzt. Der russische Präsident erpresste die ukrainische Regierung mit Geldforderungen für Gas und immer neuen Zollschranken.