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Wolfgang Schmidbauer, 72, ist Psychoanalytiker und Paartherapeut. Er beantwortet jede Woche im ZEITmagazin eine Frage der Liebe

Die Liebe ist nicht aus einem Guss: Ein Psychologe weiß nicht, ob es etwas wie Liebe im romantischen Sinn gibt. Beobachten lassen sich an den Menschen, die von Liebe sprechen, sexuelle Anziehung, Zärtlichkeit, Fürsorge, Eifersucht, Angst, einen Partner zu verlieren oder von ihm zurückgewiesen zu werden. Ein Paaranalytiker kann schwerlich an die Realität der Liebe glauben, wenn sich in Ehen unter diesem Wort nicht einmal die zwei Menschen das Gleiche vorstellen, die sie sich einst feierlich gelobten.

In unserer seelischen Entwicklungsgeschichte haben sich vor Jahrhunderttausenden die sexuelle Begierde und die Bindung des Kindes an den Erwachsenen verfilzt; daraus entstand die in den meisten menschlichen Kulturen selbstverständliche leidenschaftliche Abhängigkeit zwischen erotisch voneinander faszinierten Individuen. Menschliche Liebe ist von Anfang an "komplex", aus verschiedenen Emotionen zusammengesetzt und daher auch riskant. Liebe ist keine eindeutige Sache, sondern ein Bündel aus unterschiedlichen Elementen, die sich zu großer Festigkeit verbinden, aber auch überraschend zerfallen können. Das müssen jeden Tag Tausende erleben, deren Welt zusammenbricht, weil sie im Mobiltelefon Spuren einer Liebe ihrer Partnerin oder ihres Partners finden, die nicht sie betrifft, sondern Fremde. In ihrer materiellen Realität hat sich nichts verändert, in ihrer emotionalen alles.

Vielleicht ist es sinnvoll, Liebe als Mythos zu beschreiben. Aus der Untersuchung von Mythen wissen wir, dass sie häufig die Basis von Ritualen sind, welche eine Gemeinschaft formen. Der Liebesmythos begründet vielfältige, für Familien lebenswichtige kleine und große Rituale. Um sie zu vollziehen und die Familie zusammenzuhalten, müssen wir an den Mythos glauben, auch wenn wir wissen, dass er einer kritischen Prüfung nicht standhält. So wird es möglich, Liebe zu praktizieren, auch wenn die Sicherheit fehlt, dass sie tatsächlich existiert. Die kleinen Gefühle von Wärme, Freude und Verbundenheit sind wichtiger als die großen Beschwörungen.

Aber die Liebe ist auch ein Handwerk. Es gibt von Mark Twain die beglückende Geschichte über Tom Sawyer und den Gartenzaun. Ihr Kern ist die Kreativität eines Kindes, das eine eigentlich als mühevolle Strafe gedachte Arbeit wie das Streichen eines Zauns so eindrucksvoll in eine künstlerische Aufgabe umdeutet, dass die anfangs spöttischen Spielkameraden am Ende darum bitten, auch einmal pinseln zu dürfen. Es hat mit Handwerk zu tun, aus romantischen Höhenflügen jenes rätselhafte, alltagstaugliche Gebilde zu formen, das wir Liebe nennen. Wer sich selbst illusionslos beobachtet, wird nicht überzeugt sein, dass er tatsächlich so lieben kann, wie es Texte und Filme idealisieren. Aber jeder von uns kann versuchen, an seinen Fähigkeiten im liebevollen Umgang miteinander zu basteln und zu üben, bis sie ihn so befriedigen wie Tom der gekonnte Pinselstrich über die Zaunlatte.

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Anke Engelke, 47, ist Fernseh-Entertainerin

Nicht an sich denken, das macht ja der andere schon.

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Casper, 31, ist ein deutscher Rapper

ZEITmagazin: Casper, Liebeslieder können schnell ins Kitschige abdriften. Wie verhindern Sie das?

Casper: Man muss es schaffen, ein Gefühl, das schon abertausendmillionen Male in Zigmilliarden verschiedenen Arten und Weisen beschrieben wurde, neu und frisch zu beschreiben. Außerdem glaube ich, dass der Hörer schon merkt, ob ein Liebeslied konstruiert und unehrlich ist oder ob es wirklich von Herzen geschrieben ist.

ZEITmagazin: In einem Stück verarbeiten Sie eine gescheiterte Beziehung, darin heißt es: "Vielleicht sind 20 Quadratmeter zum Träumen zu klein." Wie viel Platz braucht denn die Liebe?

