Nach einem langen Aufstieg durch Farne, Brombeerdickicht und kniehohes Gras stemmt Karl Moser seine klobigen Schuhe in den Waldboden und legt seine Arme um die schönste Tanne, die er je gesehen hat. Ein Traum von einem Baum. Pyramidenförmig, dichte Äste, buschige Nadeln. Nahezu vollkommen. So eine Tanne existiert kein zweites Mal. Weder hier in Georgien noch sonst wo. "Das ist die Granate, die wir brauchen!", ruft Moser schnaufend.

Er kann den Stamm mit beiden Armen umfassen. "200 bis 300 Jahre alt, 30 Meter hoch", schätzt Moser. Neben Moser steht ein Mann und nickt: sein Geschäftspartner Henning Pein. "Perfekte Weihnachtsbaum-Gene", sagt Pein. Und das größte Glück: Die Baumkrone hängt voller rötlich schimmernder Zapfen, mit Zehntausenden winziger Tannenbaumsamen.

Fast 3000 Kilometer entfernt von ihrer Heimat stehen zwei Deutsche im August 2013 in einem Wald im Kaukasus und umarmen eine Tanne wie eine Chance, die es zu ergreifen gilt. Karl Moser und Henning Pein, beide Mitte fünfzig, Moser kahl, mit Stirnfalten, Pein mit rotblondem Haar. Zwei Handlungsreisende in Förstergrün, die sich in den tiefsten Osten Europas begeben haben, an den Anfang einer Geschichte, die jedes Jahr zu Weihnachten ihr Ende in den Wohnzimmern Westeuropas findet.

Vor zwei Tagen ist Moser morgens um halb sechs in seinen Passat gestiegen und die 50 Kilometer zum Stuttgarter Flughafen gefahren, vorbei am Spalier der Straßenlaternen, durch seine Heimatstadt Nagold mit ihren Brunnen, Parks und Fachwerkhäusern.

Gemeinsam mit Pein betreibt Moser die PlusBaum Samen GmbH. Sie sind die Zulieferer einer Zulieferindustrie: Sie verkaufen Samen an deutsche Baumschulen für alle Bäume, die in Wäldern, Parks und Gärten gepflanzt werden – Eiche, Buche, Douglasie, Weißtanne, Ahorn.

Am meisten Geld verdienen Moser und Pein mit den Samen der Nordmanntanne. "Sie ist der einzige Baum, den die Deutschen konsumieren wie ein Wegwerfprodukt", hatte Moser im Auto gesagt. Jedes Jahr zu Weihnachten, 24 Millionen Mal. Was kaum ein Kunde weiß: Die Samen des Weihnachtsbaums wachsen dort, wo sich Europa in den Weiten Asiens verläuft. Deshalb diese Reise.

Im Transitbereich des Flughafens Istanbul-Atatürk hatte Moser Pein in der Menge gesichtet. Pein, dem auch eine Baumschule in Norddeutschland gehört, war in Hamburg ins Flugzeug gestiegen. Nun schlug ihm Moser auf die Schulter: "Dann woll’n wir mal." Sie tranken ein überteuertes Heineken und stiegen in eine Maschine in die georgische Hauptstadt Tbilissi.

Die schönsten Nordmanntannen wachsen im Kaukasus ab etwa 1.000 Meter Höhe, in der Region Ambrolauri, nahe der Grenze zu Russland. Die Bergrücken fallen zu einem Stausee ab, dem Schaori-See. Tagsüber spiegelt sich die Sonne auf dem Wasser, nachts der Mond. Aus den Tälern steigen Rauchsäulen. Die Menschen heizen ihre Häuser mit Holz, ihre Straßen sind aus nacktem Lehm. Armut und Idylle sehen sich in Ambrolauri zum Verwechseln ähnlich.