Casper: Ich glaube nicht, dass Liebe räumlich oder emotional eingrenzbar ist. Dennoch denke ich, dass Liebe Platz zum Atmen braucht. Trott ist der Teufel. Ich glaube, dass es schwer ist, die Droge Verliebtsein so zu dosieren, dass sie nach ewigen Zeiten immer noch kickt. Nun bin ich extrem viel unterwegs und merke, dass aus dem Vermissen zwischendurch das Verliebtsein immer wieder neu aufkeimt.

ZEITmagazin: Sie sind in der Provinz aufgewachsen und leben heute in Berlin. Haben Gefühle auf dem Land eine andere Wertigkeit als in der Großstadt?

Casper: Man hat in der Großstadt schon das Gefühl, dass in dem Überangebot eine Gleichgültigkeit herrscht. Ich kenne, im Gegensatz zum Leben auf dem Land, nur wenige Paare, die lange und ohne Seitensprünge zusammengeblieben sind.

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Peter Kümmel, 54, ist Theaterkritiker der ZEIT

Das Gedicht To His Coy Mistress des englischen Lyrikers Andrew Marvell will darauf hinaus, dass Liebe keinen Aufschub verträgt. Sein Verfasser ist seit 435 Jahren tot, dennoch gerät man in Unruhe, wenn man es liest – gerade so, als rufe er es uns, unterwegs zu einer dringenden Verabredung, im Vorbeieilen zu. Das Gedicht heißt in der deutschen Übersetzung An seine spröde Geliebte, es beginnt so: "Hätten wir Welt genug und Zeit, / Kein Fehler wär deine Sprödigkeit." Hätte der Dichter Zeit genug, er würde hundert Jahre lang das Auge der Geliebten preisen – vor allem "der Braue Strich". Die folgenden vierhundert Jahre würde er darauf verwenden, ihrer "Brüste Paar" zu loben – und dann nähme er sich noch "dreißigtausend Jahr’" Zeit, um weiteren Aspekten ihrer Schönheit gerecht zu werden. Er würde die Geliebte verewigen, indem er das Lexikon ihrer Reize verfasste, und erst dann, nach etwa 30.500 Jahren, würde er es wagen, sie zu berühren. Leider aber haben sie und er keine Zeit, denn: "... hinter mir jagt schon heran / Der Zeit geflügeltes Gespann, / Und vor uns liegen schon bereit / Wüsten endloser Ewigkeit." In dieser ferneren Zukunft wartet Übles: taube Sinne, verschwiegene Gruften, Würmer. Deshalb bittet der Dichter seine Geliebte, sie möge ihm ihre Zeit jetzt geben. "Let us roll all our strength, and all / Our sweetness, up into one ball." Also: "All unsre Kraft und Süße wollen / Zu einem einz’gen Ball wir rollen. / Den treiben wir, Ziel unsres Strebens, / Mit Wollust durch das Tor des Lebens. / Drum, will schon unsrer Sonne Wagen / Nicht halten, wollen wir ihn jagen." Alles zusammenwerfen, up into one ball – das muss man wagen, darauf kommt es wohl an in der Liebe. Wie lange der Ball dann rollt und wohin? Andrew Marvell will es nicht wissen, er weiß aber dies: Man soll die Zeit "lieber in einem Stück verschlingen, / Als sie in Häppchen hinzubringen".

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Katharina Schridde, 49, ist evangelische Benediktinerin und Pfarrerin

Eines Tages hörte ich, wie drei Frauen sangen. Ich weiß bis heute nicht, warum, es hat mich ergriffen. Die Frauen trugen schöne graue Gewänder und sangen die Psalmen aus dem ursprünglich jüdischen Gebetbuch in ihrer gregorianischen Form. Ich habe mich in diese ergreifende Eindeutigkeit verliebt, wie es eben ist beim Verlieben: Es wurde hell, das Unordentliche meines Lebens verwandelte sich in Heiterkeit und Leichtigkeit und Lebendigkeit.

Ich habe diese Frauen zuerst drei Tage lang umkreist und bin dann aus meiner Kreuzberger Wohngemeinschaft aufgebrochen, um auf den Schwanberg in Unterfranken zu fahren, wo diese Frauen in der evangelischen Ordensgemeinschaft Casteller Ring nach der benediktinischen Regel lebten. Alles – ob die Architektur des Schwanbergs, die zeitlichen Rhythmen oder die Ordnung des Lebens – deutete so wunderbar auf den einen Punkt, auf die eine Wesensmitte hin: eindeutig.