1841 hat der finnische Biologe Alexander von Nordmann hier eine Tannenart mit kräftigen Zweigen und tiefgrünen Nadeln entdeckt und sie Abies nordmanniana getauft. Lange interessierte dieser Fund nur Botaniker. Bis vor zwanzig, dreißig Jahren stellten die Deutschen an Weihnachten eher einheimische Blaufichten in ihre Wohnzimmer. Doch die Anspruchshaltung im Westen stieg: Weihnachtsbäume sollten tiefgrün leuchten und weder piksen noch nadeln.

Als im Osten der Kommunismus zusammenbrach, wurde der Blick auf die Nordmanntanne frei. Moser – wie Pein gelernter Gärtnermeister, dazu Außenhandelskaufmann – flog nach Georgien, vermaß Bäume, tüftelte Transportwege aus und wurde gemeinsam mit Pein zum größten deutschen Importeur für georgisches Saatgut.

Drei von vier in Deutschland verkauften Weihnachtsbäumen sind heute Nordmanntannen. Moser und Pein haben aus einer botanischen Rarität ein ökonomisches Massenprodukt gemacht.

Die Samen für neue Bäume ließen sich auch in Deutschland ernten, theoretisch. Aber es gibt hier kaum Nordmanntannen, man müsste sie erst anpflanzen. Und bis sie Zapfen tragen, dauert es Jahrzehnte. So lange wollen die Weihnachtsbaumproduzenten nicht warten. Also holen sie die Samen für die nächsten Tannen wieder aus Georgien.

Pro Jahr verkaufen Moser und Pein rund zwei Tonnen Samen aus dem Kaukasus an deutsche Baumschulen. Seit einiger Zeit aber stoßen sie auf Konkurrenz, wenn sie nach Ambrolauri kommen.

Früher waren Girci, Tannenzapfen, in Georgien so wertlos wie Laub. Sie fielen von den Bäumen und verfaulten. Seit in Europa die Nordmanntanne zum weihnachtlichen Sinnbild avancierte, ist aus den Zapfen ein wertvoller Rohstoff geworden. Sie sind Georgiens Gold. Und um Gold wird gekämpft.

Importeure wie Moser und Pein wollen die Zapfen haben. Aber auch die Einheimischen. Der Staat. Eine Mafia, angeführt von einem georgischen Maiglöckchenhändler. Und noch eine Mafia hinter der Mafia, von Russen geführt.

In den Wäldern von Ambrolauri ist schwer zu erkennen, wer gut und wer böse ist in diesem Kampf.

Am Flughafen Tbilissi wurden Moser und Pein von drei Georgiern empfangen, die so wenig Englisch sprachen wie Moser und Pein Georgisch. Die Verständigung beschränkte sich auf Händeschütteln und schiefes Lächeln, bis eine Dolmetscherin in den gemieteten Geländewagen zustieg.

Fünf Stunden dauerte die Fahrt über kurvige Bergstraßen nach Ambrolauri, es folgte eine Nacht auf harten Matratzen, Zähneputzen am Brunnen und nun der Aufstieg durch den Wald. "Wir sollten zusammenbleiben, ich habe hier schon mal die Orientierung verloren", sagt Moser zu Pein.

Am Stamm des perfekten Weihnachtsbaumes hängt ein kleines Metallschild. Darauf steht mit schwarzer Farbe eine Zahl gekritzelt: 4.

Bei ihrem Besuch vor einem Jahr hatten Moser und Pein 33 Bäume markiert, die besonders schön gewachsen waren, deren Zapfen besonders gute Samen versprachen. An die Stämme hatten sie Schilder genagelt. Die meisten sind verschwunden. Moser massiert sich die Schläfen. "Jemand muss die Schilder abgerissen haben", sagt er langsam.

Dabei ist das hier ihr Erntegebiet, offiziell verbrieft. In diesem Wald passieren seltsame Dinge.

Moser überlegt. "Besser, wir entfernen auch dieses Schild", sagt er. "Wir sollten nicht unnötig auf unsere Prachttanne hinweisen."