Natürlich hört die erste Phase der Verliebtheit auch in einem Orden nach einer Weile auf, das kannte ich aus meinen früheren Beziehungen, und was dann folgt, sind Zeiten des Übens, der Überwindung innerer Widerstände, ähnlich wie beim Erlernen eines Instruments oder bei der Disziplin, die ein Leben in Ehe oder Familie erfordert. Die Entscheidung, im Orden zu bleiben, ist von mir und meinen Zweifeln immer wieder infrage gestellt worden, aber ich habe mich doch immer aufs Neue fürs Bleiben entschieden. Die Verbindlichkeit drückt sich darin aus, einander drei gegenseitige Versprechen zu geben und sie einzuhalten, die heißen in ihrer gegenwärtigen Form: Gütergemeinschaft, Ehelosigkeit und mündiger Gehorsam. Bei der Ehelosigkeit geht es weniger um die Askese als um die Verfügbarkeit für den Geist Gottes im Orden. Es verhält sich mit diesem Geist, wie es im 1. Johannesbrief steht: Gott ist die Liebe, die Liebe ist in Gott. Sie ist ein Geschenk Gottes, dieser lebendigen Quelle von Gegenwart, Heimat und Sinn. Gott hat sich uns in Gestalt seines Sohnes als Liebe zu uns Menschen geschenkt. Aber ich kann mir schwer vorstellen, Gott zu lieben, ohne gleichzeitig Menschen zu lieben, und einige von ihnen besonders, als meine Geliebten.

Aber ich weiß auch, dass es Menschen gibt, die zu anderen Menschen keinen Zugang finden, manche lieben Tiere über alles, wieder andere verspüren Liebe nur für die Schöpfung. Gottes Liebe ist strömender Überfluss, sie erreicht jeden auf verschiedene Weise. Und natürlich lieben sich in der weltlichen Moderne viele Menschen auch, ohne dass sie an Gott glaubten oder ihre Liebe als Ausdruck Gottes verstünden. Aber wenn ich ein Paar sehe, das sich liebt, denke ich: Gott, was hast du da für ein schönes Paar erschaffen. Anders als die Freundschaft ist die Liebe immer körperlich, auch wenn sie nicht körperlich gelebt wird. Liebe spürt man unmittelbar leiblich. Sie ist ein Flimmern, eine Sehnsucht. Sie entzieht sich dem Willen, sie ist ein Verwobensein von Körper, Geist und Seele. Aber Liebe muss sich nicht sexuell ausdrücken. Eine sexuelle Beziehung schafft eine andere geistig-seelische Verbindung als eine nicht sexuelle. Die Gründe dafür können einem sicher die Biochemiker erklären. Diese besondere sexuelle Erfahrung der Innigkeit überträgt sich, wenn man sich einmal für Enthaltsamkeit entschieden hat, nicht auf Gott, zumindest nach meiner Auffassung und Erfahrung – auch wenn es die mystische Tradition des Christentums mit ihren Sublimierungskünsten anders versteht. Es kann wohl sein, dass Enthaltsamkeit eine Umwandlung von Energie in geistige Strahlkraft mit sich bringt, aber das ist meines Erachtens nur momentweise so und gewiss nicht generell.

Für mich heißt Enthaltsamkeit, bewusst und durch Entscheidung zu verzichten. Ich habe mich seit dem Ordensversprechen immer wieder in Menschen verliebt, aber auch wenn ich den lebenslangen Zölibat nicht für hilfreich halte, war für mich doch das Schwierigste im Ordensleben nie die Enthaltsamkeit, sondern die Zusage, an einem Ort zu bleiben, und schwierig war es auch, auf mündige Weise gehorsam zu sein. Ich würde die menschlichen Beziehungen, gerade weil sie so menschlich sind, etwas tiefer hängen. Sexualität ist nicht Ungehorsam gegen Gott, und sie dient auch nicht nur der Fortpflanzung, wie es die christliche Lehre seit Augustinus im Gedanken der Erbsünde ausgedrückt hat. Das war eine Fehlentwicklung, meine ich. Gottes Liebe ist in der sexuellen Liebe enthalten. Was Gottes Liebe aber von der menschlichen unterscheidet, ist die Geduld. Gottes Liebe ist geduldiger, als wir es sind. Sie ist unendlich geduldig.